Herr Lichtsteiner, war dies die beste Saison Ihrer Karriere?

Stephan Lichtsteiner: Unser Hauptziel war, den Meistertitel zum dritten Mal in Folge zu gewinnen, was diesem Klub zuletzt vor über 80 Jahren gelang. Dieses Ziel haben wir erreicht.

Mit 3 Toren und 10 Assists waren Sie auch in der Offensive von Juventus Turin ein prägendes Element.

Ich messe meine Leistung nicht anhand von Toren oder entscheidenden Pässen. Ich bin hungrig nach weiteren Pokalen. Im Fussball im Allgemeinen und bei Juventus Turin im Speziellen zählen nur Titel. Gewinnen ist das Wichtigste.

Ihr Trainer Antonio Conte wirkt oft grimmig und zerknirscht. Sie gelten ebenfalls als Spieler mit ausgeprägtem Charakter. Verträgt sich das mit einem emotionalen Trainer?

Es stimmt schon, dass ähnliche Typen sich oft reiben. Manchmal kracht es, aber danach ist es wieder gut. Ich sage meine Meinung. Das habe ich in meiner Karriere immer gemacht.

Kritiker sagen, Sie würden auf dem Platz zu aggressiv wirken.

Die Leute meinen oft, ich würde beim Schiedsrichter nur reklamieren. Fakt ist aber, dass ich als Verteidiger in dieser Saison total gerade mal fünf gelbe Karten bekommen habe. Fussball ist ein Spiel. Um zu gewinnen, muss man manchmal auch ein wenig intelligent, um nicht zu sagen schlitzohrig sein.

Für Negativschlagzeilen sorgte der Calcio abseits des Rasens. Rassistische und antisemitische Sprechchöre sowie Fankrawalle wie jüngst anlässlich des Cupfinals in Rom überschatteten die Saison. Wie erlebt man solche Situationen als Spieler?

Diese Vorkommnisse sind extrem tragisch. Gerade bei Rassismus oder Antisemitismus gibt es für mich keine Toleranz. Ich möchte allerdings festhalten, dass Gewalt im Fussball nicht ein rein italienisches Phänomen ist, wie man vor kurzem ja auch am Cupfinal in Bern gesehen hat.

Ein gesellschaftliches Problem?

Absolut. Es geht um Respekt und Anstand. Ich sehe das immer weniger in unserer individualisierten Gesellschaft. Die wirtschaftliche Krise spielt sicher auch eine Rolle. Viele Leute lassen ihren Frust am Wochenende im Stadion aus. In manchen Arenen wünschen dir die Fans eine Verletzung oder sogar den Tod. Wie weit soll das noch gehen?

Was könnte man Ihrer Meinung nach dagegen tun?

Es fängt bei der Erziehung der Kinder an. Sie ist nicht Aufgabe des Staates oder der Fussballverbände. Es liegt an den Eltern, die mit gutem oder eben schlechtem Beispiel ihren Sprösslingen den Weg aufzeigen.

In Grossbritannien wird Fehlverhalten sofort sanktioniert.

Als wir letzte Saison auswärts gegen Celtic Glasgow vor dieser unglaublichen Kulisse gespielt haben, sind wir zwar lautstark ausgebuht worden. Das war es dann aber auch. Die schottischen Fans haben vor allem ihre Mannschaft leidenschaftlich nach vorne gepeitscht.

Sie gelten als einer der besten Aussenläufer der Welt. Ihr Marktwert wird auf über 17 Millionen Euro geschätzt. In der Vergangenheit gab es Anfragen von Manchester City oder Paris St-Germain. Ihr Vertrag bei Juve läuft noch bis 2015. Und dann?

Nächstes Jahr werde ich 31. Es wird wohl der letzte grosse Vertrag meiner Karriere werden. Interessenten gibt es, doch der Wechselspielraum ist begrenzt. Ich spiele beim besten Verein Italiens. Eine Steigerung ist somit fast nicht mehr möglich. Eine Vertragsverlängerung bei Juventus geniesst Priorität.

