Interview
YB-Trainer David Wagner: «Wahrscheinlich bin ich nicht schlau genug, um mir darüber Gedanken zu machen»

Der YB-Motor stottert. Ausgeschieden im Cup. In der Meisterschaft nicht souverän. Und in der Champions League bietet sich am Dienstag im Heimspiel gegen Atalanta Bergamo die wohl letzte Chance, um im Europacup zu überwintern. Trainer David Wagner spricht über Überlebens-Camps, Arbeitslosengeld und die delikate Situation bei YB.

François Schmid-Bechtel
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YB-Trainer David Wagner sagt: «Das Niveau der letzten Saison wird nicht mehr reichen, um erfolgreich zu sein.»

YB-Trainer David Wagner sagt: «Das Niveau der letzten Saison wird nicht mehr reichen, um erfolgreich zu sein.»

Samuel Golay/Keystone

David Wagner hat eine spannende Biografie. Erst wird der Sohn einer Deutschen und eines Thailänders Profifussballer. Danach folgt der Einstieg in eine akademische Laufbahn. Wagner studiert Biologie und Sport. Er hat zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Töchter, aber nicht Unmengen an Ersparnissen. Es wird knapp. Als er das Studium beendet, befolgt er den Rat seines Kumpels Jürgen Klopp und steigt ins Trainerbusiness ein. Es läuft nicht gut. Wagner ist bald mal ohne Job und auf Arbeitslosengeld angewiesen. Die zweite Chance aber nutzt er. Über die Reserven Dortmunds kommt er bei Huddersfield unter, einem englischen Zweitligisten. Wagner steigt überraschend auf, hält mit dem Aussenseiter sensationell die Liga. Danach arbeitet er erst erfolgreich, danach sehr erfolglos (17 Spiele in Serie ohne Siege) auf Schalke. Seit Sommer ist der 50-jährige Deutsche Trainer bei YB.

Wie passt das Wetter zur derzeitigen Stimmung rund um YB?

Dass die Stimmung trüb und grau ist, nehme ich so nicht wahr. Aber es ist auch klar, dass nicht mehr alle so euphorisiert sind wie vor fünf Wochen. Diese Stimmungswechsel kenne ich, seit ich in diesem Spiel mitspiele. Das ist Normalität. In so einer Phase geht es darum, möglichst viel zu investieren, damit die Stimmungslage dreht.

Vor der letzten Nationalmannschaftspause im Oktober war YB in einem kleinen Rausch. Seither gab es kaum noch Erfolgserlebnisse. Was ist in diesen Wochen passiert?

Wir haben weniger gewonnen, weniger Tore geschossen.

Sagen Sie bitte etwas, das wir nicht an der Tabelle ablesen können.

Wir hatten viel mehr verletzte Spieler, hatten Rotsperren, hatten Spieler, die nicht so frisch aus den Nationalteams zurückgekehrt sind. Wir alle haben einfach nicht mehr so gut performt. Wir arbeiten daran, das zu ändern. Was mir gefällt, dass allen voran die Spieler aber auch alle Angestellten im Verein sich gegen die Situation wehren, nicht einfach alles hinnehmen. Ich bin überzeugt, dass uns diese Erfahrung für den Rest der Saison helfen wird.

Spüren Sie eine Schwere?

Generell fällt alles leichter, wenn man erfolgreich ist. Aber das bedeutet nicht, dass im Umkehrschluss nun alles so wahnsinnig schwer ist bei uns. Ich spüre die Herausforderung, eine schwierige Phase anzunehmen und sie zu drehen. Das ist schon ein anderes Gefühl als beispielsweise nach dem Sieg gegen Manchester United. So wenig ich das damals Rosarot gesehen habe, so wenig sehe ich heute alles in Grau.

Ist in einer solchen Situation die Champions League immer noch Segen, oder auch ein bisschen Fluch?

Für jeden Klub ist die Champions League ein Segen, für einen Teilnehmer aus einer kleineren Liga erst recht.

Klar, reinkommen und kassieren. Aber jetzt, wo man schon drin ist und der Motor stottert?

