Rückblick: Am 11. April 2017 detoniert neben dem Mannschaftscar von Borussia Dortmund drei Bomben. Das Team befand sich gerade auf dem Weg vom Hotel ins Stadion, wo am Abend das Champions-League-Spiel gegen die AS Monaco angepfiffen werden sollte. Die mit Metallstiften bestückten Sprengsätze verletzten ein Mitglied der Polizei-Eskorte und den BVB-Profi Marc Bartra.

Das Spiel wurde nur um einen Tag verlegt. Wäre der BVB am Folgetag nicht angetreten, hätte er das Spiel 0:3 forfait verloren. Etliche Spieler und der damalige BVB-Trainer Thomas Tuchel, die beim Anschlag im Bus sassen, kritisierten die kurzfristige Terminierung massiv.

Zerbrochene Scheiben und leer: So präsentierte sich der Mannschaftsbus des Bundesliga-Klubs Borussia Dortmund nach dem Anschlag im April 2017.Key

Zerbrochene Scheiben und leer: So präsentierte sich der Mannschaftsbus des Bundesliga-Klubs Borussia Dortmund nach dem Anschlag im April 2017.Key

Zur Täterschaft kursierten anfangs wilde Theorien: In der Nähe gefundene Bekennerschreiben deuteten einen islamistischen Hintergrund an. Gleichzeitig geriet eine Antifa-Gruppierung in Verdacht. Umso grösser dann die Überraschung, als sich wirtschaftliche Motive für den Anschlag herauskristallisierten: Der deutsch-russische Doppelbürger Sergej W. kaufte am Abend vor dem Anschlag sogenannte Put-Optionsscheine auf die Aktie von Borussia Dortmund. Mit dem Anschlag habe er einen Kurssturz der BVB-Aktie erzwingen wollen, was ihm wiederum grosse Gewinne eingebracht hätte.

Ein knappes Jahr später läuft derzeit am Landgericht Dortmund der Prozess gegen Sergej W. Dabei treten etliche BVB-Akteure von damals als Zeugen auf. Die von deutschen Medien protokollierten Aussagen lassen tief blicken und machen deutlich, wie das Trauma bis heute nachwirkt:

Thomas Tuchel (damaliger Trainer): „Davon gehe ich aus“. Das ist Tuchels Antwort auf die Frage, ob der Anschlag ihm den Job als BVB-Trainer gekostet habe. Der Umgang mit den Folgen habe „einen grossen Dissens“ zwischen ihn und Klub-Boss Hans-Joachim Watzke gerissen. Tuchel wehrte sich damals gegen die Neuansetzung des Spiels bereits am Folgetag, Watzke hingegen bestand in Absprache mit der Uefa darauf. Woraus der Dissens bestanden habe, wollte der Oberstaatsanwalt wissen. Tuchels Seitenhieb gegen Watzke: „Dass ich im Bus sass und er nicht.“

Marcel Schmelzer (Linksverteidiger und Captain): „Ich spürte die Druckwelle“, sagte der deutsche Nationalspieler. Spieler, Betreuer und Trainer seien quer im Gang gelegen, es habe Panik geherrscht, die Angst sei in den Augen aller Anwesenden gewesen. Die Verarbeitung dauere immer noch an: „Wenn ein Teller runterfällt, schiesst mein Puls hoch. Wenn ein Auto langsam am Bus vorbeifährt, ist die Angst wieder da. Es gibt immer wieder die Momente, in denen man denkt, welch Riesenglück wir hatten.“

Swantje Thomssen (Physiotherapeutin): Sie war die Erste, die den verletzten Marc Bartra im Bus versorgte. „Ich hatte riesige Angst. Die Jungs haben nur geschrien, dass Marc verletzt sei. Ich bin dann nach hinten gekrochen und habe versucht, ihn zu beruhigen.“ Bartra habe wahnsinnige Schmerzen gehabt. Erst als der Bus angehalten habe, habe man Verbandsmaterial aus dem Gepräckraum holen können. „Wir haben Marc direkt den Arm abgebunden. Da war erschreckend viel Blut. Mir war nicht klar, ob die Pulsschlagader betroffen war.“ Bartra sei immer wieder ohnmàchtig geworden. „Er sackte immer wieder weg. Ich habe versucht, ihn wachzuhalten.“ Zusammen mit zwei weiteren Betreuen brachte Thomssen Bartra nach dem Attentat ins Krankenhaus, wo dieser operiert wurde und anschliessend vier Wochen nicht spielen konnte.

Roman Weidenfeller (Ersatzgoalie hinter dem Schweizer Roman Bürki): „Der Bus war sonst immer ein sicherer Rückzugsort für die Spieler.“ Weidenfaller offenbart, er bekomme bis heute psychologische Hilfe. Er kenne Spieler, die dauernd unter dem Geschehenen leiden würde. „Das hat mein Leben verändert.“

Sven Bender (Verteidiger, mittlerweile bei Leverkusen): „Ich habe nach draussen geschaut, direkt in ein grelles Licht. Dann sah ich die Hecke wegfliegen.“ Der Mittelfeldspieler sagte, er habe in den Folgewochen kaum schlafen können. Dass die Mannschaft am Tag darauf zum Spiel habe antreten müssen, sei ein Fehler gewesen. „Keiner von uns war vorher in einer solchen Situation. Wir hätten nicht spielen dürfen.“ Der Anschlag hätte Einfluss darauf gehabt, dass Bender den BVB im Sommer darauf verlassen habe.

Felix Passlack (Verteidiger, mittlerweile in Hoffenheim): Er sass beim Anschlag gegenüber von Marc Bartra, der von Glassplittern am Arm getroffen wurde und operiert werden musste. „Marc hat sofort laut geschrien. Ich habe mich auf den Boden geschmissen und bin vom Fenster weggekrabbelt. Der Bus stoppte, Bartra schrie immer noch, da brüllte jemand zum Fahrer: Fahr weiter!“ Passlack sagte, er habe danach unter Angstzuständen gelitten. „Wenn ich raus gegangen bin, hab ich mich ständig umgedreht. Ich dachte, ich werde verfolgt.“