Umdenken bei Sportgrossanlässen
Ein radikal neuer Ansatz: Zuerst das Erbe und erst danach den passenden Event dazu bestimmen

Das Vermächtnis soll bei der Planung von sportlichen Grossanlässen in den Mittelpunkt rücken – auch dank sanftem Druck des Bundes. Die aktuellen Schweizer Beispiele von Jugendolympiade und Winteruniversiade haben auch beim IOC Eindruck hinterlassen.

Rainer Sommerhalder
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Ein bleibendes Erbe der Youth Olympic Games im Februar 2020 in Lausanne: Die Olympische Premiere der Skitouren-Wettkämpfe.

Ein bleibendes Erbe der Youth Olympic Games im Februar 2020 in Lausanne: Die Olympische Premiere der Skitouren-Wettkämpfe.

Keystone

Wert hat, was bleibt. Dieses Denkmuster soll im Schweizer Sport verankert werden. Der Fokus bei der Ausrichtung von sportlichen Grossanlässen liegt in Zukunft viel stärker auf der sogenannten «Legacy», dem Vermächtnis eines Events. Er soll eine Wirkung entfalten, die weit über die Wettkampftage hinausgeht.

Dafür sorgt auch die neue Sportgrossanlass-Strategie des Bundes, welche die millionenschweren Fördermittel eng an konkrete Konzepte über bleibende Werte von Veranstaltungen knüpft. «Das Vermächtnis ist der Treiber für die zukünftige Bundesförderung von Grossanlässen», sagt Stefan Leutwyler, der Verantwortliche Sportpolitik im Bundesamt für Sport. Für die Organisatoren solcher Wettkämpfe stellt sich damit die zentrale Frage, mit welcher Strategie sie ihre Sportart weiterentwickeln wollen – etwa den Frauenradsport durch die Durchführung der Strassen-WM 2024 in Zürich.

Wie gewinnt man eine Olympia-Abstimmung?

Ein Kontext dieser Anstrengungen ist klar ersichtlich. In westlichen Staaten gingen in den vergangenen Jahren Dutzende von Abstimmungen über die Durchführung des wichtigsten und grössten Multisportanlasses verloren – der Olympischen Spiele. Diskussionen zu den horrenden Kosten dominierten die Debatten. Argumente über den Wert von Errungenschaften im Sog solcher Megaevents gingen unter. Einerseits, weil es in der Vergangenheit schlicht zu wenig gelungene Beispiele gab. Andererseits, weil die Legacy von Sportanlässen im Denkmuster der Veranstalter zu oft nur eine Randerscheinung blieb.

Inzwischen hat auch das Internationale Olympische Komitee die Wichtigkeit dieses Diskurses erkannt und das Profil geschärft. Und gerade der Schweizer Sport erweist sich bei dieser veränderten Auffassung zum Thema Vermächtnis als Innovationstreiber. Denn die beiden grossen Multisportanlässe der jüngsten Zeit – die Olympischen Jugendspiele im Winter 2020 in Lausanne sowie die Winteruniversiade in zwei Wochen in Luzern – punkten mit ihrer Fokussierung auf eben dieses Vermächtnis.

Winteruniversiade mit 50 Projekten in fünf Bereichen

Die Legacy der Winteruniversiade Luzern folgt einem Gesamtkonzept mit rund 50 grösseren und kleineren Projekten in fünf Bereichen: Duale Karriere, Sportentwicklung, Innovation, Begeisterung der Bevölkerung sowie Entwicklung des Hochschulsports. Grossanlässe sind Katalysatoren für die Weiterentwicklung des Schweizer Sports und sie können auch ohne hohen Infrastrukturkosten eine nachhaltige Wirkung erzeugen. Sei es durch Verbesserungen der Rahmenbedingungen für Athletinnen und Athleten, durch die Schaffung innovativer Impulse oder durch gezielte Entwicklungen der Sportinfrastruktur. Die Vision hinter der Stärkung der dualen Karriere lautet: Die Sportstars von heute sind die Wirtschaftsführer von morgen. Deshalb soll das Treffen der weltbesten Studierenden dazu genutzt werden, die Vereinbarkeit und die Akzeptanz von Spitzensport und Studium zu erhöhen. Auch wenn das Konzept der Universiade klar dem Faden folgte, keine neuen Sportstätten aus dem Boden zu stampfen, bleiben für den Sport Errungenschaften zurück: In mehreren Destinationen wird die Trainingsinfrastruktur verbessert, etwa durch den Ausbau der Rollskibahn im Biathlonzentrum Lenzerheide oder der Pistenbeleuchtung im Skigebiet Stoos. Mit der Schaffung eines nationalen Leistungszentrums für die olympische Disziplin Shorttrack am OYM in Cham erhält eine in der Schweiz bislang kaum verankerte Sportart einen enormen Schub. Gross geschrieben wird auch das Thema Innovation mittels Förderung der Zusammenarbeit zwischen Sport und Wissenschaft.

