Die ZSC Lions ohne Mathias Seger? Kaum vorstellbar. Und doch rückt der Zeitpunkt, an welchem sich die Zuschauer von ihrem Captain und Publikumsliebling verabschieden müssen, immer näher. Seger ist inzwischen 39 Jahre alt. Sein Einfluss auf dem Eis hat in dieser Saison deutlich abgenommen. Das Zürcher Trainerduo Walsson/Johansson setzt den Verteidiger-Dino nur noch punktuell ein. Ende Saison läuft der Vertrag der Zürcher Kult-Figur aus.

Die Schweden Hans Wallson (l.) und Lars Johansson bilden das Trainerduo der ZSC Lions.

Die Schweden Hans Wallson (l.) und Lars Johansson bilden das Trainerduo der ZSC Lions.

Ein hoch brisantes Politikum, welches die ganze Lions-Organisation beschäftigt und welches die grosse Frage aufwirft: Was tun mit einem derart verdienten Spieler? Noch einmal einen Vertrag anbieten? Ein Gnadenbrot, mit der Gefahr, dass der Ruhm des Spielers angesichts der drohenden, sportlichen Bedeutungslosigkeit verblasst? Oder einen Schlussstrich ziehen, mit der Gefahr, dass man ein wichtiges Element aus der Mannschaft entfernt und die Fans verärgert, weil man sie eines Lieblings beraubt? Und das Risiko eingeht, dass man im Streit auseinandergeht. So wie das zwischen dem HC Davos und dessen Kult-Stürmer Reto von Arx passiert ist.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Für die Sportchefs sind diese Personalentscheide Rutschpartien mit Fallen, die nur mit grössten Schwierigkeiten umschifft werden können. Bei den Lions ist Edgar Salis der Mann, der die Akte Seger behandeln muss. Er hat sechs Jahre mit ihm zusammengespielt. Sechs Jahre zusammen mit ihm in einer WG gewohnt. Die beiden sind Freunde, was den ganzen Prozess noch verkompliziert. Also: Wie sag ich’s meinem Liebsten?

Der Sport als härtester Faktor

Der härteste Faktor bei der Beurteilung, ob ein Vertrag verlängert wird oder eben nicht, ist der sportliche Aspekt. Das sagt auch Alex Chatelain, der Sportchef des SC Bern. «In erster Linie zählt für mich die sportliche Leistungsfähigkeit. Ist der Spieler noch in der Lage, auf einem hohen Level seine Leistungen zu bringen? Nimmt er einem eigenen Junior den Platz in der Mannschaft weg? Oder habe ich andere, personelle Alternativen? Das sind Faktoren, die man bei der Evaluation zuerst berücksichtigen muss.»

Chatelain hat drei Spieler im aktuellen Kader, die quasi schon zum SCB-Inventar gehören, aber keinen weiterlaufenden Vertrag besitzen. Zwei Entscheidungen sind schon gefallen: Stürmer Marc Reichert (36, 910 Spiele für den SCB) und Verteidiger David Jobin (35, 907 Spiele im SCB-Dress) werden nächstes Jahr nicht mehr für die Berner auflaufen. Bleibt noch Martin Plüss (39). Der SCB-Captain ist ein Sonderfall, weil er immer noch zu den absoluten Leistungsträgern in der Mannschaft gehört. Mit ihm wollen die Berner gerne verlängern. Chatelain hofft, diese wichtige Personalie bald zum Abschluss bringen zu können.

Mehr Kopfschmerzen bereitete ihm dafür, Reichert und Jobin mitzuteilen, dass man in Zukunft auf ihre Dienste verzichtet. «Es ist hart, solchen Spielern, die während Jahren mit Leib und Seele ein Teil dieses Klubs waren, sagen zu müssen, dass man ohne sie plant.» Noch viel härter wird es für Edgar Salis, der in der Causa Seger früher oder später einen Entscheid fällen muss. «Wichtig ist, dass man die geschäftliche und die private Ebene trennt und dass man offen und ehrlich miteinander redet», sagt Salis.

Doch so sehr er auch dem sportlichen Faktor bei der Evaluation Gewicht gibt, so sehr weiss er auch, dass die «Softfaktoren» gerade beim ZSC-Captain ein enormes Gewicht haben. Salis: «Wie wichtig ist der Spieler in der Kabine? Welche Auswirkungen hat der Verlust eines Leaders für die Mannschaft? Kommt dazu, dass diese Leute, die so lange in einem Klub gespielt haben, meistens auch vom menschlichen Gesichtspunkt her sehr gute Typen sind.»

Salis erinnert sich dabei an jene Zeit, als er bei den ZSC Lions keinen Vertrag mehr erhielt und danach seinen Rücktritt erklärte. Zusammen mit ihm verliessen mit Claudio Micheli und Mark Streit drei Führungsspieler gleichzeitig den Klub. In der folgenden Saison verpassten die Zürcher die Playoffs – die Chemie der Mannschaft war total auf den Kopf gestellt worden. Dieses Beispiel ist für Edgar Salis Warnung genug, keine Schnellschüsse bei solch diffizilen Entscheidungen zu fabrizieren.

Der beliebte Notausgang

Ein beliebter Notausgang ist in solch schwierigen Situationen, dass man seinem verdienten Spieler einen Job innerhalb der Organisation anbietet. «Wenn er für den Klub von grosser Bedeutung war, dann ist das eine gute Lösung», sagt Salis. Für Chatelain macht so etwas nur Sinn, wenn «der Spieler auch wirklich dazu bereit ist, den Schritt weg vom Eishockey zu machen». Klar ist: Das perfekte Szenario kann man in diesen Ablösungsprozessen selten erzwingen. Abschiede tun immer irgendwie weh.