Haben Sie sich mit 30 Jahren auch schon Gedanken gemacht, was nach dem Ende der Profikarriere kommen wird?

Ich denke, dass weitere drei bis vier Saisons auf Top-Niveau in einer ausländischen Liga möglich sind. Danach könnte ich mir vorstellen, noch ein oder zwei Jahre in der Schweiz zu spielen. Anschliessend würde ich gerne ins Trainermetier einsteigen. Es wäre reizvoll, bei einer Juniorenmannschaft Erfahrungen zu sammeln und danach einen Verein aus der Super League zu coachen.

Die unmittelbare Zukunft führt Sie als Stammspieler der Nati an die WM nach Brasilien. Sie waren mit der Schweiz sowohl 2008 als auch 2010 an einer Endrunde dabei. Beide Male scheiterte die Schweiz in den Gruppenspielen. Was muss in dieser Kampagne anders laufen?

Ich denke, dass wir dieses Mal mehr spielerische Qualität im Kader haben. Bei den vorherigen Endrunden lebten wir stark vom Teamgeist. Wichtig wird natürlich sein, dass alle Spieler fit einrücken können.

Sie haben bisher 61 Länderspiele absolviert und sind ein Routinier. Ihr Wort hat in der Mannschaft Gewicht. Welchen Einfluss kann ein erfahrener Spieler an einem grossen Turnier auf die Jüngeren ausüben?

Meine Rolle als Leader sehe ich vor allem auf dem Platz. Man muss den Jungen Selbstvertrauen geben. Sie dürfen auch mal einen Fehler machen, ohne dass es gleich ein Drama gibt. Ich denke, dass sich das im Vergleich zu früher geändert hat. In dieser Nationalmannschaft suchen wir vermehrt den Dialog.

Trainer Ottmar Hitzfeld gibt nach der WM seinen Rücktritt. Kann es zum Problem werden, wenn man weiss, dass Hitzfeld anschliessend nicht mehr das Sagen haben wird?

Ich glaube, dass dies weder ein Vorteil noch ein Nachteil sein wird. Im Klubfussball wäre es wohl anders. Eine WM ist eine grosse Bühne. Diese Plattform will jeder nutzen, egal wer auf der Trainerbank sitzt.

Das Klima in Brasilien wird teilweise subtropisch heiss. Ein Handicap für die Europäer und damit ein Vorteil für die Gruppengegner Ecuador und Honduras?

Die klimatischen Voraussetzungen werden uns sicher Probleme bereiten. Aber wir können es nicht ändern. Wir werden uns gezielt darauf vorbereiten. Danach liegt es allein an uns, was wir daraus machen.

An der WM treffen Sie auf Frankreich und damit auf Ihren Teamkollegen bei Juventus, Paul Pogba. Der 20-jährige Mittelfeldspieler gilt als einer der Shootingstars des Weltfussballs. Warum müssen die Schweizer auf ihn besonders aufpassen?

Paul ist qualitativ wohl der beste junge Spieler, den ich in meiner Karriere gesehen habe. Er ist technisch unglaublich stark, körperlich robust und trotz grosser Statur sehr schnell. Dazu hat er einen harten Schuss. Vor allem aber zeigt er extreme Leidenschaft.

Wagen wir noch einen Ausblick: Ab Herbst wird Vladimir Petkovic die Schweiz mit dem Ziel übernehmen, sich für die EM 2016 in Frankreich zu qualifizieren. Was erwarten Sie von ihm?

Ich habe seine Resultate als Trainer von Lazio Rom aus der Nähe verfolgen können. Ich freue mich auf ihn. Die Zusammenarbeit mit Petkovic wird sicher eine Bereicherung werden. Ich denke aber auch, dass man in dieser Nati nicht alles ändern muss. Wir sind in der aktuellen Ausgabe eine gut funktionierende und harmonische Truppe.