Olympische Spiele

Judoka Grossklaus: «Ich bin ein Profi ohne fixen Monatslohn»

Ciril Grossklaus (in Weiss) nimmt lange Wege auf sich, um seinen olympischen Traum verwirklichen zu können.

Ciril Grossklaus (in Weiss) nimmt lange Wege auf sich, um seinen olympischen Traum verwirklichen zu können.

Judoka Ciril Grossklaus reist für seinen Traum pro Saison dreimal um die Welt. Was Schweizer Athleten in Randsportarten alles auf sich nehmen, um an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro dabei zu sein.

Wer mit wem? Im Tennis darf man von olympischen Luxusproblemen sprechen, wenn Roger Federer, Stan Wawrinka, Martina Hingis, Belinda Bencic und Timea Bacsinszky um den besten Doppel-Partner buhlen. Egal, wer sich wie entscheidet – es kommt zur Vereinigung von Sport-Millionären.

Doch Olympia ist weit mehr als das Stelldichein von bekannten Stars mit dickem Portemonnaie. Olympia ist in erster Linie der Traum von unzähligen Athletinnen und Athleten, einmal in ihrer Karriere im Rampenlicht zu stehen. Von den 41 olympischen Sportarten sind die allerwenigsten Big Business. In sieben Monaten in Rio de Janeiro werden auch Bogenschützen, Kanuten, Segler oder Judokas zu Helden. Ohne, dass sich ihr Leben dadurch gross ändern wird. Der mediale Ruhm in diesen Randsportarten hat ein rasches Ablaufdatum.

Trainingsbesuch bei Ciril Grossklaus

Trainingsbesuch bei Ciril Grossklaus

Bemerkenswerter als das kurze Leben im Fokus der Öffentlichkeit sind die grossen Opfer abseits der TV-Kameras, welche diese Athleten auf sich zu nehmen bereit sind. Ihre Leidenschaft, alles für einen Platz in Rio in die Waagschale zu werfen.

Dreimal um die Welt

Der Aargauer Ciril Grossklaus ist der derzeit beste Schweizer Judoka. Judo hat durchaus eine Schweizer Erfolgsgeschichte bei Olympia. Vier Medaillen holten sich die Schweizer seit 1964 – darunter die Goldmedaille von Jürg Röthlisberger 1980 in Moskau. Grossklaus ist im Olympiarennen derzeit die Nummer 16 in seiner Gewichtsklasse bis 90 Kilogramm. 22 Athleten dürfen nach Rio. «Ich bin im Fahrplan», sagt der Hottwiler.

Beeindruckend ist weniger der Fahrplan als die Stationen seiner Reise: Samsun in der Türkei, Baku in Aserbaidschan, Rabat in Marokko, Ulan Bator in der Mongolei, Astana in Kasachstan, Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Wollongong in Australien, Qingdao in China, Yong-In in Südkorea oder Tokio in Japan gehörten für den 24-Jährigen 2015 zum Olympia-Fahrplan. Rund 125 000 Kilometer – oder dreimal um die Welt – ist Grossklaus im letzten Jahr für seinen Traum gereist, 188 Tage weilte er im Ausland, davon im Herbst fünf Wochen am Stück. «So lange wie nie zuvor in meiner Karriere», sagt der Fricktaler.

Wie viel hat Ciril Grossklaus dabei verdient? Falsche Frage! Zwar gibt es auch im Judo wie im Tennis bei den Grand-Slam-Turnieren Preisgelder. 1500 Dollar erhielt der gelernte Kaufmann für seinen dritten Platz in Abu Dhabi. Zum Vergleich: In Wimbledon brachte die Halbfinalqualifikation den Tennisstars rund 700 000 Franken ein. Ciril Grossklaus halten die unzähligen Tage in Trainingslagern und an Turnieren primär davon ab, Geld zu verdienen. «Ich bin ein Profi ohne fixen Monatslohn», sagt der in Brugg einen Kilometer vom nationalen Judo-Leistungszentrum entfernt in einer kargen Einzimmerwohnung lebende Grossklaus. Erst seit wenigen Monaten kann er sich ein eigenes Zuhause leisten. Dank seinem Status als Schweizer Topkämpfer werden die Reisekosten vom Verband bezahlt. Lediglich fürs Essen muss der Athlet auf seinen Trips rund um die Welt selber aufkommen.

Möglichst rasche Qualifikation

Daneben finanziert Ciril Grossklaus seinen Olympiatraum vorwiegend über seine 46 privaten Gönner und 4 Sponsoren. Das macht gut einen Drittel seiner Einkünfte aus, zwei Drittel sind Fördergelder von Swiss Olympic und der Schweizer Sporthilfe. «Natürlich muss ich haushalten, um über die Runden zu kommen», sagt der Aargauer und fügt mit einem Schmunzeln an, «aber zum Glück bin ich gelernter Kaufmann».

Noch bis Ende Mai steht Grossklaus unter Qualifikations-Dauerstress. Die Weltreise geht weiter. In einer Woche folgen die nächsten 8000 Kilometer in die kubanische Hauptstadt Havanna. Danach heissen die Stationen je nach Resultaten Paris, Düsseldorf, Lima, Buenos Aires, Tiflis, Samsun, die EM im russischen Kasan, Baku und Almaty. Die besten fünf Resultate seit Mai 2015 plus die Kontinentalmeisterschaft zählen fürs Ranking. Je schneller Grossklaus die Qualifikation im Trockenen hat, desto früher kann er die strapaziösen Reisen um den Erdball gegen den fokussierten Aufbau in Richtung Rio eintauschen.

Lange Reise – kurzer Einsatz

Manchmal läuft es aber auch nicht so wie geplant. Judo hat einen speziell harten Wettkampfmodus: Die Auslosung kann in der ersten Runde einen Olympiasieger als Gegner bescheren und vielleicht das Aus nach zehn Sekunden im ersten Kampf. Und dies nach einer Reise ans andere Ende der Welt. Auch Grossklaus musste im vergangenen Jahr solche Erfahrungen sammeln: An der WM 2015 in Kasachstan erhielt er als Startgegner einen dreifachen Weltmeister und ehemaligen Olympiasieger zugelost. Nach eineinhalb Minuten war der Aargauer bezwungen. Zweieinhalb Monate hatte er sich für diese 90 Sekunden vorbereitet.

Doch Niederlagen machen einen guten Kämpfer nur stärker. Und eines lässt sich Ciril Grossklaus nicht nehmen: seinen olympischen Traum. Selbst wenn er dafür zum Mond fliegen müsste.

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