Analyse

Köbi Kuhn verkörperte eine verlorene Schweizer Identität – darum liebten wir ihn

Held der Nachkriegs-Schweiz: Jakob "Köbi" Kuhn. (Archivbild von 2005, Keystone/Eddy Risch)

Held der Nachkriegs-Schweiz: Jakob "Köbi" Kuhn. (Archivbild von 2005, Keystone/Eddy Risch)

Selten waren die Reaktionen auf den Tod eines Prominenten so positiv, emotional, ja überschwänglich wie bei Köbi Kuhn, der am Dienstag im Alter von 76 Jahren starb. Darin widerspiegelt sich eine Sehnsucht vieler Schweizerinnen und Schweizer.

In den Würdigungen wurde nicht nur Köbi Kuhns fussballerisches Können gepriesen – die «NZZ» verglich ihn mit Lionel Messi –, sondern immer wieder seine menschlichen Qualitäten: seine Bescheidenheit, Demut, Loyalität und Leidensfähigkeit. Jeder Ex-Nati-Spieler, der unter Kuhn spielte, sprach davon.

Wegen seiner Menschlichkeit wären die Spieler für Köbi «durchs Feuer gegangen», sagte Philipp Degen und ergänzte: «Köbi war zugleich Vater und Freund.» Was in keinem Nachruf fehlte, war die Volksnähe des Schreinersohns, der auch als erfolgreicher Fussballer und Trainer stets in einer kleinen Mietwohnung lebte. «Ein Trainer aus dem Volk und für das Volk», titelte diese Zeitung, der «Blick» schrieb: «Er war der Kumpel von nebenan.»

Erfolg bringt oft mit sich, dass Sportler, Manager, Künstler und Politiker abheben, die Bescheidenheit verlieren oder sogar die Menschlichkeit. Köbi Kuhn war die Antithese: Er konnte noch so viele Tore schiessen und Titel feiern, er blieb, wer er immer war.

Er baute keine Villa wie die heutigen Nati-Spieler, fuhr nicht in superteuren Sportwagen vor, und er liess nicht einmal seinen Namen aus dem Telefonbuch streichen.

Auch sein Umgang mit Medien war atypisch. Kuhn gab keine Interviews, weil er sich inszenieren wollte, sondern weil das zu seinem Job gehörte und ihm die Journalisten leid taten, die «Storys» brauchten.

Mitleid mit den Journalisten

Als ich ihn einmal zu seiner Zeit als Nati-Trainer interviewte, schien mir, er fühle sich eher unwohl. Als ich ihn später mit zehn Lesern traf und diese Nicht-Journalisten die Fragen stellten, blühte er auf. Ein Leser fragte, ob es ihn störe, dass er von allen Köbi genannt wurde. Darauf antwortete er: «Ich staune schon, dass die ganze Schweiz Duzis ist mit mir. Selbst Kinder kennen nur meinen Vornamen, und die Eltern stören sich nicht einmal daran. Ich finde, man sollte den Kindern beibringen, dass man nicht einfach alle duzt.»

Dann fügte er hinzu, was bei Politikern hohl und anbiedernd, bei ihm aber echt und glaubwürdig klingt: «Auch in der heutigen Welt müssen Werte wie Anstand, Höflichkeit und Respekt ihren Platz haben.»

Ob diese Werte tatsächlich verloren gegangen sind oder wir nur glauben, dass sie verloren gegangen seien, spielt keine Rolle, denn «perception is reality»: Wahrnehmung ist Realität. Weil Köbi Kuhn für diese Werte stand, widerspiegelt sich in den Reaktionen auf seinen Tod auch die Sehnsucht danach.

Die Sehnsucht nach dem «Köbiismus» gewissermassen, diese Gleichzeitigkeit von Erfolg, Bescheidenheit und Verletzlichkeit. Letztere zeigte sich in seinem Leben in tragischen Momenten immer wieder: Etwa beim Tod seiner kranken Ehefrau Alice, die er jahrelang pflegte, oder dem Hinschied seiner Tochter Viviane, die der Drogensucht verfallen war.

Parallelen zu Adolf Ogi und Willi Ritschard

Wer nach ähnlichen Charaktertypen sucht, findet kein Pendant, aber Parallelen: In der Politik vielleicht Willi Ritschard und Adolf Ogi, die es als Nicht-Studierte zum Bundesrat brachten, immer bodenständig blieben und sehr populär waren. Im Sport Rennfahrer Jo Siffert, der es aus bescheidenen Verhältnissen an die Weltspitze schaffte und nie vergass, woher er kam.

Und heute, gibt es diese Laufbahnen noch? Nur mehr selten in Politik und Wirtschaft, wo Akademiker die Spitzenpositionen dominieren. Aber zum Teil noch im Sport, der ein Stück weit eine klassenlose Gesellschaft geblieben ist; hierzulande vor allem der Schwingsport. Mit Christian Stucki amtiert ein König, der trotz hoher Preisgelder noch immer als Lastwagenfahrer arbeitet. Ein Köbi-Typ, der jedoch nie die Popularität des Fussballoriginals erreichen wird.

Kuhn und Federer, die Helden zweier Schweizen

Unter den lebenden Stars ist nur einer so beliebt: Roger Federer. Kuhn, der zeitlebens in Zürich wohnte und Schicksalsschläge erlitt, war der Star der Binnenschweiz, der Nachkriegsschweiz.

Federer, der Mister Perfect mit Zweitwohnsitz Dubai, ist der Star der modernen, globalen Schweiz. Kuhn und Federer wurden beide «Schweizer des Jahres». Sie sind zwei komplett unterschiedliche Ausnahmefiguren, die für zwei helvetische Identitäten stehen, die ganz offensichtlich geeignet sind, Helden hervorzubringen.

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