Grosses Interview

Kunstturnerin Giulia Steingruber: «Mein ganzer Körper schreit nach Sport»

Kunstturnerin Giulia Steingruber fragt: «Kann Erfolg zur Sucht werden? Ich denke, das ist im Sport sehr verbreitet.»

Kunstturnerin Giulia Steingruber fragt: «Kann Erfolg zur Sucht werden? Ich denke, das ist im Sport sehr verbreitet.»

Kunstturnerin Giulia Steingruber, 25, erzählt, wie sie die Zeit nach ihrem Kreuzbandriss überstanden hat. Und offenbart ihre verletzliche Seite abseits des Sports.

Vielleicht wird Giulia Steingruber einmal eine gute Psychologin. Der Beruf würde sie reizen, erzählt sie an einem sonnigen Frühlingstag in Magglingen. Bald erlangt die Kunstturnerin ihre Matura, Schwerpunktfächer Psychologie, Pädagogik und Philosophie. Aber noch ist Steingruber nicht bereit für ein neues Leben, noch setzt sie voll auf die Karte Sport. Neun Monate nach ihrem Kreuzbandriss ist sie zuversichtlich, den Anschluss an die Weltspitze wieder zu schaffen. Ihr grosses Ziel: nach Bronze in Rio noch einmal eine Olympiamedaille gewinnen.

An diesem Wochenende finden die Kunstturn-Europameisterschaften statt, Sie sitzen zu Hause, Ihre Freundinnen turnen in Polen – wie sehr schmerzt das?

Giulia Steingruber: Das tut weh, klar. Ich verpasse zum dritten Mal in Serie einen Grossanlass. Und trotzdem kribbelt es in meinem Körper. Ich habe überlegt, ob ich hinreisen soll, den Gedanken dann aber verworfen. Ich muss es akzeptieren, wie es ist. Am Samstag werde ich also in der Schule sitzen und die Wettkämpfe via Smartphone ein bisschen verfolgen.

Am 8. Juli 2018 haben Sie sich das Kreuzband gerissen. Gut neun Monate sind seither vergangen. Wie häufig denken Sie noch an den verhängnisvollen Tag zurück?

Nicht mehr so oft, eigentlich. Ich weiss noch ganz genau, wie die Verletzung passiert ist. Aber ich versuche, dass die Gedanken so wenig wie möglich an die Oberfläche kommen.

Gelingt es manchmal nicht?

Ja. Vor allem in den ersten Wochen nach dem Unfall. Aber ich werde immer besser im Verdrängen, auch weil ich viel investiere ins Mentaltraining. Und ich weiss, dass es nichts bringt, an der Vergangenheit rumzuhirnen.

Wie fühlt sich der Körper einer Spitzensportlerin an, wenn er zum Nichtstun verdammt ist?

Nicht gut. In den ersten Wochen war es sehr schwer, ich war total eingeschränkt, konnte kaum etwas tun. Ich fühlte mich unselbstständig, wenigstens gab es rasch sichtbare Ziele. Zuerst das schmerzfreie Aufstehen von einem Stuhl. Irgendwann konnte ich joggen gehen. Doch dann kam die schwierigste Phase, im Dezember und Januar. Ich hatte lange das Gefühl, einfach nicht mehr weiterzukommen. Das stresste mich ziemlich, hatte auch Auswirkungen auf meinen Alltag, sagen wir: Es war durchaus etwas schwierig um mich herum (lacht). Irgendwann vermisste ich auch den gewohnten Rhythmus im Alltag. Ich habe zwar jeweils einiges für die Schule machen können. Aber ich habe auch häufig einfach ein bisschen in den Tag hineingelebt. Ich hatte zu viel Zeit und wusste nicht immer, was ich damit anfangen sollte.

Haben Sie in Ihrem Körper das Gefühl gespürt, das sagt: «Ich möchte endlich wieder richtig Sport machen»?

Ich spüre ja, dass der Körper noch nicht wieder fit ist für das volle Programm. Und gleichzeitig schreit der ganze Körper nach Sport. Vielleicht auch, weil er eine unbändige Leidenschaft in sich trägt, die er nicht ausleben kann. Und damit fehlt das Glück. Und irgendwie die Möglichkeit, alle Energie, die vorhanden wäre, aufzubrauchen.

Mussten Sie Ihren Kopf manchmal austricksen, weil er zu schnell zu viel wollte?

Das war gar nicht möglich. Weil die Trainer schon früh genug eingeschritten sind. Sie sagten während der Reha dann jeweils: So, fertig jetzt für heute, ausdehnen und ab nach Hause!

Lara Gut-Behrami hat nach Ihrem Kreuzbandriss gesagt, sie vermute einen Hilfeschrei Ihres Körpers. War das bei Ihnen ähnlich?

