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Glücksritter Stan Wawrinka: Wie sich der Romand in der Parallelwelt verkauft

Mit seinem Handy stösst Stan Wawrinka das Tor zu seiner Welt auf.

Mit seinem Handy stösst Stan Wawrinka das Tor zu seiner Welt auf.

Anders als im Alltag sucht Stan Wawrinka in der Parallelwelt der sozialen Netzwerke die Nähe zu seinen Fans. Dort präsentiert er wahlweise seinen Körper, zeigt Schnappschüsse aus seinem Alltag, oder verschafft auch einmal einem Anhänger Zutritt zu einem seiner Spiele.

So zurückhaltend und verschlossen sich Stan Wawrinka zuweilen gibt, so mitteilungsbedürftig ist er in den sozialen Medien, wo er sich längst zum heimlichen Liebling im Tennis-Zirkus gemausert hat. Mal rückt er seinen makellosen Oberkörper ins rechte Bild, ein anderes Mal grüsst er seine Anhänger aus der Wüste Dubais, zeigt sich nach dem Training im Eisbad, oder Kaffee trinkend an den Gestaden des Genfersees. Kaum ein anderer Spieler der Tennis-Karawane inszeniert sich und sein Leben in den sozialen Medien kreativer und bildgewaltiger als er. 1,7 Millionen Menschen folgen ihm auf Twitter, 1,1 Millionen auf Instagram, 730'000 drückten auf Facebook den «Gefällt-mir»-Knopf, und ab Frühling 2016 eroberte er mit witzigen Schnappschüssen auf Snapchat die Herzen der Jüngsten. Selbst bei Linkedin, dem Netzwerk zur Pflege beruflicher Kontakte, hat Wawrinka ein Konto. Berufsbezeichnung: Freiberuflicher Sportler.

Präsenz in den sozialen Medien ist wichtig, um Werbepartnern Reichweite zu verschaffen und spezifische Zielgruppen anzusteuern. Doch wer Stan Wawrinkas Abenteuer verfolgt, erhält weitaus mehr geboten als plumpe Werbebotschaften und abgedroschene Phrasen à la «guter Match heute, freue mich auf die dritte Runde.» Bestes Beispiel ist Antoine Gachet. Am Mittwoch schreibt der Schweizer Wawrinka auf Twitter an: «Steht für einen Verrückten ein Platz zur Verfügung, um dich zu sehen, bevor ich in fünf Tagen zurück nach Morges reise? Das wäre grossartig.» Wawrinka sieht den Vorstoss, antwortet mit einem «Ja», fordert Gachet dazu auf, ihm eine persönliche Nachricht zu senden und verschafft ihm Zugang zur Margaret Court Arena, wo er den Italiener Andreas Seppi (ATP 85) nach 3:38 Stunden mit 4:6, 7:5, 6:3, 3:6, 6:4 besiegt, obschon er an einem Virus litt, sich während des Spiels zwei Mal hatte übergeben müssen und im fünften Satz mit 3:4 und Break im Rückstand gelegen war. Stan Wawrinka, der Glücksritter – auf dem Platz und in den sozialen Netzwerken.

Auf Instagram präsentiert Stan Wawrinka seinen makellosen Körper.

Auf Instagram präsentiert Stan Wawrinka seinen makellosen Körper.

Was privat ist, bleibt privat

Zu den Schweizer Medien hat Wawrinka ein zwiespältiges Verhältnis, wie sein Monolog während der Swiss Indoors in Basel offenbarte, als er sagte, es sei einfach, immer das Negative in seinem Leben herauszupicken. Wenn er eine Party besuche, etwas in seinem Privatleben oder auf dem Platz schief laufe, oder er verletzt sei. «Ihr seid viel zu verwöhnt», schloss er damals. Weitaus herzlicher und nahbarer ist der 34-Jährige im Umgang mit seinen Anhängern. Als er 2016 während Roland Garros nach seinen Aktivitäten in den sozialen Medien gefragt wurde, sagte er: «Es ist ein guter Weg, mit meinen Fans zu kommunizieren. Ich kann ihnen so etwas geben, ohne viel von mir preiszugeben.» Das Bild, das Wawrinka von sich pflegt, steht im Kontrast zu seiner gelebten Realität in der Schweiz. Der Westschweizer Zeitung «Le Matin Dimanche» sagte er einmal, dass er sich, wenn er einmal für längere Zeit in der Schweiz sei, gerne einmal in seinem Haus verkriecht und die Öffentlichkeit nach Möglichkeit meidet.

Schlechte Bilanz gegen John Isner

Obschon die Präsenz in den sozialen Medien diese Haltung konterkariert – überraschend ist sie nicht. Die Netzwerke sind so ausgelegt, dass die Sportler damit die Illusion von Nähe erzeugen können, dabei aber immer selber steuern können, was sich von sich preisgeben wollen. Denn wer sein Bild von Stan Wawrinka nur über diesen Kanälen speist, würde nie darauf kommen, dass Wawrinka Vater einer 9-jährigen Tochter ist. Was privat ist, bleibt privat. Wie auch bei Roger Federer, der seine Anhänger zwar ebenso mit Grimassen, Reiseerlebnissen und Einblicken in eine Welt, die sonst im Verborgenen bleibt, versorgt, es aber tunlichst vermeidet, Bilder seiner vier Kinder oder seiner Frau Mirka zu teilen. Die Sportler kreieren damit ein Bild ihrer selbst, das nur begrenzt ihrer Persönlichkeit entspricht. Sie sind ein Ausschnitt der Wirklichkeit. Eine Parallelwelt.

Die sportliche Realität des freiberuflichen Sportlers Stan Wawrinka ist diese: Der dreifache Grand-Slam-Sieger, trifft am Samstag in der dritten Runde der Australian Open auf den 34-jährigen Amerikaner John Isner (ATP 19). Im Head-to-Head liegt Wawrinka mit 1:3 hinten. Sein einziger Sieg liegt bereits über zehn Jahre zurück. Im Herbst 2009 besiegte er Isner in Tokio, seither verlor er drei Mal und gewann dabei nur einen Satz. Spuren nach dieser Niederlage sucht man in der Parallelwelt der sozialen Netzwerke Wawrinkas vergeblich. Dort funktioniert er wie alle anderen auch: Nur die sonnigen Momente des Lebens finden Eingang in das digitale Tagebuch. Die Schattenseiten werden ausgeblendet.

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