Die Schützenwiese in Winterthur ist ein Mikrokosmos der besonderen Art. Die Landung wie eine Zeitreise. Sirupkurve für die Kids, Bierkurve für das Volk. Die Libero-Bar, wo bis spät nach dem Spiel Konzerte gespielt werden. Kunst und Cüpli im Salon Erika, auf dessen Dach Juri Gagarin wacht. Bunte, einfache Holzkonstruktionen als Verkaufsstände. Auf dem Dach der neuen Gegentribüne ein alternatives Solarkraftwerk, dessen Erlös (letztes Jahr 14 000 Franken) vollumfänglich in die Nachwuchsabteilung fliesst.

Vieles ist improvisiert, wenig perfekt. Dafür umso charmanter. Jugendhaus-Romantik statt durchgestylte, konturlose Glitzerwelt mit Hochglanz-Logen und Business-Seats, wie wir sie aus anderen, modernen Fussball-Arenen kennen. Oder eben echte Erlebniswelt. «Ich sage immer, wir sind das grösste Jugendhaus der Region», sagt Andreas Mösli.

Die Sirupkurve - Gratis-Sirup während des ganzen Spiels inklusive!

Die Sirupkurve - Gratis-Sirup während des ganzen Spiels inklusive!

Vor 15 Jahren wurd Mösli Geschäftsführer beim FC Winterthur. Der Klub war damals weder hip noch kult, sondern ziemlich bedeutungslos. 500 Zuschauer wollten den FC damals auf der «Schützi» sehen. Der Klub war quasi pleite. Und die lokale Politik spielte gar mit dem Gedanken, das zentral gelegene Stadion dem Wohnungsbau zu opfern.

Inzwischen kommen im Schnitt 3262, obwohl der Klub am Tabellenende der Challenge League steht. Egal: Die «Schützi» trifft den Nerv der Fussball-Romantiker. Viele fliehen sogar aus Zürich, weil Winterthur trotz allem näher ist als der Hamburger Stadtteil St. Pauli.

Auch Kleinkunst braucht Geld. Mösli rettet zwar das Programm, aber ohne das Geld von Hannes W. Keller würden wir jetzt nicht über den Cup-Halbfinal gegen Basel reden. Der Druckmesstechnik-Unternehmer übernahm die Schulden von 2,5 Millionen Franken und garantierte die Deckung des Defizits, das auch mal 1,5 Millionen pro Saison betragen konnte.

Ein Flug über die Schützenwiese:

Doch Ende Saison ist Schluss. Keller steigt nach 16 Jahren als Geldgeber aus. Muss man sich deshalb Sorgen machen um den Klub? «Die Situation ist ernst», sagt Mösli. «Keller war Fluch und Segen für den Klub. Fluch, weil er mit seiner Art etliche Menschen vor den Kopf gestossen hat, in dem er ihre Hilfe ablehnte, wenn er fand, sie würden sich zu wenig generös zeigen. Dann bezahlte er lieber selber. Aber weil er bezahlte, war er ein Segen. Die Konsequenz für uns bedeutet: Wir müssen uns öffnen. Die Last, die Keller bislang allein getragen hat, breiter verteilen. Also jene wieder ins Boot holen, die Keller einst vergraulte.»

Ein Vorort von Zürich

Mit 110 000 Einwohnern ist Winterthur die sechsgrösste Stadt der Schweiz. Aber es ist auch eine Stadt, die nach ihrer Identität sucht. Früher eine Arbeiterstadt. Allein Sulzer bot in den 60er-Jahren 15 000 Menschen eine Arbeit. Heute sind die Arbeiter weg, geblieben ist der Geist. Bescheiden, zurückhaltend, nicht allzu anspruchsvoll sei der Winterthurer, sagt Mösli. Und die Stadt habe einen Minderwertigkeitskomplex. Warum? «Weil sie trotz ihrer Grösse nicht mal Kantonshauptstadt, sondern ein Vorort von Zürich ist, das wie ein schwarzes Loch alles aufsaugt.»

Und wie überträgt sich das auf den Fussball? «In Winterthur ist es schwierig, Leute zu finden, die übereuphorisch sind, die grosse Visionen haben. In dieser Stadt herrscht in den besseren Kreisen nicht die Haltung vor: Hier habt ihr Geld, macht etwas Gutes daraus. Wenn überhaupt, dann engagieren sich die alteingesessenen Unternehmer im einstigen Elite-Sport Handball. Es ist also nicht verwunderlich, dass Keller kein Winterthurer, sondern ein Rheintaler ist.» Und Keller war immer auch ein wenig getrieben, dem lokalen Establishment den Mittelfinger zu zeigen.

