Triathlon
Hawaii-Queen Daniela Ryf: «Dieses Jahr kann ich etwas Neues wagen»

Daniela Ryf nimmt nicht an Olympia 2016 teil – weder im Triathlon noch im Zeitfahren auf der Strasse. Sie wolle das machen, wozu sie gerade Lust habe und sagt: «Ich bin selber gespannt, welche Chance sich mir bietet.»

Michael Forster
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Wenn Daniela Ryf wieder einmal zu Hause ist, darf ein Bummel in der Solothurner Altstadt nicht fehlen.

Wenn Daniela Ryf wieder einmal zu Hause ist, darf ein Bummel in der Solothurner Altstadt nicht fehlen.

Mario Heller

Sie haben das Jahr 2015 ungeschlagen beendet und zudem meistens mit grossem Vorsprung gewonnen. Kann man Sie überhaupt schlagen – und wenn ja, wie?

Daniela Ryf: (lacht) Das verrate ich natürlich nicht! Auch ich habe meine Schwächen, versuche aber, sie möglichst gut im Griff zu haben, an ihnen zu arbeiten.

Können Sie oder Ihr Trainer erklären, weshalb Sie so viel besser sind als der Rest der Welt?

Es kommt im Training etwa vor, dass ich mich gar nicht so fit fühle. Genau das treibt mich an, dann trainiere ich umso mehr. Brett schüttelt dann jeweils nur den Kopf, weil er genau weiss, wo ich eigentlich stehe. Ich habe in diesem Jahr nicht härter trainiert, als etwa vor vier Jahren. Es ist die Balance, die stimmt. Er pusht mich im richtigen Moment, hält mich aber auch zurück. Er kann den Athleten sehr gut lesen, genau das brauche ich. Hinzu kommt, und das ist ein entscheidender Faktor, dass ich gesundheitlich zuletzt keinerlei Probleme hatte. Das mag auch mit einer intelligenten Rennplanung zu tun haben. Langes Reisen kostet sehr viel Energie, deshalb achtete ich 2015 speziell darauf, wenig zu reisen und längere Zeit am gleichen Ort zu bleiben.

Als sich nach der Saison 2013 die Möglichkeit zur Zusammenarbeit mit Brett Sutton bot, sagten Sie sofort zu. Waren Sie sich zu diesem Zeitpunkt bewusst, dass er mit Ihnen in Richtung Langdistanz arbeiten würde?

Nein. Wir stiegen mit dem Fernziel Rio 2016 ins erste gemeinsame Trainingslager. Doch er hat dann ziemlich schnell gesehen, dass ich viel mehr Potenzial über die längere Distanz habe und so absolvierte ich Rennen über die Halb-Ironman-Distanz, ehe der Ironman Zürich zum Thema wurde. Plötzlich hiess es: «Warum machst du nicht Zürich nächste Woche?» Das kam mega überraschend für mich. Ich dachte eher, Ende 2014 einen Ironman zu absolvieren.

In besagtem Trainingslager in St. Moritz im Sommer 2014 wussten Sie also noch nicht, ob Sie bereit sein würden für die Langdistanz?

Nein, der Start in Zürich war, selbst für Brett, mehr ein Experiment, zu welchem wir uns vier Tage vor dem Rennen entschieden. Doch Zürich wurde zu einem meiner Schlüsselrennen, in welchem ich mich wohl selber am meisten überrascht habe.

Wie weit weg sind Sie denn nach der Umstellung von einer Bestleistung über die viel kürzere olympische Distanz?

Da bin ich einiges davon entfernt. Ich bin jetzt zwar eine stärkere Athletin, aber es wäre sehr unrealistisch zu denken, ich könne zwei, drei Monate entsprechend trainieren, und dann über die olympische Distanz wieder eine Chance haben. Es ist beinahe eine andere Sportart. Der Körper, den es über die Langdistanz braucht, unterscheidet sich stark von jenem über die olympische Distanz.

Allein, den Wechsel zur Langdistanz haben Sie innert ein paar Monaten geschafft ...

Zurückzukommen ist nicht unbedingt das Problem. Mein Trainer meinte, ich hätte früher auf die falsche Distanz gesetzt, deshalb fiel es mir auch relativ einfach, das Training durchzustehen und die Resultate konstant abzurufen. Das liegt mir ganz einfach; die langen Distanzen auf dem Rad, da kann ich pushen. Ich bin auch nicht anfällig auf Krämpfe, dadurch kann ich zum Schluss noch eine lange Laufstrecke absolvieren. Über die olympische Distanz hingegen muss man wirklich lange an einer extrem hohen Schwelle laufen können über 10 Kilometer, das ist eine ganz andere Belastung. Dazu braucht es eine Läuferfigur; ich hingegen bin eher muskulös gebaut, was insbesondere auf längeren Strecken Vorteile bringt.

Dennoch: Im Weltcup haben Sie 2010 in Seoul über die olympische Distanz gewonnen. So schlecht kann es um Ihre Möglichkeiten also nicht stehen ...

(lacht) Das war mein perfektes Rennen! Ich lief 34 Minuten über die 10 Kilometer; heute laufen die Besten um 32:30. Das Niveau ist schon extrem hoch. Für mich ist es unrealistisch, eine solche Zeit zu laufen. Ich wage gerne etwas, aber ich bin auch Realist. Deshalb bin ich beispielsweise auch zufrieden mit Rang 7 in Peking 2008, das war für mich ein Hammerrennen.