In der Westschweiz war es das Transportkonzept mit konsequenter Fokussierung auf den öffentlichen Verkehr sowie der neue Ansatz, die Teilnehmenden in zwei zeitlichen Wellen an den Wettkämpfen starten zu lassen. In der Innerschweiz werden dank dem Zusammenspiel von Sport und Wissenschaft sowohl sportlich wie gesellschaftlich bleibende Werte geschaffen.

Dies auch dank der Unterstützung von Swiss Olympic. Ralph Stöckli, der Verantwortliche für Grossanlässe beim Dachverband, betont das grosse Anliegen, welches das Vermächtnis von Sportevents auch in der neuen Strategie von Swiss Olympic ist. Es geht um bleibende Werte in der Sportförderung, für die Region des jeweiligen Anlasses und für die Gesellschaft. Stöckli weiss, dass auch das IOC mit ausgeprägtem Interesse auf die aktuellen Beispiele aus der Schweiz blickt: «Wir spüren eine grosse Offenheit für innovative Ansätze. Denn die Corona-Pandemie hat ganz klar gezeigt, dass Grossanlässe unbedingt ihre Komplexität reduzieren müssen. Dazu hilft ein vertiefter Blick auf die Hinterlassenschaft solcher Events.»

Die Idee des Erbes gibt die Art des Events vor

Mike Kurt, Präsident von Swiss University Sports und einer der treibenden Köpfe der Legacy-Projekte der Winteruniversiade, fordert ein radikales Umdenken: «Legacy First! - das Vermächtnis muss künftig am Anfang der Planung eines Grossevents stehen», sagt Kurt. Zuerst also die Frage, was ein Sportverband erreichen oder anstossen will und erst danach die Entscheidung, welcher Wettkampf dafür sinnvolles Werkzeug sein kann. Kurt fordert, die Strahlkraft solcher Events viel besser zu nutzen.

Ein aktuelles Beispiel für dieses neue Denkmuster bietet der Skiverband. Swiss Ski hat im Rahmen einer Strategie ein Konzept zur Durchführung gleich mehrerer Weltmeisterschaften in einem Zeithorizont von gut zehn Jahren erarbeitet. Mit der Gründung einer Veranstaltungs-AG und der Durchführung von Workshops zum Thema Legacy sorgt man zudem für einen roten Faden in dieser Strategie.

Etwas, das auch das Baspo und Swiss Olympic mit der Gründung einer gemeinsamen Koordinationsstelle für die Organisation von Grossanlässen zukünftig tun wollen. Die konsequente Nutzung von Erfahrungen und Synergien soll dazu führen, dass Know-how gebündelt wird und nicht jeder Veranstalter seinen Grossanlass von Null an aufbauen muss.

Dem neuen Denkmuster kann sich keiner entziehen

Auch eine strukturiere Vorgehensweise bei der Erarbeitung von bleibenden Werten gehört zum Repertoire dieser neu geschaffenen Beratungsstelle, die im Laufe des kommenden Jahres installiert und gegen Ende 2022 Wirkung entfalten soll. «Der Effekt dieser Koordination wird stetig wachsen», erhofft sich Stefan Leutwyler.

Oft wird das Vermächtnis eines Grossanlasses mit den Diskussionen über die Nachhaltigkeit eines Events vermischt. Obwohl beide Themen für das Image eines Sportanlasses einen Mehrwert schaffen können, sind es zwei verschiedene Paar Schuhe. Positive ökologische Bilanzen zu erreichen, gehört inzwischen zur selbstverständlichen Bemühung jeder Veranstaltung.

Das Vermächtnis soll es nun ebenfalls werden. Dazu dient auch der sanfte Druck, welcher der Bund mit der Verknüpfung der finanziellen Unterstützung an das Vorhandensein von Projekten setzt. Aus Organisationsbeiträgen werden Fördergelder und die Legacy rückt ins Zentrum des politischen Denkens der Verbände bei der Durchführung von Grossanlässen. Diesem Mechanismus wird sich der Schweizer Sport zukünftig nicht mehr entziehen können.

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