Im grossen Bild war meine Situation eine andere. Ich fühlte mich nach den Olympischen Spielen 2016 ausgelaugt, damals brauchte ich eine Auszeit. Und diese Pause hat mir auch gutgetan. Verlängert zusätzlich durch eine Fussverletzung. Im vergangenen Sommer war es aber anders. Ich spürte erstmals seit langem das Gefühl des totalen Fit-Seins. Und dann eine Woche später: Peng! Kaputt! Ich hatte grosse Mühe damit, fühlte nichts an Erleichterung.

Also fühlten Sie sich nie überfordert?

Im Rückblick erkenne ich natürlich auch, dass es eine spezielle Woche war und ich ziemlich am Limit gelaufen bin. Ich hatte viel Stress in der Schule, dazu kam die intensive Vorbereitung auf die EM. Und als ich beim Länderkampf in Frankreich die Verletzung erlitt, war zuvor beim Einturnen noch der Barren zusammengekracht. Ich prellte dabei mein Schienbein heftig. Ja, im Nachhinein betrachtet hätte ich wohl sagen müssen: ‹So, das war es für heute.› Aber hinterher ist die Analyse auch einfach.

Empfang in der Heimat: Giulia Steingruber wird 2016 in Gossau für die Olympia-Bronzemedaille am Sprung geehrt.

Empfang in der Heimat: Giulia Steingruber wird 2016 in Gossau für die Olympia-Bronzemedaille am Sprung geehrt.

Sie haben nach dem Kreuzbandriss einmal gesagt, Sie fürchten sich, wegen der Verletzung die Motivation und den Biss wiederzufinden. Gab es einen Schlüsselmoment, in dem Sie merkten: ‹Ja, ich will wieder zurück!›?

Ich wusste relativ schnell, dass ich nicht auf diese Art und Weise aufhören will. Ich weiss genau, dass ich es extrem bereuen würde, so in Erinnerung zu bleiben.

Wie wollen Sie denn in Erinnerung bleiben?

Als Vorbild für viele Turnerinnen. Aber ich turne in erster Linie für mich selbst.

Also gab es nie einen Moment, wo Sie dachten: ‹Ich höre auf, es bringt nichts mehr.›?

Nein, ich bin nicht der Typ Mensch, der alles hinwirft. Wenn ich wirklich merke, dass es nicht mehr geht, dann habe ich es wenigstens versucht. Das wäre dann nicht dasselbe wie aufgeben.

An einer Medienkonferenz kürzlich haben Sie erzählt, warum Sie das Kunstturnen so lieben – wegen der Kraft und Eleganz, aber auch, weil Sie an Ihre Grenzen kommen oder diese gar verschieben können. Wie sehr macht Sie der Sport süchtig?

Das ist eine spannende Frage. Die Bühne selbst und das Rampenlicht fehlen mir nicht. Aber das Wettkampffeeling, das schon. Und damit verbunden das Gefühl des Adrenalins, das durch den Körper fliesst. Das bringt mich jetzt zum Nachdenken. Kann eine Leidenschaft zur Sucht werden? Ja, wahrscheinlich schon. Und ich habe mich nach der Olympiamedaille auch gefragt, ob Erfolg zur Sucht verkommen kann.

Und, ist es so?

Ich glaube, das kommt im Sport häufig vor, ja. Bei mir selbst? Es ist genial, Erfolg zu haben, eine Genugtuung für die ganze Arbeit, die häufig auch unsichtbar ist. Aber eine Sucht verspüre ich nicht, das habe ich mittlerweile herausgefunden.

Gab es während Ihrer Verletzungszeit Dinge im Leben, die Sie intensiver geniessen konnten? Sie sind seit kurzer Zeit ja wieder verliebt ...

… ich glaube, ich hätte meinen Freund auch ohne die Verletzung kennen gelernt. Mehr möchte ich zu diesem Thema aber nicht sagen, was die Liebe angeht, behalte ich für mich.

Sie reisen gerne, oder würden es gerne noch öfter tun.

Ja, aber es war nicht so, dass ich nun ständig unterwegs gewesen wäre, weil ich verletzt bin. Im Gegenteil, eine Rehabilitation ist langwierig und erfordert ständige Therapie. Ich war kurz nach der Operation mit meinen Eltern im Südtirol, um ein wenig die Welt zu vergessen. Das hat extrem gutgetan, umso mehr, weil dann gerade die EM in Gange war – wobei meine Mutter mit dem Laptop im ganzen Hotel umherrannte, um die beste Internetverbindung zu suchen, damit wir wenigstens zuschauen konnten, und ich bin dann hinterhergehumpelt mit den Krücken. Ein anderes unvergessliches Erlebnis gab es dann nach Weihnachten.

Erzählen Sie!

Ich habe als Geschenk von meinen Eltern eine Begegnung mit Schlittenhunden erhalten. Ich lernte die Huskys in den Flumserbergen kennen, durfte sie selbst anbinden und dann eine Runde drehen mit ihnen.

