Der Auftritt von Giulia Steingruber widerspiegelt ihre derzeitige Verfassung. Vier Tage vor dem ersten Wettkampf seit ihrer historischen Olympia-Bronzemedaille am 14. August 2016 in Rio schwankt die Gefühlslage zwischen Zuversicht und Zurückhaltung. «Wenn ich ehrlich bin, fühle ich vor dem Comeback sogar ein wenig Angst», sagt das Aushängeschild des Schweizer Kunstturnens. Der Wiedereinstieg nach einer so langen Pause sei komplett neu. «Es ist etwas, das ich nicht kenne.»

Genauso wenig wie ihr tatsächliches Leistungsniveau. Bei 75 Prozent sei sie, vor allem am Boden müsse sie nach erst sechs Trainingswochen mit maximaler Belastung noch beträchtliche Abstriche machen. Und bisweilen stolpert die 23-Jährige über die eigene Ungeduld, die Ansprüche an sich selber. «Nur noch vier Wochen bis zu den Weltmeisterschaften in Montreal», schwirrt es ihr dann durch den Kopf. Reicht das?

Steingruber nach ihrem grössten Triumph: Der Sprung-Bronzemedaille an den Olympischen Spielen in Rio.

Steingruber nach ihrem grössten Triumph: Der Sprung-Bronzemedaille an den Olympischen Spielen in Rio.

Das Gefühl, die Zeit laufe ihr davon, taucht auf und verschwindet wieder. Die erste interne WM-Qualifikation am Freitag hat die fünffache Europameisterin gewonnnen – mit einem neuen Vorwärtssalto am Boden, dem Rio-Programm bei den Sprüngen und auf dem Schwebebalken sowie einer umgestellten, um den Jägersalto erweiterten Übung am Stufenbarren.

Das gibt Zuversicht. Aber nicht nur. «Ich bin vor der Schweizer Meisterschaft extrem nervös», sagt Steingruber, «ich muss meine eigenen Erwartungen realistisch setzen, denn ich möchte nicht von mir enttäuscht sein.» Noch fehle es ihr an Fitness und an Selbstvertrauen. «Ich hatte bei der Rückkehr keine Garantie, dass ich es nochmals schaffe, und dies steht nach wie vor in den Sternen.» Das schmeckt nach Understatement.

Ein Jahr mit vielen Emotionen

Vielleicht tut sich Giulia Steingruber einfach schwer damit, ihre Gefühlswelt wieder zu ordnen. Denn sie blickt auf ein höchst emotionales Jahr zurück. Zuerst der Karriere-Höhepunkt beim Sprung in Rio, danach die Verletzung im Boden-Final. Im rechten Fuss, der seit Jahren eine körperliche Schwachstelle der Gossauer Ehrenbürgerin war, ist das Aussenband kaputt, im Sprunggelenk haben sich durch die enormen Belastungen Knochensplitter verselbstständigt und ein Knorpelschaden muss ebenfalls repariert werden. Hinzu kommt eine psychische Krise, der Blues nach dem Erreichen eines grossen Ziels.

Im Boden-Final in Rio verletzte sich Steingruber.

Im Boden-Final in Rio verletzte sich Steingruber.

Vor der Operation am 10. Januar gönnt sich Steingruber eine siebenwöchige Auszeit in Australien und auf Fidschi – die erste wirkliche Pause in einer bis zum letzten Detail durchorganisierten Karriere. Zur mentalen Ungewissheit, ob die Rückkehr an die Weltspitze gelingen wird, gesellt sich im Februar eine tiefe Trauer. Ihre drei Jahre ältere Schwester Désirée, seit der Geburt schwerstbehindert, stirbt an einer Lungenentzündung.

Giulia hilft weniger die Rückkehr ins eigentliche Kunstturntraining im April als vielmehr das Setzen eines neuen Ziels. In drei Jahren an den Olympischen Spielen in Tokio will die Schweizer Sportlerin des Jahres 2013 noch einmal richtig durchstarten, die Bronzemedaille versilbern oder gar vergolden. Und dann die schillernde Bühne des Spitzensportes wohl verlassen.

Lob für den neuen Trainer

Tokio 2020 ist Leitfaden für das gesamte Schweizer Frauenkader. Gemeinsam will man sich das Olympia-Ticket holen. Überhaupt schwärmt Giulia Steingruber von der «viel besseren
Atmosphäre im Team». Offensichtlich ist das Kalkül des Verbandes aufgegangen, sich von Steingrubers langjährigem Mentor Zoltan Jordanov zu trennen und dessen bisherigen Assistenten Fabien Martin als neuen Cheftrainer einzusetzen.

Beendeten ihre Zusammenarbeit: Steingruber mit ihrem langjährigen Mentor Zoltan Jordanov.

Beendeten ihre Zusammenarbeit: Steingruber mit ihrem langjährigen Mentor Zoltan Jordanov.

Dessen Vorgabe, sich vermehrt um die Fortschritte des gesamten Teams zu kümmern und den Fokus nicht derart einseitig aufs grosse Aushängeschild zu richten, kommt auch bei Giulia gut an: «Die Kommunikation ist viel besser als vorher. Es weht ein spürbar frischer Wind.» Lob gibt es auch für die Trainingsgestaltung, die viel Abwechslung bietet, geschickt zwischen unterschiedlicher Belastung variiert und dadurch mehr auf die Regeneration achtet. Und Martin gelingt es, ein kollektives olympisches Feuer bei seinen Turnerinnen zu entwickeln.

Diese Vision trägt auch Steingruber, zusammen mit der nie erloschenen Leidenschaft fürs Kunstturnen. Und natürlich ihr Ehrgeiz. Die 23-Jährige kann noch so häufig betonen, wie viele Fragezeichen nach wie vor ihren Weg kreuzen, dass sie sich keinen Zeitdruck machen will und die Gesundheit jetzt absolute Priorität hat – für die WM ab dem 2. Oktober in Nordamerika setzt sie sich dennoch hohe Ziele.

«Ich möchte mich für den Mehrkampf-Final qualifizieren», sagt die Ostschweizerin. Dazu will sie die eine oder andere Schwierigkeit in ihr Programm integrieren. Und sich im verbleibenden Monat wohl noch mehr als einmal die Frage stellen: Reicht die Zeit?