Schweizer Cup

Karneval in Lausanne: Der Schweizer Fussball ist zurück

Einer der Hauptdarsteller im Lausanner Karneval: Doppeltorschütze Arthur Cabral.

Einer der Hauptdarsteller im Lausanner Karneval: Doppeltorschütze Arthur Cabral.

Der Schweizer Fussball feiert mit dem 3:2 des FC Basel über Lausanne im Cup-Viertelfinal sein Comeback. Unter besonderen Umständen und mit einem Spektakel.

«Willkommen im Karneval von Lausanne», sagt ein Mann mittleren Alters, während er gelbe Bändeli verteilt. Diese sind das Eingangsticket zum Innenraum des Stade Olympique de la Pontaise. Es ist der letzte Schritt, den es beim Durchlauf durch die sogenannte Gesundheitsschneise zu absolvieren gibt.

Dann ist man drin. Im Stadion. Dort, wo um 16 Uhr der Cup-Viertelfinal zwischen Lausanne und dem FC Basel angepfiffen wird. Eine attraktive Affiche zwischen dem Leader der Challenge League und dem ehemaligen Serienmeister aus Basel. Aber nicht nur deshalb schaut an diesem Sonntagnachmittag die ganze Schweizer Sportwelt nach Lausanne.

Sondern vielmehr, weil sich hier das erste Profifussballspiel auf Schweizer Boden seit 108 Tagen und dem Rückspiel des FC Basel gegen Nikosia in der Europa League abspielt. Das erste Spiel der Post-Coronaära. Das erste Duell mit ganz besonderen Umständen.

Kein Pommes-, dafür Putzmittelgeschmack

Beim Betreten des Stadions weht einem kein Duft von Bier und Pommes entgegen, sondern einer von Putzmittel. Alle paar Meter stehen Desinfektionsflaschen. Wer Eingangskontrollen durchführt, trägt eine Maske. Wer diese über sich ergehen lassen muss, muss unterschreiben, dass er gesund ist. Und seinen Ausweis zeigen und den Namen hinterlegen lassen. Im Stadion herrscht kein Gedränge, sondern gähnende Leere.

Der Karneval von Lausanne ist nicht bunt und laut und lebhaft, er ist grau und ruhig und trist. Die nur 300 Personen, welche das Stadion betreten dürfen, verteilen sich auf der Haupttribüne. Das ganze Stadion ist in drei Sektoren eingeteilt, die Farbe des Bändelis bestimmt, wer sich wo bewegen darf. Die Verpflegungsstände sind geschlossen, die Toiletten öffnen erst eine Stunde vor Anpfiff. Und auf den Sitzen ist genau markiert, wo man sitzen darf und wo nicht.

Wer kontrolliert, trägt auf der Pontaise Maske.

Wer kontrolliert, trägt auf der Pontaise Maske.

Als um 15.09 Uhr FCB-Goalie Jonas Omlin gemeinsam mit der Basler Nummer 2 Djordje Nikolic und Goalie-Trainer Massimo Colomba den Rasen betritt – als erste Protagonisten überhaupt – weht ein schwacher Wind der Normalität durch das Geisterstadion.

Der Fussball ist zurück in der Schweiz. Aber der Moment und der Eindruck der Normalität verbleiben nur kurz. Denn nur Minuten später betreten die Physios der beiden Mannschaften den Platz. Allesamt tragen sie Masken. Gleiches gilt für Materialwarte und die Medienteams der Clubs.

Mit Handschuhen statt Masken sind dafür die Balljungen ausgestattet. Sie verharren jeweils neben einer Tonne, auf welcher sich je ein Ball und eine Flasche Desinfektionsmittel wiederfinden. Die Bälle müssen stets steril sein. Gesundheit vor.

Und so betritt auch FCB-Trainer Marcel Koller Sekunden vor Anpfiff den Rasen mit Maske. Auf dem Gang zu seiner Bank streift er sie sich ab, als würde er dies auch mit den letzten schwierigen, fussballfreien Monate versuchen zu tun. Denn auf den Ersatzbänken in der Schweiz herrscht keine Maskenpflicht, auch nicht bei den Ersatzspielern. Aus der Bundesliga war man sich anderes gewöhnt.

Vor dem Spiel sieht es anders aus. Obwohl die Liga empfiehlt, mit getrennten Teamcars anzureisen, hat sich der FCB auf einen beschränkt.

Aber: mit Maskenpflicht bei Spielern, Staff und Co. Und auch die Ansprache Kollers wurde auf engem Raum in der Kabine abgehalten, Mundschutz aller Beteiligten inklusive. Wer im Karneval von Lausanne auftreten will, braucht dieses neuste Accessoire. Es sind Bilder, die so schnell nicht vergessen werden.

Beim Comeback geht’s gleich in die Ehrenrunde

Das Spiel hingegen ist lange keines, an welches man sich erinnern würde. Das Drumherum stiehlt dem eigentlichen Schauspiel die Show. Bis zur 54. Minute. Dann meldet sich der Schweizer Fussball zurück. Und wie. Mit einer Einlage, die bestens in einen Karneval passt: Arthur Cabral erzielt mittels Fallrückzieher das erste Tor nach der Coronapause.

Es ist ein Traumtor, und eines, das es verdient gehabt hätte, vor vollem Haus statt hinter zugezogenen Vorhängen erzielt zu werden. Dass aber auch ein Geisterspiel für Emotionen sorgen kann, zeigen die Reaktionen nach dem ersten Basler Tor. Es brandet Applaus auf, Jubel. Es ist fast ein bisschen wie immer. Einfach reduzierter.

Ein Tischchen mit Ball und Desinfektionsmittel. Neben jedem Ballbuben steht ein solches.

Ein Tischchen mit Ball und Desinfektionsmittel. Neben jedem Ballbuben steht ein solches.

Was danach folgt, ist ein Spektakel. Innerhalb von acht Minuten fallen drei weitere Tore. Lausanne gleicht nach 0:2-Rückstand aus und erzwingt eine Verlängerung. Beim grossen Comeback des Fussballs geht es also gleich in die Ehrenrunde. Für den neutralen Beobachter ein begeisterndes Vergnügen. Und eines, das mit dem 3:2 Silvan Widmers in der 116. Minute sein Ende findet.

Um 18.27 Uhr ist dann Schluss. Der erste Ernstkampf ist zu Ende. Der FCB steht im Halbfinal des Schweizer Cups, wo er Anfang August auf den Sieger des Duells Bavois gegen Winterthur treffen wird. Bis am Freitag die Ligabetriebe wieder aufgenommen werden, steht aber wieder alles im Zeichen von Corona. Gejubelt wird nur mit dem Staff.

Interviews werden mit zwei Metern Abstand gegeben. Und geduscht wird verteilt auf vier Kabinen. Es ist alles noch gewöhnungsbedürftig. «Vor allem, dass keine Fans da sind, das ist eine gewaltige Umstellung», sagt Omlin. Aber was die beiden Teams gezeigt haben, stillt die erste Sehnsucht nach fast vier Monaten Pause - bei den wenigen im Stadion Anwesenden aber auch bei jenen zu Hause. Und lässt Lust und Vorfreude nur noch grösser werden.

Der Karneval Fussball ist zurück in der Schweiz, und es ist gut so.

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