Die Bilder werden spektakulär sein. Wenn die Fahrer am Donnerstagabend die neun Kilometer lange Abfahrt des Albulapasses bis ins Ziel in La Punt hinunterjagen, dann werden die Zuschauer vor dem Fernseher mitten drin im Geschehen sein. Es wird für die vier TV-Töffs mit ihren Fahrern und Kameraleuten eine der anspruchsvollsten Passagen der Tour de Suisse 2017 sein. Neun Kilometer allerhöchste Konzentration. Ein Moment der Unachtsamkeit könnte fatale Folgen haben.

«Sicherheit geht vor!» Diese Maxime bläut Sergio Gerosa, Produktionsleiter bei der SRG, welche die TV-Bilder der Tour de Suisse produziert, seinen Mitarbeitern immer wieder ein. Wer sich, wie die Töfffahrer und die Kameraleute, so nah am Renngeschehen bewegt, der muss den Kopf bei der Sache haben. Auch wenn das Adrenalin angesichts von Geschwindigkeiten von über 100 km/h in einer Passabfahrt in Massen fliesst, ist dieser Job nichts für Leute, die das Abenteuer und den ultimativen Kick suchen. Deshalb war es Gerosa, selber einst Radprofi, ein Anliegen, dass nur ehemalige Radrennfahrer während der Tour-de-Suisse die Kameratöffs lenken.

Peter Steiger ist einer dieser vier Kameratöffpiloten, die während der Schweizer Rundfahrt im Einsatz stehen. Wenn einer weiss, wie man sich mit einem Motorrad zwischen den rasenden Velofahrern bewegt, dann ist das mit Sicherheit er. Als Weltmeister bei den Stehern – das sind die Velo-Cracks, die im Windschatten eines Töffs auf der Bahn ihre Runden drehen – kennt er das Business aus dem Effeff. Der 57-Jährige unterstreicht: «Ich schaue immer, dass es stimmt für die Rennfahrer. Ich fahre so, dass das Rennen nicht beeinträchtigt wird.»

Vermittler zwischen Interessen

Damit ist er so etwas wie der Vermittler zwischen den Interessen. Denn hinten auf seinem Beifahrersitz hat er einen Passagier dabei, der immer möglichst nahe am Geschehen sein will: den Kameramann. Da kann es durchaus auch mal zu Unstimmigkeiten kommen: «Der Mann hinter mir will, dass ich immer nah bei den Fahrern bin. Man muss immer ans Limit gehen, dass man tolle Bilder hat. Gleichzeitig schreit aber von vorne der Kommissär, dass ich mehr Abstand zu den Velofahrern halten soll», erklärt Steiger die Zwickmühle, in der er bisweilen steckt.

Einer der vier Töff-Kameraleute ist Kay Anliker. Auch er ist ein Tour-de-Suisse-Veteran, ein absoluter Profi. Das muss man auch sein, wenn man diesen anspruchsvollen Job ausüben will. Scharfe Bilder liefern, die richtigen Szenen einfangen – und das bei teilweise halsbrecherischem Tempo und hektischen Rennsituationen. «Ich muss dem Piloten voll und ganz vertrauen können. Nur so kann ich mich auf meine Arbeit konzentrieren. Aber ich spüre natürlich schon, wenn es brenzlige Situationen gibt. Da hilft nur, die Nerven zu behalten», sagt Anliker.

Die Bilder zur 5. Etappe:

Er beschreibt die Herausforderung Tour-de-Suisse folgendermassen: «Die Faszination ist, dass man so nah am Geschehen dabei ist. Man weiss nie, was passiert. Es ist sehr anspruchsvoll, weil man in einem sehr unruhigen Umfeld versuchen muss, schöne und scharfe Bilder zu liefern. Kameratechnisch ist es der wohl schwierigste Job.»

Schwierig ist auch, in der allgemeinen Hektik nicht den Überblick zu verlieren. Dazu gehört auch eine perfekte, interne Kommunikation. «Ich frage immer wieder, ob es für meinen Kameramann passt», sagt Steiger. Gerade in spannenden Rennmomenten gilt es, die Unterhaltungen zu minimieren. «Man ist grundsätzlich sehr fokussiert und redet nur das Allernötigste», sagt Anliker.