Sie haben erwähnt, dass Sie unmittelbar vor Ihrer Verletzung von der Schule sehr vereinnahmt waren. Im kommenden Sommer möchten Sie die Matura erlangen. Spitzensport und Schule – empfinden Sie die Kombination als Drahtseilakt?

Ich muss wirklich mit Nachdruck sagen: Die Belastung ist happig, manchmal grenzwertig. Ich fahre zweigleisig und vielfach läuft die Schule ein bisschen nebenher – ich mache ja auch ein Jahr in zweien –, zum Glück konnte ich mich in der Halle stets auf den Sport konzentrieren.

Was müsste sich ändern in Zukunft?

Ich denke, die Schweiz muss sich überlegen, ob Spitzensport und Schule nicht besser zu verbinden wären. Wir haben in der Schweiz zu wenige reine Sportschulen. Bei mir in Biel zum Beispiel ist es eine normale Schule – die Situation ist schwierig für alle. Für die Lehrer ist es auch doof, wenn sie Leuten wie mir ständig eine Son- derbehandlung einräumen müssen. Ich wiederum muss ständig irgendwelchen Dingen nachrennen.

Am Anfang versuchten Sie ja, das «normale» Gymnasium zu besuchen.

Und musste rasch merken, dass das nicht funktioniert. Es ging einfach nicht mehr auf. Ich habe zu vieles verpasst. Ich möchte niemandem einen Vorwurf machen, und doch bin ich überzeugt: Man müsste das Schulwesen ein bisschen besser koordinieren. In Biel gibt es Hockeyspieler, Tennisspieler, Turnerinnen und Turner, rhythmische Sportgymnastik – ich denke, es wäre genügend Potenzial vorhanden für reine Sportklassen.

Sie kennen Drucksituationen aus dem Sport bestens – eigentlich sollten Sie demnach keine Mühe haben, bei Schulprüfungen Leistung zu bringen.

Eigentlich. Es ist aber nicht so. Ich habe Prüfungsangst. Vor allem, wenn es um Abschlussprüfungen geht. Und das Fach ist nicht einmal entscheidend. Im Februar hatte ich eine erste Serie von drei Tagen Prüfungen. Ich erlebe häufig dieselbe Situation: Sobald ich eine Unsicherheit verspüre, kann ich plötzlich nicht mehr viel aus mir rausholen. Ich gerate in einen Strudel – und dann dreht sich der Kopf nur noch.

Wie gehen Sie mit der Prüfungsangst um?

Da habe ich noch Verbesserungspotenzial. Ich habe aber beschlossen, dass ich nun auch in diesem Bereich Mentaltraining betreibe. Die Chance besteht ja durchaus, dass ich auch im späteren Berufsleben immer mal wieder Drucksituationen erlebe.

Wie sehr ersehnen Sie den Abschluss?

Schon ziemlich. Im Sommer soll es so weit sein. Aber wenn es dann doch ein halbes Jahr später wird – das ist auch nicht mehr so entscheidend.

Noch einmal zurück zum Sport: Haben Sie Angst vor einem Rückschlag? Davor, dass Ihr Kreuzband die Belastungen nicht mehr aushält?

Am besten ist es, gar nicht daran zu denken. Ich könnte ja auch jeden Tag einen Autounfall haben – es gibt so viele Dinge, die unvorhersehbar sind, dass es sich schlicht nicht lohnt, darüber nachzudenken.

Die Frage ist: Können Sie an die grossen Erfolge Ihrer Karriere anknüpfen? Sie haben gesagt, dass Sie auch schon Zweifel hatten. Wie haben Sie diese Zweifel überwunden?

Der Hauptgrund ist das Mentaltraining. Ich arbeite sehr viel mit Visualisierungen. Schon ganz früh nach meiner Verletzung habe ich wieder begonnen, in meinem Kopf Turnübungen zu absolvieren. Und zwar zeitlich genauso, wie es «live» auch wäre. Dieser Prozess ist wichtig. Ich wollte die Wettkampfsituation spüren, auch wenn es nur im Kopf ist. Und je länger und häufiger ich das tat, desto mehr kam die Überzeugung: Ja, ich schaffe es zurück an die Weltspitze. Ich erwarte jedenfalls ziemlich viel von mir.

Wann planen Sie die Rückkehr in den Turnzirkus?

Ursprünglich wollte ich gerne am Eidgenössischen Turnfest in Aarau Mitte Juni starten. Ich musste aber rasch realisieren: Das kommt zu früh. Ich schiele auf die Schweizer Meisterschaften Anfang September. Das erste Ziel sind danach die Weltmeisterschaften im Oktober in Stuttgart. Sie sind auch darum wichtig, weil sie für die Qualifikation zu den Olympischen Spielen 2020 von Tokio zählen. Diese sind mein grosses Ziel am Horizont.

Meistgesehen

Artboard 1