Es gibt extrem viele Dinge, für die es sich lohnt, Champions League zu spielen. Es hilft jedem einzelnen Spieler, wenn er sich auf einem Niveau messen kann, das er sonst nicht regelmässig antrifft. Und was unsere Fans für Reisen machen können oder die Choreographien zu Hause. Ausserdem: Den Sieg gegen Manchester United will garantiert kein YB-Sympathisant missen. Und es ist ganz klar: Wenn du dich auf diesem Niveau misst, kann es passieren, dass du Niederlagen kassierst.

Und genau das drückt auf die Stimmung und die Leistung. Oder nicht?

Niederlagen sind auch in der Champions League nicht angenehm. Aber wenn wir uns die Leistungen anschauen: Bei Villarreal waren wir nahe am Punktgewinn dran. Zu Hause gegen Villarreal waren wir keine drei Tore schlechter. In Bergamo haben wir verdient verloren und gegen Manchester verdient gewonnen. Und jetzt haben wir zu Hause gegen Bergamo die Chance, mit einem Sieg an diesem sehr guten Gegner vorbeizuziehen. Allein das ist doch verrückt. Gefühlt ist die Partie gegen Bergamo das grösste internationale Spiel der Vereinsgeschichte. Weil wir sehr viel erreichen können.

Jordan Siebatcheu nach seinem Siegtreffer gegen Manchester United. Es ist erst zwei Monate her, als in Bern grenzenlose Euphorie herrschte.

Jordan Siebatcheu nach seinem Siegtreffer gegen Manchester United. Es ist erst zwei Monate her, als in Bern grenzenlose Euphorie herrschte.

Alessandro Della Valle/Keystone

Warum haben sie beim 1:4 gegen Villarreal kurzfristig das System von Vierer- auf Dreierabwehr umgestellt?

Wir wollten das Zentrum schliessen und wollten etwas offensiver agieren als sonst.

Sie sind ein Mann, der gerne Routine mag. Ist das dann kein Widerspruch?

Nein, weil ich auch ein Mann bin, der gerne gewinnt. Und wenn das Gewinnen bedingt, dass ich Routine breche, dann tue ich das. Wir spielten gegen Manchester United das erste Mal überhaupt mit drei Sechsern und gewannen.

Und keiner fragt warum.

Im Gegenteil. Jeder sagt hinterher: Wie schlau war das denn. Wir spielen gegen Villarreal mit drei Innenverteidigern, verlieren und jeder sagt hinterher: Wie doof war das denn. Mit Verlaub, aber wenn man da einen Zusammenhang herstellt, ist mir das zu einfach, zu wenig reflektiert.

Ist der Vorwurf, Sie hätten zu wenig rotiert, weshalb der Mannschaft nun die Frische fehlt, auch zu wenig reflektiert?

Da kenne ich die Statistik nicht. Wer sagt, was viel und was wenig ist? Wir machen uns auf jeden Fall sehr viele Gedanken darüber.

Was sagt Ihnen das Gefühl?

Es gibt einen sehr grossen Block an Spielern, die 40 bis 60 Prozent der maximalen Einsatzminuten absolviert haben. Und so sollte es auch sein.

18 Spieler sind bei der Hälfte aller Partien oder mehr eingesetzt worden. In der letzten Saison waren es unter Trainer Gerardo Seoane 20 Spieler.

Sehen Sie! Wir liegen gar nicht so weit auseinander. Der Vorwurf, ich hätte wenig rotiert, ist aus meiner Sicht haltlos.

Haben Sie das Gefühl, Sie werden härter angefasst als andere Trainer in der Super League?

Nein, ich werde der Erwartungshaltung entsprechend angefasst. Wir haben ambitionierte Ziele formuliert. Das war mit ein Grund zu YB zu kommen. Den Cup müssen wir leider abschreiben, was enttäuschend ist. International haben wir die Champions League erreicht, was herausragend ist. Und in der Meisterschaft sind wir vorne dabei.

Sie sagen Cup statt Pokal wie in Deutschland. Sie sind schon beinahe assimiliert.

Ich sage auch Corner und Goal (lacht).

Echt?

