WM14
«Wehe, ihr verliert!» – Ricardo Rodriguez' rasanter Aufstieg

Rückschläge gibt es bei Nati-Verteidiger Ricardo Rodriguez nicht. Vom FC Schwamendingen gehts zum FCZ, wird mit der U17 Weltmeister bevor es weitergeht zum VfL Wolfsburg. Die Geschichte eines rasanten Aufstiegs.

Etienne Wuillemin, Porto Seguro
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Vernascht gerne seine Gegenspieler

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Keystone

Fast eine Stunde lang beantwortet Ricardo Rodriguez an diesem Nachmittag Ende Mai in Feusisberg die Fragen einer Schulklasse. Am Schluss erhält er einen Ball als kleines Geschenk mit Glückwünschen für die WM. «Holt den Pokal!», steht da. Rodriguez lächelt.

In diesem Moment ist die WM noch einiges weiter weg als heute. Rodriguez ist einer der Schweizer Shootingstars, dieser goldenen Generation, die 2009 in Nigeria den U17-Weltmeistertitel gewann.

Einer, für den es danach immer weiter nach oben, direkt in die Welt der grossen Fussballstars ging. Ohne gröberen Rückschlag. Ohne schlimmere Verletzung. Jetzt ist er in Brasilien einer der grössten Schweizer Hoffnungsträger.

21 Jahre alt ist Rodriguez erst. Seit zweieinhalb Jahren spielt er in der Bundesliga beim VfL Wolfsburg. Gerade hat er eine überragende Saison hinter sich. Jede einzelne Minute bestritten, das schafft genau ein anderer Feldspieler neben ihm. Er hat die Bundesliga mit Toren (5) und Assists (9) verzückt. Er tritt Freistösse, Penaltys und Eckbälle. War gar in der Auswahl zum Spieler der Saison. Die Leistungen haben Interesse geweckt bei Topklubs. Chelsea, Real Madrid, Paris St-Germain, Barcelona. Überall taucht sein Name auf. Auch Manchester United könnte ein Thema werden.

Doch um einen grossen Transfer zu realisieren, braucht Rodriguez eine überragende WM. Nur so liesse sich die Investition von bis zu 25 Millionen Euro für die absoluten Top-Vereine rechtfertigen. Das bringt der Schweizer Pass im Portfolio manchmal mit sich.

«Robben hasst Pferdeschwänze»

Rodriguez setzt früh im Leben voll auf den Fussball. Er sagt: «Ich war nie gut in der Schule. Ich hätte es schwer gehabt, einen Job zu finden.» Beim FC Schwamendingen schnürt er erstmals seine Schuhe. «Futre» nennen sie ihn dort, in Anlehnung an den begnadeten portugiesischen Linksfuss. Bald wechselt Rodriguez zum FC Zürich. Und sehr bald verdrängt der Jüngling Ludovic Magnin als Linksverteidiger.

Seinen vielleicht erstaunlichsten Auftritt zeigt Rodriguez am 17. August 2011 in der Allianz Arena. Der FC Zürich ist zwar ziemlich überfordert in der Champions-League-Qualifikation gegen den FC Bayern. Aber nicht Rodriguez. Er spielt so stark, dass die «Süddeutsche Zeitung» am Tag darauf schreibt: «Robben hasst ab jetzt Pferdeschwänze.» Die langen Haare sind noch immer das Markenzeichen von Rodriguez, auf das er nicht verzichten mag.

In der Nationalmannschaft gehört er zwar noch nicht zu jenem Team, das beim «Umbruch» im Juni 2011 gegen England auf dem Platz steht. Den Platz von Reto Ziegler krallt er sich nach dessen roter Karte im entscheidenden EM-Qualifikationsspiel in Wales. Und gibt ihn nicht mehr her. Scheinbar mühelos.

Dass Rodriguez überhaupt Profi-Fussballer werden konnte, ist nicht selbstverständlich. Bei seiner Geburt litt er unter einer Zwerchfellhernie. Viele Operationen waren die Folge.

Zu den Gratulanten des U17-Weltmeisters gehörte auch das Ärzte-Team aus dem Kinderspital Zürich.

Rodriguez ist Sohn einer Chilenin und eines Spaniers. Seine Eltern lernten sich in der Schweiz kennen. Noch heute wohnt er bei ihnen, direkt neben dem Hallenstadion in Zürich Oerlikon, wenn er auf Besuch in der Schweiz ist. Eine eigene Wohnung braucht er nicht, «das wäre mir viel zu langweilig».

Wenn Rodriguez am Sonntag mit der Schweiz gegen Ecuador aufläuft, fiebern auch seine beiden Brüder Roberto (23) und Francisco (19) mit. Der Älteste entwickelt sich beim FC St. Gallen gut. Der Jüngste hat vor einigen Tagen beim FCZ seinen ersten Profivertrag unterschrieben. Robi, Rici und Cico, so nennen sie sich untereinander, und das tönt ein klein wenig nach Tick, Trick und Track, auch wenn sie keine Drillinge sind – und unterschiedliche Positionen spielen. Während Rici schon immer Verteidiger war, bevorzugt Robi die Rolle als Flügel, derweil Cico ein typischer Spielgestalter im defensiven Mittelfeld ist.

Zurück nach Feusisberg. Noch einmal wirbelt Rodriguez den Ball der Schüler in seinen Händen umher. Plötzlich liest er: «Wehe, ihr verliert!» Er lacht. Enttäuschungen haben in seinem Kopf keinen Platz. Auch in Brasilien nicht.