Kommentar
Katar wir kommen: Aber dürfen wir uns überhaupt auf die Fussball-WM freuen?

Die Schweizer Fussball-Nati hat in der Qualifikation sensationell den Europameister Italien hinter sich gelassen und damit das Ticket für die WM in Katar gelöst. So weit, so gut. Das Problem heisst Katar. Denn nun fordern einzelne Organisationen einen WM-Boykott.

François Schmid-Bechtel
François Schmid-Bechtel
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Keystone/Montage_CH Media

Wir sehen hart gesottene Kicker, die schon vor dem Schlusspfiff vor Glück weinen. Später sehen wir sie tanzen, singen und lachen. Ja, das ganze Stadion und all jene zu Hause, denen die Schweizer Nati etwas bedeutet, feiern mit. Etwas überspitzt formuliert: Die ganze Nation ist nach der WM-Qualifikation im Freudentaumel. Und das an einem kalten, garstigen, dunklen Montagabend.

Aber wie so häufig ist der Morgen nach der Party nicht nur beschwingt. Sicher, es herrscht immer noch Begeisterung über den sportlichen Coup. Doch bei aller Freude assoziiert man mit Katar nicht ausschliesslich Positives. Aber genau dorthin schweifen die Gedanken. Nach Katar, wo am 21. November 2022 das erste WM-Spiel stattfinden wird. Stattfinden soll? Oder eben nicht stattfinden soll?

Was kommt uns zu Katar in den Sinn? Stinkreich, Monarchie, keine Presse- und Meinungsfreiheit, eine patriarchale Gesellschaft in der Frauen, Homosexuelle, Bisexuelle oder Transsexuelle diskriminiert und Gastarbeiter massivst ausgebeutet werden. Ein Land, das nach unseren Vorstellungen gesellschaftlich irgendwo im Mittelalter die Zeit angehalten hat. Finger weg! Bloss nicht hinfahren.

Aber wer war schon da? Die Leute von der Juso, die vom Verband einen WM-Boykott fordern, wohl kaum. Klar, man muss nicht dort gewesen sein, um es schlecht zu finden. Aber mit einem Boykott verbessert man die Arbeitsbedingung auf den WM-Baustellen nicht. Dafür ist es zu spät.

Zielführender, um etwas in Katar zu verändern – was die westliche Welt unbedingt erreichen will – sind smarte Aktionen. Wie beispielsweise das, was die Dänen vorhaben. Sie wählen ihr Teamhotel danach aus, ob das Personal angemessen behandelt und bezahlt wird. Oder sie ersetzen die Sponsoren-Logos durch Botschaften.

Fifa-Generalsekretärin Fatma Samoura steht meist im Schatten von Gianni Infantino.

Fifa-Generalsekretärin Fatma Samoura steht meist im Schatten von Gianni Infantino.

Steffen Schmidt/Freshfocus

Wenn es den Verbänden tatsächlich so wichtig ist, etwas in Katar zu verändern, beispielsweise die Stellung der Frauen, könnte man mit einer Trainerin statt einem Trainer an die WM fahren. Oder wie wärs, wenn Gianni Infantino das Rampenlicht für einmal seiner Generalsekretärin überliesse? Fatma Samoura statt seiner die WM eröffnet und am Schluss den Pokal übergibt? Oder was wäre es für ein Zeichen, wenn sich ein Superstar an dieser WM outet? Träume, ich weiss.

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