«Man ist selber im Rennfieber»

Hilfreich ist auf jeden Fall, wenn der Töffpilot das Rennen selber gut lesen und entsprechend proaktiv fahren kann. «Man ist selber im Rennfieber. Als ehemaliger Fahrer sehe ich die Abläufe im Feld und weiss zum Teil schon im Voraus, wie sich eine Situation entwickelt», sagt Steiger. «Für uns Kameraleute ist das sensationell. Wir sind oft so absorbiert, wenn wir etwas filmen, dass wir das gesamte Geschehen etwas aus den Augen verlieren. Die Inputs der Piloten sind für uns Gold wert», schwärmt Anliker.

Vier Motorrad-Kameras im Einsatz

Während einer Tour de Suisse sind vier Kamera-Töffs im Einsatz. Jedes hat eine klar definierte Rolle: Moto 1 fährt an der Spitze, Moto 2 vor dem Feld, Moto 3 hinter dem Feld. Moto 4 macht stehende Bilder, greift aber auch ins Renngeschehen ein, wenn sich zum Beispiel mehrere Fluchtgruppen gebildet haben und sich entsprechend die Positionen verändern. Dazu gibt es einen Reservetöff, der bei Defekten zum Einsatz kommt. Es stehen jeweils vier Töffpiloten und vier Kameraleute zur Verfügung. Wer mit wem unterwegs ist, wird immer am Abend vor einer Etappe festgelegt. Die Positionen der Motorräder und ihrer Piloten sind fix, die Passagiere wechseln grundsätzlich jeden Tag. Jeder Kameramann soll an jeder Position einsatzfähig sein, damit maximale Flexibilität vorhanden ist. (ku)

Während der Kreis der Kamera-Töfffahrer seit Jahren immer aus denselben vier Personen besteht, sind die Wechsel bei den Kameraleuten häufiger. Peter Steiger sagt selber lachend, dass «ich nie bei mir hinten auf dem Töff mit einer Kamera in der Hand stehen oder sitzen möchte.» Einerseits sind da die physischen Anforderungen. Die filmende Töffcrew muss – je nach Kameraperspektive - durchaus auch ein Flair für Akrobatik mitbringen.

Bei 60 km/h hinten das Bein einklemmen und gleichzeitig, halb über der Strasse hängend zu filmen, ist schon fast zirkusreif. Dazu kommt das Gewicht der Kamera selbst. «Es ist auch körperlich anstrengend. Die Kamera an sich ist zwar leicht, aber die Linse vorne schwer. Diese fehlende Balance spürt man am Abend im Arm», erklärt Anliker. Und dann existiert auch eine psychische Komponente: «Der eine oder andere Familienvater überlegt sich sicher mit der Zeit auch, welche Risiken er noch in Kauf nehmen will. Man versucht, sie zu minimieren, ganz ausmerzen kann man sie aber nicht», sagt Steiger.

Es kann eng werden

Ja, das Risiko: Wirklich gefährliche Situationen haben weder Steiger noch Anliker erlebt. «Es kann aber immer mal Momente geben, wo es eng wird. Zum Beispiel, wenn man auf eine Fluchtgruppe aufschliesst und man die Verfolger am Auspuff kleben hat, weil man nicht wegkommt. Unangenehm ist auch, wenn man durch den Rennverlauf plötzlich im Feld eingeschlossen wird und nicht mehr rauskommt», erklärt Steiger.

Richtig ungemütlich wurde es im letzten Jahr am Grimselpass, als auf der Abfahrt stockdichter Nebel herrschte. «Die Rennfahrer orientieren sich in den Abfahrten meistens am Bremslicht der Motorräder. Wenn man sieht, dass der Töff lange bremst, dann bremst man als Fahrer mehr. Wenn der Töff nur kurz bremst, dann lässt man es eher ziehen. Am Grimsel habe auch ich kaum etwas gesehen. Gleichzeitig wusste ich, dass die Radprofis auf mein Bremslicht schauen. Prompt musste ich vor einer Kurve einmal voll in die Eisen, mit der Konsequenz, dass hinter mir zwei Fahrer zu spät bremsten und in die Leitplanken krachten.»

Solche Zwischenfälle sind die Ausnahme. Die vielen Highlights im Verlauf einer Tour de Suisse sind es, die Töffpiloten wie Kameraleute gleichermassen begeistern. Für Anliker ist die Steigung nach Sölden, welche morgen auf dem Programm steht, das Highlight. Steiger freut sich am meisten auf die Abfahrt vom Albulapass. «Das wird geil», sagt er versonnen lächelnd.