Nicht immer. Aber ich lerne dazu.

Wie fühlen Sie sich hier?

Gut. Wie ich es mir erhofft habe nach den ersten Gesprächen mit den Verantwortlichen. Der Verein und seine Leute sind ambitioniert und verlässlich.

Gibt es für Sie kein Leben ausserhalb des Fussballs?

Das ist in Bern auch toll, klar. Ich habe Restaurants in der Stadt, wo ich gerne essen gehe. Ich war schon auf dem Augstmatthorn und auf dem Stockhorn wandern. Und ich war auch schon am Murtensee. Aber das wars dann auch schon. Der gedrängte Spielkalender lässt nicht viel mehr zu. Ich weiss nicht, ob ich in den letzten vier Monaten acht freie Tage hatte.

David Wagner beim YB-Training.

David Wagner beim YB-Training.

Anthony Anex/Keystone

Sind Sie froh, dass bei dieser Arbeitsbelastung Ihre beiden Töchter schon erwachsen sind?

Ja, ich bin generell froh, dass Sie gut erwachsen geworden sind. Aber nicht wegen der Arbeitsbelastung. Ich kenne das nicht anders. Die vier Jahre in England waren ganz ähnlich.

Aber da waren Ihre Töchter auch nicht mehr in einem Alter, in dem Sie ihnen die Schuhe schnüren mussten.

Stimmt. Um den Bezug zum Fussball herzustellen: Ich bin froh, dass ich Ihnen nie einen Schulwechsel zumuten musste. Und sie gingen nie in der Stadt zur Schule, wo der Papa Trainer ist. Ich weiss von anderen, dass das nicht immer lustig ist. Diese zwei Komponenten spielen für mich eine Rolle in Bezug auf meinen Beruf. Und nicht, ob ich viel oder nicht so viel gearbeitet habe.

Sie sind früh Vater geworden.

Damals habe ich nicht so viel darüber nachgedacht. Im Nachhinein kann ich sagen: Das war eine der besten Entscheidungen, die meine Frau und ich getroffen haben. Denn früh Vater zu werden bedeutet, als junger Vater erwachsene Kinder zu haben. Da gibt’s nichts Schöneres.

Vor einem Monat sind Sie 50 geworden. Was hat das in Ihnen ausgelöst?

Nichts. Ich finde die Zahl schrecklich, wenn ich sie höre oder lese.

Sie haben mehr Berufsjahre hinter als vor sich. Haben Sie sich darüber Gedanken gemacht?

Wahrscheinlich bin ich nicht schlau genug, um mir darüber Gedanken zu machen. Ich habe vor einigen Jahren gesagt, dass ich diesen Job mit 60 nicht mehr machen werde.

Wieso?

Die Zeit rast, wenn man in diesem Job drin ist. Ausserdem glaube ich, dass es noch ganz viele andere tolle Sachen gibt ausserhalb der Fussball-Welt. Ich habe diese Blase schon mal bewusst verlassen und wollte etwas anderes kennenlernen. Mir würde nicht der Boden unter den Füssen weggerissen, wenn ich nicht mehr in der Fussball-Blase wäre.

Denken Sie nicht, dass es beim zweiten Mal schwieriger wird, die Blase zu verlassen?

Wieso? Ich kann Ihnen Argumente liefern, warum es für mich viel einfacher sein wird als damals mit 30. Ich bin als Persönlichkeit viel gereifter. Ich habe das Leben ausserhalb des Fussballs kennengelernt und weiss, dass ich mich da zurechtfinden kann. Und ich bin mittlerweile finanziell unabhängig. Das sind drei starke Argumente, die ich mit 30 nicht hatte.

Wie war es damals mit 30? Sie beenden die Profi-Karriere, haben finanziell aber noch nicht ausgesorgt, bereits eine Familie mit zwei Kindern und wagen etwas total Neues. Das ist mutig.

Und ich hatte keine Ahnung vom Leben ausserhalb des Fussballs. Heute finde ich es auch krass, was ich gemacht habe. Aber es gab damals für mich keine andere Option. Fussball hat mir keinen Spass mehr gemacht.

