Sport
Läuferin Selina Büchel sagt: «Meine Trainingsgruppe fehlt mir»

Die 800-m-Läuferin Selina Büchel trainiert normalerweise in einer internationalen Trainingsgruppe. Nun ist sie plötzlich alleine.

Raya Badraun
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Aufwärmprogramm: Selina Büchel auf der Leichtathletikanlage in Wil.

Aufwärmprogramm: Selina Büchel auf der Leichtathletikanlage in Wil.

Ralph Ribi (9. Juni 2020

Im März reiste Selina Büchel nach Zypern. Zwei Wochen wollte sie bleiben und mit Kolleginnen trainieren. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Das Coronavirus breitete sich immer weiter aus, die Zahl der Ansteckungen stieg. Die Angst kam auf, keinen Flug mehr zu bekommen. Nach nur vier Tagen reiste Büchel überstürzt in die Schweiz zurück. Und war plötzlich alleine. Die Grenzen wurden geschlossen, ihre internationale Trainingsgruppe, die sich kurz vorher gebildet hatte, war getrennt.

«Im Sport lernt man, dass sich eine Situation von einem auf den anderen Moment komplett ändern kann», sagt die 28-jährige Büchel. Plötzlich eine Verletzung, plötzlich eine Krankheit, plötzlich Corona. Und nichts ist mehr wie vorher. Sie selbst hat solche Situationen immer wieder erlebt. Grössere Verletzungen hatte die St.Gallerin bisher zwar keine, dafür kämpfte sie immer wieder mit Krankheiten. Im vergangenen Sommer etwa. Büchel war damals im Trainingslager in St.Moritz, trainierte gut und viel. Zu viel, wie sich später herausstellte. Die Erholung fehlte. Und auch die Höhe bekam ihr nicht. Sie wurde krank, musste frühzeitig abreisen, fiel danach lange aus. «Es sah nicht so aus, als ob ich überhaupt noch zu einem Rennen starten könnte», sagt sie. Am Ende reiste sie dennoch an die WM nach Katar. Im Vorlauf schied Büchel, die den Final 2016 in London nur knapp verpasste, zwar aus. Doch sie sagt: «Es war schön, dass ich es trotz kurzer Vorbereitungszeit an die WM geschafft hatte.» Es war ein erster Schritt zurück.

Selbstvertrauen ist gestiegen

Büchel bilanziert: «2019 war ein spannendes und lehrreiches Jahr.» Damals hatte sie gerade einen Trainerwechsel hinter sich: von ihren Jugendtrainern zum Nationalcoach Louis Heyer. «Am Anfang haben wir viel ausprobiert, nun haben wir uns gefunden», sagt Büchel. Ihr Leben sei jetzt in einer Balance, auch an Ruhepausen hat sie sich gewöhnt. «Ich hatte lange das Gefühl, ein richtiger Tag ist nur einer, wenn ich hart trainiere», sagt sie. Machte sie nichts, sträubte sich innerlich alles dagegen – auch wenn sie wusste, dass es ihr guttut. Heute kann sie diese Tage geniessen, sich ganz erholen. Auch ihr Selbstvertrauen ist gestiegen – dank ihrer neuen Trainingsgruppe.

Im vergangenen Herbst hat sie sich mit internationalen Athletinnen zusammengetan. Den harten Kern bilden Büchel und Natalia Evangelidou aus Zypern. Dazu kommt eine Athletin aus Litauen, eine aus Südafrika. Und in den Trainingslagern schliessen sich weitere Läuferinnen an. «Es geht darum, eine möglichst starke Gruppe zu bilden», sagt Büchel. Den ganzen Winter haben sie zusammen trainiert. In Portugal waren sie, viel Zeit verbrachten sie jedoch auch in der Ostschweiz.

Aus Kolleginnen wurden in dieser Zeit Freundinnen. «Es ist ein super Spirit im Team», sagt Büchel. Die Athletinnen treffen sich auch einmal zum Essen bei ihr zu Hause in Wil oder tauschen sich nach dem Training aus, sprechen über Gefühle, die aufkommen. «Auch wenn ein Training mal nicht so gut verläuft, sehe ich nun das Positive und vertraue auf den Prozess», sagt Büchel.

Viel Zeit im eigenen Schrebergarten verbracht

Mit Corona und der Rückkehr aus Zypern war plötzlich alles anders. Seit März hat sie ihre Kolleginnen nicht mehr gesehen. «Meine Gruppe fehlt mir», sagt Büchel. Und doch fiel sie nicht in ein Loch. Sie hat es auch genossen, zu Hause zu sein, im Wald statt auf der Bahn zu trainieren. Zudem hatte sie wieder Zeit für anderes. Sie baute Gemüse an in ihrem Schrebergarten, Kartoffeln, Tomaten, Kräuter. Und kochte viel. Auch in der Verschiebung der Olympischen Spiele sieht sie Positives. «Dieses zusätzliche Jahr kann ich gut brauchen», sagt Büchel.

Langsam hat sich der Griff der Pandemie gelockert. Der Wettkampfplan füllt sich – auch wenn vorerst vieles anders sein wird. Keine Zuschauer, weniger Teilnehmer, keine internationalen Wettkämpfe. «Ich habe mich darauf eingestellt, dass es vielleicht keine Wettkämpfe gibt», sagt Büchel. Nun freut sie sich auf das, was kommt. Und sie hofft auf eine baldige Grenzöffnung. Damit ihre Trainingsgruppe wieder zusammenfindet. Und ein Stück Normalität zurückkehrt.

«Impossible Games» – ein Meeting der anderen Art

Am Donnerstag finden in Oslo die «Impossible Games» statt, ein Leichtathletik-Meeting, das es so noch nie gab. Aufgrund der Coronapandemie gibt es keine Zuschauer und keine grossen Teilnehmerfelder. In den verschiedenen Disziplinen kommt es stattdessen zu Duellen. Der norwegische Hürdenläufer Karsten Warholm startet gar alleine gegen die Zeit – und strebt dabei einen Weltrekord über 300 m Hürden an. In anderen Disziplinen finden Fernduelle statt. So tritt der französische Stabhochspringer Renaud Lavillenie für einmal in seinem eigenen Garten an. Der grösste Teil der Athletinnen und Athleten, die im Bislett-Stadion an den Start gehen, stammen aus Skandinavien. Eine Ausnahme bilden die beiden Schweizerinnen Lea Sprunger und Selina Büchel. Sprunger startet über 300 m Hürden, Büchel über 600 m. Die beiden Athletinnen und ihre Trainer reisen am Mittwoch mit dem Flugzeug und einer Arbeitsbewilligung in die norwegische Hauptstadt. Vor Ort dürfen sie sich nur im Hotel und im Stadion aufhalten, Restaurantbesuche und Einkaufen sind nicht erlaubt. Auch auf der Tartanbahn gelten Abstandsregeln. So werden Büchel und ihre norwegische Gegnerin Hedda Hynne wohl auf verschiedenen Bahnen antreten. (rba)