Rudern

«Ich spürte wenig Wertschätzung»: Ruderer Nico Stahlberg über sein Ausscheiden aus dem Nationalkader

Der Schweizer Ruderprofi Nico Stahlberg weiss noch nicht, wie es weiter geht.

Der Schweizer Ruderprofi Nico Stahlberg weiss noch nicht, wie es weiter geht.

Olympia-Ruderer Nico Stahlberg wollte mehr Mitspracherecht. Nun ist er nicht mehr im Nationalkader.

Auf der Website des Ruderverbandes findet man noch ein Bild von Nico Stahlberg. Eines, auf dem er in die Kamera lächelt. Es stammt aus einer anderen Zeit. Auch wenn es nirgends steht: Der 28-jährige Thurgauer ist seit Juni nicht mehr Teil der Verbandsstrukturen und auch nicht mehr im Nationalkader. Statt im Ruderzentrum Sarnen trainiert er wieder in Kreuzlingen, so wie damals als Nachwuchsathlet. Es war ein stiller Abgang, der erst auffiel, als sein Name nicht im Aufgebot für die EM im Oktober auftauchte. «Ich hatte am Ende das Gefühl, dass ich nur eine Nummer war, die einfach ersetzt wurde», sagt er. «Ich spürte wenig Wertschätzung.»

Stahlberg gehörte zuletzt zu den erfahrensten Ruderern der Schweiz. Zwei Mal nahm er an Olympischen Spielen teil, er war mit dem Doppelvierer in London und in Rio de Janeiro. 2016 holte er ein Diplom. Seinen grössten Erfolg feierte Stahlberg allerdings im Skiff. 2017 wurde er Gesamtweltcupsieger. Ein Erfolg, den vor ihm im Einer nur Xeno Müller schaffte.

Vertrauen in die Trainer verloren

Im Ruderzentrum Sarnen herrscht ein eher konservatives Trainer-Athleten-Bild. «Sie entscheiden, wir führen aus», sagt Stahlberg. Ein Dialog auf Augenhöhe finde selten statt, Eigenverantwortung zähle wenig und man könne sich auch als erfahrener Athlet zu wenig bei Entscheidungen einbringen. «Bei diesem System muss man den Trainern voll und ganz vertrauen», sagt Stahlberg. Dieses Vertrauen hat er zuletzt jedoch verloren.

Im vergangenen Jahr hatte er mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen und belegte im Einer an der WM in Linz nur den 19. Rang. Im Herbst wechselte er die Disziplin, ruderte nun mit Riemen – und schöpfte Hoffnung. Doch im Frühling haderte er erneut. Die Olympischen Spiele vor Augen hätte er in Topform sein müssen, war es jedoch nicht. Bei den Ausscheidungsrennen in München konnte er schliesslich nicht überzeugen. Statt im Vierer ohne, der bereits für die Sommerspiele selektioniert ist, bekam er einen Platz im Zweier ohne.

Wie die Weltmeisterin Jeannine Gmelin

Mit seiner Rückkehr in die Schweiz begann der Lockdown. Plötzlich hatte Stahlberg Zeit, um nachzudenken, alles zu hinterfragen. Er wollte weiter machen, er wollte nach Tokio. Daran änderte auch die Verschiebung der Olympischen Spiele um ein Jahr nichts. Er wollte vorne mitrudern. Doch das hätte aus seiner Sicht eine Veränderung bedingt: mehr Mitspracherecht in der Trainingsplanung, noch mehr Individualisierung bei den Einheiten.

Ihm war jedoch bewusst, dass dies schwierig sein würde. Im Ruderverband gibt es wenig Spielraum für individuelle Lösungen – auch nicht für Medaillengewinnerinnen wie Jeannine Gmelin. Die weltweit beste Skiffierin hat sich vor über einem Jahr mit dem Verband verkracht und trainiert seither in einem Privatteam.

Dennoch suchte Stahlberg während des Lockdowns das Gespräch mit den Verantwortlichen. Es dauerte jedoch, bis er einen Termin erhielt. Das von einer externen Person geleitete Meditationsgespräch fand Ende Mai statt, Verbandsdirektor Christian Stofer war ebenso dabei wie Headcoach Edouard Blanc. Der Verband zeigte dabei auf, welche Anpassungen im Training möglich sind. «Für mich waren es zu wenige», sagt Stahlberg. Er wünschte sich weniger grosse Umfänge, dafür intensivere Trainings und mehr Erholung. «Beim Verband zählt Quantität mehr. Doch bei mir hat das nicht angeschlagen. Meine Leistungsfähigkeit entwickelte sich in den vergangenen Jahren nicht in die gewünschte Richtung», sagt er. Am Ende stand Stahlberg vor der Wahl: Entweder er macht weiter wie bisher im Riemenprojekt – oder er geht. «Es gab keinen Zwischenweg», sagt er. «Ich bin erschrocken, wie unflexibel der Verband ist.»

Verbandsdirektor Stofer sagt: «Rudern ist eine Teamsportart, in der alle zusammen zur gleichen Zeit im Boot eine Topleistung erbringen müssen. Da kann sich nicht jeder für sich vorbereiten.» Im Trainingsplan, der für alle gelte, habe es aber Platz, um individuell zu arbeiten. Die Umfänge jedoch würden sich an weltweiten Standards orientieren.

«Ich sage nicht, dass dieses System schlecht ist», sagt Stahlberg. «Ich habe auch davon profitiert. Es passt nur einfach nicht mehr zu mir.» Er lehnte die Selektion ab, zog sich aus Sarnen zurück. «Die Tür zum Verband ist für Nico nicht geschlossen», sagt Stofer. «Nur diejenige zum Vierer ohne, aber die hat er selbst zugeschlagen.» Der Verband gibt Stahlberg bis Mitte Oktober Zeit, um seine Pläne zu präsentieren. Möchte er weitermachen? Und wenn ja, in welchem Boot?

Zum Verband, eigenes Projekt oder Rücktritt?

Stahlberg will sich Zeit lassen, gedanklich die Wege durchspielen. Drei Möglichkeiten hätte er: Zurück zum Verband. Ein eigenes Projekt starten mit Augustin Maillefer, der sich wie Stahlberg aus dem Ruderverband zurückgezogen hat. Oder aufhören mit Leistungssport. Entschieden hat er sich noch nicht.

«Wenn ein Rennen nach dem anderen stattfinden würde, wäre es komisch, nicht dabei zu sein», sagt Stahlberg. «Doch so passt es in dieses spezielle Jahr.» Er fährt Rennvelo, Mountainbike und lief einen Marathon. Er sei nun niemandem mehr Rechenschaft schuldig und mache das, was er für wichtig empfinde. Und dabei ist er fast täglich auf dem See. Weil er wieder Freude am Rudern hat.

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