Sieg gegen Belgien

Vor einem Jahr noch Pfiffe, jetzt ein gefeierter Held: die Verwandlung des Haris Seferovic

Haris Seferovic ist beim 5:2-Sieg gegen Belgien mit drei Treffern der überragende Mann. Plötzlich ist er, der vor einem Jahr noch ausgepfiffen wurde, der gefeierte Held. Die Pfiffe von damals haben aber Spuren hinterlassen.

Eigentlich ist es eine Szene, wie sie in allen Fussballstadien immer wieder vorkommt: Kurz vor Schluss der Partie wird der auffälligste Spieler ausgewechselt, worauf sich die Heimzuschauer von ihren Sitzen erheben und applaudieren. Und doch ist diese, so gewöhnliche Szene, in dieser 92. Minute zwischen der Schweiz und Belgien besonders beachtlich. Denn der Applaus gilt Haris Seferovic. Ausgerechnet Haris Seferovic.

Ein Jahr ist vergangen, seit der Stürmer beim 0:0 in der Barrage gegen Nordirland in Basel bei seiner Auswechslung gnadenlos ausgepfiffen wurde. Ein Ereignis, das Seferovic sichtlich nah ging, ihm Tränen in die Augen trieb. Und ein Ereignis, das ihn nachhaltig verändert hat. «Die Pfiffe haben etwas in mir ausgelöst, ich musste sie verarbeiten», sagt Seferovic. «Das hat mich stärker gemacht.»

Schweiz gewinnt 5:2 gegen Belgien – alle Tore im Video

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Die Schweiz gewinnt 5:2 gegen Belgien und qualifiziert sich für das Finalturnier der Nations League.

Seferovic spricht vom «perfekten Match»

Wie stark, zeigt er bei seinem überzeugenden Auftritt gegen Belgien in Luzern. Seferovic brilliert nicht nur mit drei Toren (inzwischen steht er bei 17 Länderspieltoren), auch sonst strotzt der Stürmer von Benfica Lissabon vor Selbstvertrauen. Physisch gut ist er schon immer, dazu kommen entschlossene Abschlüsse, kluge Seitenwechsel und scharfe Flankenbälle. Obwohl er direkt nach der Pause eine gute Torchance auslässt («Das Tor muss ich machen»), spricht Seferovic später vom «perfekten Match». Vielleicht ist die Schweiz beim 5:2-Sieg gegen den Weltranglistenersten Belgien die beste Schweizer Nationalmannschaft der letzten Jahre, sicher aber ist Haris Seferovic der beste Haris Seferovic, den die Schweiz bisher je zu sehen bekommen hat.

Nach dem Spiel reissen sich die Journalisten, um den «Mann aus Sursee». Selbst Captain Granit Xhaka, der sich von Arsenal einiges an Journalisten gewöhnt ist, staunt über die vielen Mikrofone, Smartphones und Kameras, die die Worte des Spielers des Tages einfangen möchten. «Wie wir nach einem 0:2-Rückstand reagiert haben, war stark», beginnt Seferovic seine Analyse, bevor er gefragt wird, was wirklich interessiert: Was sagt er dazu, dass er nun plötzlich gefeiert wird? «Natürlich freue ich mich, dass die Leute anerkannt haben, dass ich doch meine Qualitäten haben», meint Seferovic. «Die Fans wissen sicher, dass es für mich nach den Pfiffen keine einfache Situation war, daher ist die Reaktion nett. Ich freue mich.» Dann merkt Seferovic noch einer jener Sätze an, die auch als arrogant ausgelegt werden könnten: «Aber ich höre eigentlich nicht auf die Meinung anderer.»

Die Noten der Schweizer:

Vielleicht sind es solche Sätze, die Seferovic den Ruf des abgehobenen Fussballers eingebracht haben. Auch durch jenes Image hatte er vor einem Jahr die Gunst der Schweizer Fans verloren, als er Chancen en masse vergab. Dabei ist es ein Satz, der viel über Seferovic und seine Karriere aussagt. Zweifelslos mit grossem Talent gesegnet, hatte er immer wieder mit Widerständen zu kämpfen. Schon früh waren die Erwartungen an ihn riesig. An Haris Seferovic, den einzigen Schweizer Fussballer, der je ein Tor in einem WM-Final geschossen hat. 2009 krönte er die Schweiz mit seinem Kopfballtreffer zum U17-Weltmeister. «Die Erwartungen wurden dadurch sicher höher», sagt der 26-Jährige.

«Ich analysiere meine Leistung lieber selber»

Daraufhin wechselte Seferovic bereits früh ins Ausland, spielte in den letzten acht Jahren bei neun verschiedenen Vereinen. Überall hatte er sich durchbeissen müssen, kurz war er oben, dann wieder unten. Publikumsliebling war er nie. Dies, obwohl er mit seiner Interpretation der Stürmer-Rolle beliebt hätte sein können: Er rackert immer, läuft viel und ist sich nicht zu schade, auch defensiv mitzuhelfen.

Früher habe er auf andere gehört, sich dadurch auch mal verunsichern lassen, sagt Seferovic. Genau deshalb lasse er nun weder Rückmeldungen von «sogenannten Experten» noch von Fans an sich heran. «Ich analysiere meine Leistung lieber selber.» Als er bei Benfica nicht mehr spielte, blieb er ruhig, um, sobald er die Chance wieder erhielt, zu zeigen, was in ihm steckt. Beim ersten Startelf-Einsatz nach zehn Monaten traf er sogleich und gab einen schönen Assist.

Im Nationalteam hielt Trainer Vladimir Petkovic dagegen auch dann an Seferovic fest, als es dem Stürmer nicht lief und er im Verein monatelang auf der Bank Platz nehmen musste. Auch für diese Geduld kommt gegen Belgien die Belohnung – und vielleicht auch die Versöhnung von Haris Seferovic mit dem Schweizer Publikum.

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