Fall Sion

Weshalb der Fussballverband im «Fall Sion» einlenken muss

Die FIFA droht dem Schweizer Fussballverband offen mit der Sperre, wenn der FC Sion für sein Verhalten nicht zur Rechenschaft gezogen wird. Damit bleibt dem Schweizer Fussballverband wohl nichts anderes übrig als einzulenken.

Als am Abend des 8. Dezember die Swiss Football League das Urteil der Disziplinarkommission (DK) bekannt gab, die Einsprache verschiedener Klubs gegen die Wertung von Spielen des FC Sion mit nicht qualifizierten Spielern sei abgelehnt, gab es kaum Reaktionen und noch weniger Aufregung.

Offensichtlich herrschte überwiegend die Meinung vor, Sion-Präsident Christian Constantin würde nun endlich Ruhe geben und der leidige «Fall Sion» sei ausgestanden. Einzig der Lausanner Präsident Jean-François Collet fand deutliche Worte und bezeichnete die Mitglieder der DK als «inkompetente Clowns».

FIFA handelt konsequent

Doch natürlich gab Constantin keine Ruhe und kündigte an, gegen die Wertung von Spielen, in denen er seine neuen Spieler nicht habe einsetzen dürfen, vorzugehen. Vor allem aber liess sich die Fifa nicht gefallen, dass ihr Befehl nicht umgesetzt worden war, den FC Sion mit Forfaitniederlagen in all jenen Spielen zu bestrafen, in denen die sechs Spieler teilgenommen hatten, die nach Auffassung des Weltverbandes keine Spielberechtigung haben durften.

Man kann über die Fifa denken, was man will. Sie für arrogant, selbstherrlich und gar korrupt halten, doch im «Fall Sion» ist ihr Vorgehen nachvollziehbar. Sie will die selbst vom Bundesgericht anerkannte Transfersperre gegen den FC Sion korrekt durchgezogen sehen und anerkennt die vom Walliser Verein selbst gemachte Zeitrechnung, in der auf Transfers verzichtet worden sei, nicht.

SFV hat versagt

Es ist verständlich, dass es die Fifa nicht toleriert, wenn ihre Entscheide vor ein Zivilgericht gezogen werden. Schon der gesunde Menschenverstand sagt ja, dass ein geregelter Spielbetrieb nur dann gewährleistet ist, wenn sich die Beteiligten der Verbandsgerichtsbarkeit unterwerfen, immer aber die Möglichkeit haben, den Internationalen Sportgerichtshof CAS anzurufen. Weil sich Constantin jedoch nicht um solche Selbstverständlichkeiten schert, sondern sie lieber unterläuft, ist der Schweizerische Fussballverband in die Bredouille geraten.

Allerdings hat der SFV seinen Teil zur Misere tüchtig beigetragen. In einer Medienmitteilung hatte er selbst bestätigt, dem FC Sion bezüglich der besagten Spieler aufgrund von «automatisierten Abläufen irrtümlicherweise standardisierte Qualifikations-Formulare zugestellt» und damit faktisch wohl die Spielberechtigung erteilt zu haben. Der Verdacht ist naheliegend, dass die DK vor diesem Hintergrund entschied, den FC Sion nicht mit Forfaitniederlagen zu belegen.

SFV kann sich nicht verstecken

Erstaunlich ist auch, dass die DK lediglich eine Woche nach diesem Urteil ein neues Verfahren gegen den FC Sion eröffnete. Dieses stehe im Zusammenhang mit den Fällen der im Sommer vom Klub engagierten Spieler Stefan Glarner, Billy Ketkeophomphone, Mario Mutsch, Pascal Feindouno, José Goncalves und Gabriel Garcia de la Torre «Gabri», teilte die Liga mit. «Die DK ermittle in der Frage, ob die FC Sion - OLA SA im Kontext der Fälle der Spieler gegen statutarische und/oder reglementarische Bestimmungen, sowie ob der Klub gegen Entscheide von Sportbehörden verstossen habe», lautete die Begründung.

Verstehe dies, wer will. Was um Himmelswillen hatte die DK denn in all der Zeit zuvor untersucht? Oder sah der SFV vielleicht das Damoklesschwert der Fifa über sich und war dieser Aktionismus eine Reaktion darauf? Fragen über Fragen, die in diesem Dschungel von Verfahren und Urteilen, superprovisorischen und provisorischen Verfügungen, immer schwieriger zu beantworten sind und selbst Juristen Mühe haben, den Überblick zu bewahren.

Wenn die Verbandspitze erklärt, sie könne gegen das Urteil der DK nichts tun, weil dieses unabhängig sei, ist ein schaler Beigeschmack dabei. Gewiss ist Unabhängigkeit wichtig, auf der anderen Seite aber ist die DK nichts anderes als eine Institution des SFV, hinter der sich der Verband um Präsident Peter Gilliéron nicht einfach verstecken kann.

SFV hat keine Wahl

Die Lage ist verzwickt, doch der SFV wird nicht darum herumkommen, sich der Fifa zu beugen, will er nicht den Ausschluss aus dem Weltverband mit weitgehenden Folgen für die Nationalmannschaft und den Klubfussball riskieren. Mit dem Horrorszenario, dass der FCB in der Champions League nicht gegen die Bayern antreten darf.

Das Rekursgericht tut gut daran, die Einsprachen diverser Super-League-Klubs gegen die Wertung von Partien des FC Sion gutzuheissen, und diese mit einem Forfait zu werten. Doch die Fifa wird darauf beharren, dass auch Spiele, bei denen mindestens einer der nicht qualifizierten Spieler mitwirkte, ohne dass ein Protest eingereicht worden war, mit einem Forfait zu bestrafen seien. Wie zum Beispiel die beiden Cuppartien gegen Colombier und Nyon.

Es ist ein steiniger Weg, den der SFV - allerdings auch aufgrund eigener Fehler - nun beschreiten muss. Aber eine Wahl hat er nicht; auch die Option, den Sportgerichtshof anzurufen, dürfte von der Fifa zum jetzigen Zeitpunkt nicht goutiert werden. Der SFV ist im Dilemma und unter Zeitdruck, weil die Fifa ihre Weisungen bis zum 13. Januar durchgesetzt sehen will. Andererseits steht fest, dass Constantin nach der Umsetzung der Fifa-Forderungen alle Hebel in Bewegung setzen wird, um Recht zu bekommen; und in gewissen Punkten dies juristisch sogar der Fall sein dürfte.

Niemals aber in der Grundsatzfrage, ob es im Sport gerechtfertigt ist, sich über das Verbandsrecht hinwegzusetzen und zivile Gesetze anzurufen. Würde dies Schule machen, wäre der Sport, wie wir ihn kennen, am Ende.

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