Die Entourage von Tom Lüthi ist frustriert. Sein Manager Daniel M. Epp machte auf Sarkasmus: «Ich sage nur: Viva España!» Einerseits war da der Verlust der WM-Führung. Aus sechs Punkten Vorsprung auf Alex Marquez sind acht Punkte Rückstand nach dem Sachsenring-GP geworden. Andererseits gab eine Szene zu reden, die viel über die neuen Verhältnisse auf den Rennpisten sagt. Es gibt seit dieser Saison im bisher vermeintlich rechtsfreien Raum Verkehrsregeln und Videorichter. Auf dem Durchmarsch nach vorne stach Lüthi in die Lücke, die Xavi Vierge (22) offen liess. Als der Spanier die Lücke schliessen wollte, kam es zur Kollision. Er stürzte. Lüthi fuhr weiter.

Dafür wurde der 32-jährige Schweizer mit einer Long Lap bestraft. Er musste bei einer mit einer weissen Linie markierten Stelle an der Rennstrecke ein kurzes Stück aussen herum fahren und verlor dadurch einen Platz. Der Kontakt zur Spitzengruppe riss ab, er beendete das Rennen auf Rang fünf statt vier oder gar drei.

Lüthi allein gegen die spanische Mafia?

Eine spanische Vermarktungs-Firma (Dorna) besitzt alle Rechte am GP-Zirkus. Ein Schweizer, der mit einem Spanier (Marquez) um den WM-Titel ringt, bringt einen Spanier (Vierge) zu Fall und wird dafür bestraft. Lüthi allein gegen die spanische Mafia? Auch vermeintlich seriöse Schweizer Medien schwadronierten in Unkenntnis einer neuen Verkehrsordnung von «schalem Beigeschmack». Doch so schön diese Polemik wäre – so einfach liegen die Dinge nicht. Richtig ist: Lüthi hat sich rennsporttechnisch nichts zuschulden kommen lassen. Die fragliche Szene war eine klassische Situation. Kein Grund zur Aufregung. Und schon gar keiner für eine Strafe. «Ich habe mich bei Vierge nach dem Rennen entschuldigt», sagte Lüthi. «Aber die Entschuldigung ist kein Eingeständnis einer Schuld.»

Warum dann doch die Strafe? In den letzten Jahren ist eine neue Rennfahrergeneration herangewachsen. Sie fährt wilder und rücksichtsloser. Klugerweise haben die Verantwortlichen dagegen Massnahmen ergriffen, sie setzen die sportliche Allzweckwaffe Video ein. Seit dieser Saison sitzt der Amerikaner Freddie Spencer in einer neu geschaffenen Schlüsselposition. Der mehrfache Weltmeister vertritt eine klare, neue Generallinie. Kommt es nach einer Berührung zum Sturz, dann wird der Pilot, der im Sattel bleibt, in der Regel mit einer Long La» bestraft. Stürzen beide, gibt es, wenn nicht ein grobes Fehlverhalten festgestellt wird, keine Sanktion.

Tom Lüthi ist also kein Opfer der spanischen Mafia, sondern der strengeren Richtlinien, die im Sinne der Sicherheit kreiert worden sind. Es ist nachgerade eine Ironie des Schicksals, dass es auf dem Sachsenring ausgerechnet Lüthi traf. Denn seit seinem GP-Debut 2002 halten ihm die Kritiker vor, er fahre zu wenig angriffig. Populistisch gesagt: Er sei zu weich, zu wenig böse. Die Art und Weise, wie er nun nicht gewillt war, rundenlang hinter Xavi Vierge herzufahren und die erste Gelegenheit zum wagemutigen Angriff genutzt hat, ist ein sehr gutes Zeichen für den weiteren Verlauf der Saison. Man darf sich nach der Pause (der nächste GP ist am 4. August in Brünn) für die zweite Saisonhälfte auf den besten, weil bissigsten, bösesten Lüthi aller Zeiten freuen.