Mösli mit seiner Kreativität und Keller mit seiner Aufmüpfigkeit – daraus resultiert ein cooler, lässiger Anstrich. Die Gefahr ist indes virulent, dass sich der FCW allein in der Rolle des Aussenseiters genügt. Egal, ob unten oder oben in der Tabelle. Hauptsache Happening. Hauptsache gegen den Mainstream. «Stimmt», gibt Mösli zu. «Was wir haben, ist eine lässige Sache. Aber man darf den Kern der Sache nicht ausseracht lassen. Es geht auch hier um Fussball, um Resultate, um Erfolg.»

Nur, wie implementiert man einem alternativen Klub Leistungskultur? «Schwierig, aber nicht unmöglich», sagt Mösli. «Schwierig, weil viele bei uns der Überkommerzialisierung im Fussball kritisch gegenüberstehen, aber dann doch den Anspruch haben, dass jemand am Ende des Tages das Defizit ausgleicht.»Was, wenn ein SVP-Exponent – sagen wir mal Peter Spuhler – Lust hätte, künftig als Geldgeber beim unkonventionellen FC Winterthur einzusteigen?

Andreas Mösli, Geschäftsführer des FC Winterthur

«Das Problem von Ideologien ist: Man versucht sie über die Realität zu stülpen.»

Mösli, heute 52, ist ein Kind einer typischen Arbeiterfamilie. Der Grossvater väterlicherseits wanderte 1918 als Wirtschaftsflüchtling von Appenzell nach Norddeutschland aus. Wirtschaftliche Gründe führten wiederum dazu, dass Möslis Eltern in die Schweiz zogen. Der Vater arbeitet als Metzger, Andreas macht später eine Lehre als Maschinenzeichner. Nicht aus Berufung. Seine Leidenschaft ist die Musik. Er kauft eine E-Gitarre. Und weil er schon immer einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hat, tritt er der sozialistischen Jugend bei. Kurz: Mösli ist Teil der alternativen Szene Winterthurs. Er arbeitet in der Genossenschaftsbeiz Widder, im Salzhaus, im interkulturellen Forum und später als Journalist für den Tages-Anzeiger.

Winterthur ist nicht Seattle

Noch immer wird Mösli als Sozialist und Punk schubladisiert. Wobei «Ear» nicht Punk, sondern Grunge spielte. Die musikalische Form des wütenden, anti-kapitalistischen Jugendprotestes der frühen 90er, mit Bands wie Nirvana oder Pearl Jam an der Spitze. Mit «Ear» tourte Mösli durch Europa und brachte drei Alben raus. «In gewisser Weise waren wir schon Profis», erinnert er sich. Doch irgendwann musste die Band konstatieren: Mehr liegt nicht drin. «Wenn ihr aus Seattle kommen würdet, wäre es anders», wurde ihnen gesagt. «Aber Winterthur lässt sich schlecht vermarkten.» Darauf wurde «This is Winterthur, not Seattle» zum Schlachtruf der Band.

«This is Winterthur, not Basel!» Er könnte, wenn er wollte. Doch Mösli sagt: «Auch wenn es auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist: Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zum FC Basel, weil dort richtig gute Leute am Werk sind. Der FC Basel zeigt: Wenn das, was man vermittelt, echt ist, hat man grosse Erfolgschancen.»

Und, Herr Mösli, noch immer Sozialist? «Ich weiss nicht. Ich mag solche Klischees nicht. Ich bin, wie ich bin. Das Problem von Ideologien ist: Man versucht sie über die Realität zu stülpen. Ich bin eher der Pragmatiker, der das Beste aus der Realität machen will.»

Auch die SVP ist willkommen

Bleibt noch diese Frage offen: Was ist nun mit der Hypothese von wegen SVP-Geld? Wäre es ein Verrat an der Kultur des FC Winterthur, wenn der neue Geldgeber des FC Winterthur aus der rechten Ecke käme? «Nein», sagt Mösli. «Wir sind schliesslich keine politische Kampforganisation, sondern ein Fussballklub. Und als solcher ist es unsere Pflicht, für eine möglichst breite Bevölkerung offen zu sein.

Wir machen keine Türkontrolle und fragen die Zuschauer, welcher Partei oder Religion sie angehören. Wir leben die Kultur der Solidarität gegen Diskriminierung. Ich kenne viele aus der SVP, die an unsere Heimspiele kommen und gut finden, was wir machen. Ausserdem machen wir keinen Wahlkampf. Aber wir melden uns in politischen Angelegenheiten zu Wort, wenn es um Integrationsfragen, Jugendkultur und Sicherheit geht.

Also Dinge, die uns entweder als Fussballklub oder unsere Werte und unsere Grundeinstellung betreffen. Stellen Sie sich vor: Der Diktator von Venezuela sieht sich als Linker. Aber ich hätte ein viel grösseres Problem, Geld von ihm anzunehmen als von einem SVP-Mann.»