Was war mit Existenzängsten. Ich habe gelesen, Sie haben zwischenzeitlich auch Arbeitslosengeld bezogen.

Das war danach. In den Jahren als Profi gelang es uns schon, ein Polster anzusparen. Damit konnte ich mein Studium (Biologie und Sport; Red.) finanzieren und die Familie über Wasser halten. Wenn man wie ich das zweite Staatsexamen macht und sieben Jahre null Einkommen hat, ist das Ersparte aufgebraucht. Das war uns klar. Danach musste wieder etwas passieren. Aber ich habe dann nicht als Gymnasiallehrer gearbeitet, sondern bin als Trainer wieder zum Fussball zurück. Und als mein Vertrag in Hoffenheim als Nachwuchs-Trainer nicht verlängert wurde, war praktisch kein Geld mehr da.

Hat Ihnen der Druck, aus existenziellen Gründen das Studium in der kürzest möglichen Zeit abschliessen zu müssen geholfen beim Einstieg ins Trainergeschäft?

Es ist eher umgekehrt. Der Umgang mit Druck, den ich aus dem Fussball kannte, hat mir beim Studium geholfen. Wenn man schon mal vor 50000 Zuschauern gespielt hat, ist eine Prüfung kein grosses Ding mehr. Ich spürte Druck, als ich mich nach Hoffenheim arbeitslos melden musste und nicht gleich einen neuen Job gefunden habe.

Die letzte Station vor YB: Nach 17 sieglosen Spielen in Serie wurde David Wagner als Trainer von Schalke freigestellt.

Die letzte Station vor YB: Nach 17 sieglosen Spielen in Serie wurde David Wagner als Trainer von Schalke freigestellt.

Martin Meissner/AP/Keystone

Mit Huddersfield haben Sie mit den Spielern mal ein viertägiges Überlebens-Camp in absoluter Wildnis gemacht. Können Sie sich so was auch bei YB vorstellen?

Ich habe das zuvor auch mit den Reserven von Dortmund gemacht, nachdem wir in die 3. Liga aufgestiegen sind. Ich sagte zu Sportdirektor Michael Zorc: Ich will keine Prämie, aber lass uns so ein Ding machen. Denn wir werden in einer Liga spielen, in der wir krasser Aussenseiter sind. Deshalb müssen wir etwas kreieren, das uns als Gruppe zusammenschweisst, um irgendwie bestehen zu können. Immerhin haben wir drei Jahre lang in der 3. Liga gespielt. Und bei Huddersfield waren es nach dem sensationellen Aufstieg in die Premier League ähnliche Beweggründe.

Und bei YB?

Hier habe ich einerseits eine sehr homogene Mannschaft angetroffen. Andererseits sind wir Favorit und nicht Aussenseiter. Trotzdem muss man sich immer wieder neue Ziele setzen. Jetzt, wo ich die Jungs kenne, bin ich hundertprozentig davon überzeugt, dass ich so was auch mit dieser Gruppe machen könnte. Denn die Spieler mögen Widerstände. Sie mögen, wenn es hart ist, weil sie hungrig und willig sind.

Und sie mögen es, fern von Luxus und Komfort vier Tage in der Wildnis zu verbringen?

Nein, das mögen sie nicht. Aber sie mögen Widerstände. Man darf das nicht so plakativ betrachten. Es geht darum, sich mit Extremsituationen auseinanderzusetzen und die Komfortzone zu verlassen, um als Gruppe zusammenzuwachsen. Nichts anderes machen wir im Fussball. Wir können nicht immer Mainstream sein. Wir müssen auch mal querdenken und aus der Komfortzone raus, um das nächste Level zu erreichen. Ich habe gleich zu Beginn meiner Zeit in Bern gesagt: Das Niveau von letzter Saison wird nicht mehr reichen, um erfolgreich zu sein. Wir müssen besser werden, weil die anderen sich gesteigert haben.

Wie geht die Gruppe um, wenn es wie zuletzt stockt?

Reflektiert. Auf eine ruhige und positive Weise enttäuscht. Aber mit der klaren Zielsetzung: Wir können und wollen das drehen.

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