Fussball-Nati
Wie Xavi und Barcelona die Schweizer Nati prägten

Die Schweizer Fussballnationalmannschaft hat ein Überangebot im defensiven Mittelfeld. Das ist kein Zufall? Die «Sechser-Revolution» nahm mit der Dominanz von Barcelona und der Spielart von Xavi ihren Lauf.

Etienne Wuillemin, Vevey
Drucken
Nati-Trainer Ottmar Hitzfeld instruiert Mittelfeld-Spieler Gökhan Inler und Valon Behrami (Archiv)

Nati-Trainer Ottmar Hitzfeld instruiert Mittelfeld-Spieler Gökhan Inler und Valon Behrami (Archiv)

Keystone

Wer einem Touristen die Rolle der Schweiz in der Weltpolitik erklären will, kann den Fussball zu Hilfe nehmen. Die politische Schweiz ähnelt dem Wesen und Wirken eines defensiven Mittelfeldspielers, der sogenannten «Nummer 6». Überall ein bisschen involviert, wichtig für das Gesamtgefüge, aber eben doch nicht wirklich dabei, wenn im Strafraum Entscheidendes geschieht.

Im Schweizer Fussball wimmelt es von Sechsern. Es ist die umstrittenste Position im Nationalteam. In den bisherigen Spielen der WM-Qualifikation besetzten sie jeweils Gökhan Inler und Valon Behrami. Blerim Dzemaili und Pirmin Schwegler sind die Herausforderer. Für andere, durchaus valable Kandidaten wie Xhaka, Frei, Salatic, Lustenberger oder Gelson bleibt kein Platz.

Die Frage aber lautet: Warum ist die Position im defensiven Mittelfeld derart attraktiv geworden? Peter Knäbel, seit 2009 technischer Direktor des Schweizerischen Fussballverbands, hat einen Wandel festgestellt. «Die Sechser haben an Wertschätzung gewonnen. Das merkt man nur schon daran, dass eine leicht negative Bezeichnung wie ‹Staubsauger› völlig verschwunden ist.»

Auffangbecken der Gescheiterten

Den Beginn der «Sechser-Revolution» ortet Knäbel in der Startphase der Dominanz von Barcelona, in der Spielart von Xavi. Irgendwann zwischen der EM 2004 und der WM 2006. Es war auch die Zeit, als das gängige 4-4-2-System flexibilisiert wurde, als die Klubs begannen, vermehrt nur noch mit einem Stürmer zu spielen. «Plötzlich hat man gemerkt: Die Position des Sechsers, die ist ja wichtig!», erinnert sich Knäbel.

Mit der gestiegenen Wertschätzung des Sechsers beobachtet Knäbel die Tendenz, dass «jeder, dem es als Regisseur in der Offensive nicht mehr reichte, plötzlich Sechser spielt.» Die Position vor der Abwehr wird quasi zum Auffangbecken der Gescheiterten auf ihrem zweiten Bildungsweg.

Der Blick aufs Schweizer Nationalteam bestätigt dies. Inler und Behrami spielten früher auf der Seite. Schwegler als Offensiv-Regisseur, Dzemaili als Innenverteidiger.

Lernen von Gündogan und Khedira

Aus dem aktuellen Überangebot an Sechsern zu folgern, man könne die Ausbildung für diese Position in Zukunft etwas vernachlässigen, hält Dany Ryser indes für fahrlässig. «Jeder Fussballer muss seinen Talenten entsprechend eingesetzt werden», sagt der ehemalige Trainer der U17-Weltmeister. Und weiter: «Es muss unser Ziel sein, überall Luxusprobleme zu bekommen.»

Für Knäbel ist trotzdem klar: «Unsere Junioren müssen so lange wie möglich so weit vorne wie möglich spielen. Wir müssen immer wieder darauf drängen, genug Spieler zu haben, die das 1:0 schiessen - das ist das wichtigste Tor im Fussball.»

Hier ist Ryser einverstanden. Jeder Junior müsse darauf getrimmt werden, in den Abschluss zu gehen - auch von hinteren Positionen aus. «Die überragende Qualität von Spielern wie Gündogan oder Khedira ist ihre Variabilität. Sie spüren, wann sie den Pass nach vorne spielen müssen, wann sie selbst mit nach vorne müssen.»

Knäbel fügt einen weiteren Punkt an: «Was die Intensität angeht, haben wir Nachholbedarf. Joachim Löw versuchte mit Deutschland die Ballbesitz-Zeiten um die Hälfte zu reduzieren - dass es ihm gelungen ist, sieht man fast mit blossem Auge.»

Problem Dzemaili?

Noch ist offen, wie Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld auf die veränderte Lage in Neapel reagiert. Dort hat Dzemaili seinem Konkurrenten Inler dank überzeugenden Leistungen den Stammplatz weggeschnappt. Hitzfeld stellt seinen Captain für das Spiel gegen Zypern am Samstag infrage. Möglich ist auch, dass alle drei Napoli-Söldner spielen, Dzemaili dann in der Rolle des Spielgestalters.

Das Interesse des Boulevards an Dzemaili beschränkt sich zwar vorderhand auf den gewählten Parkplatz seines Ferraris, doch eigentlich stehen wegweisende Tage an für den Zürcher. Wenn Hitzfeld wieder nicht auf ihn setzt, dürfte er sich irgendwann fragen, warum er seine Freizeit im Nationalteam verbringt ohne Aussichten auf Einsätze.

Vero Salatic hat bei den Grasshoppers eine starke Saison hinter sich. Er war eine der prägenden Figuren dieser Super-League-Saison. «Irgendwann verlor ich den Glauben, dass es einmal für das Nationalteam reicht», sagt er. Und fügt an: «Die Hoffnung natürlich nicht.»

Anders Amir Abrashi, auch er GC-Mittelfeldstratege. Er entschied sich letzte Woche, in Zukunft für Albanien zu spielen. «Auf die Dauer ist es schlecht, das Prädikat ‹Nationalspieler› zu verlieren.» In der Schweiz sah er dafür keine Chance.

Es kommt deshalb schon bald zum Wiedersehen: Am 11. Oktober spielt die Schweiz in Albanien.