Kommentar
Weil Granit Xhaka gegen Wales ein biederer Verwalter statt ein mutiger Antreiber ist

Das 1:1 zum EM-Auftakt gegen Wales ist zu wenig für unsere Nati. Ein Grund für den bescheidenen Lohn ist die noch bescheidenere Leistung unseres Captains Granit Xhaka. Denn er zieht sich zu lange in die Komfortzone zurück.

François Schmid-Bechtel
François Schmid-Bechtel
Drucken
Teilen
Granit Xhaka zieht sich gegen Wales zu häufig in die Komfortzone zurück.

Granit Xhaka zieht sich gegen Wales zu häufig in die Komfortzone zurück.

Claudio Thoma/Freshfocus

Noch ist alles offen, nichts verloren. Obwohl Konsens darüber herrscht, dass ein 1:1 gegen diese Waliser ein bescheidener Ertrag ist. Zu wenig war gut im Spiel der Schweizer. Aber es war auch nicht alles schlecht, weshalb im Nati-Lager keiner den Alarm auslöst. Nur: Wenn die Schweizer den Einzug in den Achtelfinal verpassen, würde uns die Ursachenforschung zurück an den Anfang führen. Zurück, zu diesem mageren 1:1 gegen Wales. Zurück zur Leistung von Granit Xhaka.

Der Captain beansprucht für sich die Rolle das An- und Wortführers. Er gibt im Spiel den Rhythmus vor. An ihm orientieren sich die Mitspieler. Er steht im Mittelpunkt und damit auch unter besonderer Beobachtung. Das alles ist von Xhaka gesucht und gewollt. Deshalb muss er auch damit leben, wenn für ihn in der Beurteilung andere Massstäbe gelten. Schliesslich erwartet er von sich selbst, in jedem Spiel die dominante Figur zu sein.

Gegen Wales war Xhaka leider nicht gut. Sicher, da war die gewohnte Passsicherheit. Aber zu keinem Zeitpunkt hatte man das Gefühl, Xhaka sei so richtig drin im Match, geschweige denn, er bestimme Tempo und Rhythmus. Warum? Weil er sich zu wenig quält, weil er uns das Gefühl vermittelt, sich für wichtigere Aufgaben ein Stück weit zu schonen. Wenn bereits die 77. Minute angebrochen ist, ehe Xhaka erstmals als bissiger Zweikämpfer auffällt, – wobei er seinen Gegenspieler eher unabsichtlich über den Haufen rennt – ist definitiv etwas nicht in Ordnung mit seiner Darbietung.

Wir sehen darüber hinweg, wenn Xhaka gegen die USA sorg- und emotionslos auftritt, kaum einen Zweikampf annimmt. Aber jetzt ist EM, nicht irgendein belangloses Testspiel. Jetzt ist er gefordert. Erst recht, weil alle sich an ihm orientieren. Doch wenn er sich phasenweise in die Komfortzone zurückzieht, muss man sich nicht wundern, wenn es andere ihm gleichtun. Xhaka war gegen Wales ein biederer Verwalter. Dabei brauchen wir ihn als mutigen, furchtlosen Antreiber.

Wir werden am Mittwoch gegen Italien hoffentlich einen anderen Xhaka sehen. Einen Xhaka, der brennt und rennt. Einen Xhaka, der das Risiko und den Zweikampf sucht. Einen echten Leader. Denn das hat er alles drauf. Aber was, wenn das nicht reicht? Wenn die Schweiz trotzdem nicht punktet? Dann wird es richtig kompliziert. Dann beklagen wir schon vor dem Showdown gegen die Türkei die etwas nonchalant wirkende Attitüde unseres Captains im Startspiel.

Was indes für die Qualität der Schweiz spricht: Selbst mit einem ungenügenden Xhaka kommt sie gegen Wales zu Chancen für drei, vier Tore. Aber eben: den Lohn muss man sich auch im Fussball mit Arbeit verdienen.

Aktuelle Nachrichten