Das Bild stammt aus dem WM-Achtelfinal Schweiz gegen Argentinien. Es ist kurz vor der Pause. Josip Drmic läuft alleine auf Torhüter Romero zu. Es könnte das 1:0 für die Schweiz sein. Es könnte der Wegweiser für die historische Viertelfinal-Qualifikation sein.

Der Lupfer: Josip Drmic versucht Torhüter Romero zu verschaukeln, es gelingt allerdings nicht.

Der Lupfer: Josip Drmic versucht Torhüter Romero zu verschaukeln, es gelingt allerdings nicht.

Ja, es wird ein Moment, den Drmic nie im Leben vergisst. Nur anders als gedacht.

Drmic versucht, den Ball über Romero hinwegzulupfen. Es misslingt. In der Verlängerung verliert die Schweiz 0:1. Aus der Traum.

Knapp vier Jahre später schaut sich Drmic in Lugano das Bild wieder an. Er sagt: «Ich bin ein Mensch – also denke ich weiterhin daran. Es wäre nicht gut, wenn ich die Szene einfach vergessen würde.» Häufig hat er sich die Chance auf Video angeschaut.

Geholfen hat ihm aber vor allem eines: «Trainer Ottmar Hitzfeld sagte mir im Anschluss an das Spiel: ‹Kopf hoch, Josip, du hast alles richtig gemacht.› Ohne diese Worte hätte ich wohl mehr Mühe gehabt, die Szene zu verarbeiten.»

«Warum passiert das immer mir?»

Vier Jahre später steht wieder eine WM vor der Tür. Diesmal in Russland. Und wer weiss, vielleicht schafft es Drmic ja, sich ein wenig zu versöhnen, vielleicht kommt diesmal sein grosser Moment. Es wäre eine schöne Geschichte. Aber um diese Geschichte geht es nicht. Im Leben von Josip Drmic gibt es bedeutendere Dinge.

In den vier Jahren zwischen den Weltmeisterschaften von Brasilien 2014 und Russland 2018 hing die Fussball-Karriere von Drmic an einem seidenen Faden. Ein Knorpelschaden im Knie zwang ihn mehrfach zu monatelangen Pausen. Ein erstes Mal einige Monate vor der EM 2016. Ein zweites Mal im April 2017.

«Ich war hilflos, es war schwierig, mit der Situation klarzukommen», sagte Drmic Ende des Jahres, als absehbar war, dass es gelingen würde, wieder im Profibusiness Fuss zu fassen. «Zuerst sagte ich mir: O. k., neun Monate Therapie, das ziehe ich jetzt durch. Mit der zweiten Operation hatte ich mehr Mühe. Ich stellte mir Fragen: Warum passiert das immer mir?»

Immer wieder musste Josip Drmic in der Vergangenheit pausieren.

Immer wieder musste Josip Drmic in der Vergangenheit pausieren.

Es gab nicht wenige Leute, die ihm das Karrierenende voraussagten. Drmic aber glaubte an sich selbst. Er zeigte einen unbändigen Willen, er sortierte die negativen Einflüsse in seinem Leben aus. Die Arbeit lohnte sich.

Ein Anker in dieser schwierigen Zeit war jeweils das Nationalteam. Mit Trainer Petkovic war er stets in Kontakt. Er liess Drmic Herzlichkeit und Anteilnahme spüren – und die Überzeugung, dass er es wieder zurück auf die grosse Bühne schaffen würde.

Jetzt ist es so weit. Drmic ist wieder da. Rechtzeitig vor der WM. «Hut ab vor seiner Leistung!», sagt Sturmkollege Haris Seferovic, «viele hätten bei solchen gravierenden Problemen wohl aufgegeben.»

Drmic, 25-jährig erst, sitzt im Cornaredo von Lugano an einem kleinen Tisch. In jedem seiner Sätze drückt auch die Dankbarkeit durch, dabei sein zu dürfen. «Das schwierigste in meiner Leidenszeit war, gewisse Momente zu überstehen und weiterzumachen. Ich habe alles gegeben, wollte es unbedingt zurückschaffen. Und am Ende hat mir mein Weg eines gezeigt: Es lohnt sich, zu kämpfen.»

Der Beinahe-Torschützenkönig

In der Bundesliga bei Borussia Mönchengladbach erhielt Drmic seit März einige Einsatzgelegenheiten. In den letzten sechs Spielen schoss er vier Tore. «Diese Statistiken sind für mich eine Belohnung für den harten Leidensweg.» Er vergisst auch nicht zu erwähnen, dass diesmal ihm das Glück beiseitestand. Einige Einsatzminuten erhielt er, weil Gladbach viele Verletzte hatte.

Klar ist: Viele Schweizer Stürmer gibt es nicht, die jene Abschlussstärke haben, die Drmic auszeichnet, wenn er fit ist. Mit Nürnberg wurde er vor vier Jahren beinahe Torschützenkönig der Bundesliga. Seine Dynamik ist ebenfalls bemerkenswert. Er ist jedenfalls ein Element, das dem Schweizer Nationalteam guttut. Auf und neben dem Platz.

Abschlussfrage: Josip Drmic, sind Sie schon wieder so gut wie vor den Verletzungen? «Das Einzige, was ich weiss, ist, dass es kein Limit gibt. Es geht immer höher.» Vielleicht auch an der WM.