Das Projekt «Triathlon in Rio 2016» wird es also nicht geben.

Das ist hundertprozentig ausgeschlossen. Das letzte Jahr war der Beweis dafür. Da habe ich beinahe alle Titel über die Ironman-Distanz geholt, das ist schon ein wenig krass (lacht) – obwohl, es ist nicht unbedingt das Ziel, möglichst viele Titel zu holen. In diesem Jahr kann ich auch etwas Neues wagen und das tun, wozu ich Lust habe. Ich bin selber gespannt, welche Chance sich mir bietet.

Zur Diskussion stand unter anderem auch eine Teilnahme am olympischen Zeitfahren auf der Strasse.

Das stimmt. Ich habe mich jedoch entschieden, die Quali nicht zu versuchen, da es vom Aufbau für die Saison nicht passt und ich mich weiterhin auf meine Sportart konzentrieren will.

Sind Sie sicher, dass Sie den Verzichts-Entscheid, aufgrund Ihrer Qualitäten auf dem Rad, nicht bereuen werden?

Ich werde nichts bereuen, da ich genügend Herausforderungen im Triathlon sehe und das Zeitfahren lieber den richtigen Profis überlasse. Um im Zeitfahren wettkampffähig zu sein, bräuchte ich länger als sechs Monate Vorbereitung. Alles andere ist unnötiger Stress und eine Illusion. Ich war ja bereits zweimal an Olympischen Spielen. Sollte ich nochmals teilnehmen – das war für mich immer klar –, müsste ich Chancen auf eine Medaille haben. Ich schliesse jedoch nicht aus, es in vier Jahren noch einmal zu versuchen (schmunzelt) ...

Die Mittel- und Langdistanz soll also vorerst im Vordergrund stehen. Hat trotzdem etwas Neues Platz im 2016?

Diese Distanzen sind sicher das, was mir gefällt. Das Hauptziel, und das treibt mich an, ist herauszufinden, wie schnell ich werden kann.

Stichwort 8:18 Stunden, die Frauen-Weltbestzeit über die Langdistanz.

Ja, das ist ein langfristiges Ziel. Nicht unbedingt ein Traum, viel eher eine Zeit, die mich fasziniert.

Wie steht es mit der Titelverteidigung der Triple-Crown-Serie?

Es ist ganz bestimmt nicht das Hauptziel 2016. Das Spezielle ist, dass das erste Rennen bereits Ende Januar stattfindet. Das macht die Planung nicht ganz einfach, zumal ich nach der Rückkehr in die Schweiz Anfang Dezember eine längere Pause einlegte. Die musste ich mir gönnen – körperlich hatte ich zwar keine Beschwerden, doch für den Kopf war sie wichtig. Ich hatte meine Leute und die Familie fast ein halbes Jahr nicht gesehen, das war nicht einfach. Wenn irgendwie möglich, werde ich, als Titelverteidigerin, am ersten Rennen starten, nur schon aus Respekt und auch als Dank gegenüber dem Prinzen von Bahrain, dass er unseren Sport derart pusht. Das ist eine Ehre für mich.

Sie haben aus dem letzten Jahr lauter Siege und starke Leistungen zu verteidigen: Verspüren Sie einen gewissen Druck?

Nein, gar nicht. Den grössten Druck verspürte ich im vergangenen Jahr auf Hawaii und dann in Bahrain. Dort wollte ich zeigen, dass ich den Sieg auch wirklich verdient habe. Vor allem in Bahrain, als ich fünf Betreuer dabei hatte: Das war für mich eine neue Erfahrung. Zu erwarten, im nächsten Jahr noch einmal eine solche Saison hinzulegen, wäre total unrealistisch. Es war eine Saison, wie sie es in der Geschichte des Triathlons noch nicht gegeben hat.

Sie erklärten, dass sich Ihre Ansprüche nach dem auch finanziell äusserst erfolgreichen 2015 nicht geändert hätten. Gab es dennoch etwas, das Sie sich nach einem Rennen gegönnt haben?

(überlegt) Als ich an einem meiner ersten Weltcuprennen, das war in Washington, 10 000 Franken gewann, belohnte ich mich danach mit einer schönen Tasche. Sie kostete 119 Dollar, doch ich hatte sie dann auch sechs Jahre lang. Was zählte, war vor allem der emotionale Aspekt, die damit verbundene Erinnerung an dieses eine Rennen. Ich begann auch damit, nach Rennen, die ich auf dem Podest beendete, Starbucks-Tassen zu kaufen. Damit habe ich die Erinnerung quasi zu Hause im Schrank.

Ihnen werden bezüglich Vermarktung sehr gute Möglichkeiten vorausgesagt. Wollen Sie sich überhaupt besser vermarkten? Es ist ja immer auch eine Zeitfrage.

Wichtig ist für mich, dass ich mich damit identifizieren kann. Dann machen zusätzliche Projekte auch Spass.

Für was würden Sie sich auf keinen Fall hingeben?

Ich würde sicher nie für Zigaretten werben. Ich habe meine Prinzipien, meine Werte. Speziell den Jungen möchte ich viel eher vermitteln, dass ein aktiver Lebensstil wichtig ist. Dafür könnte ich problemlos einstehen.