Zurück in Basel

Legenden-Interview mit Timothée Atouba: «Den halben Lohn habe ich vertelefoniert»

Timothée Atouba war diese Woche zu Besuch im Joggeli. Dort sagt er: «Unsere Mannschaft von damals ist bis heute die beste der FCB-Historie.»

Timothée Atouba war diese Woche zu Besuch im Joggeli. Dort sagt er: «Unsere Mannschaft von damals ist bis heute die beste der FCB-Historie.»

Der ehemalige FCB-Publikumsliebling Timothée Atouba ist zurück in der Stadt und blickt im Interview auf seine Karriere und die Zeit in Basel zurück. Er spricht über seine spezielle Beziehung zu Christian Gross und Gigi Oeri, seinen Streik in London, den Stinkefinger in Hamburg und warum er nach dem Karriereende ohne Familie zurück nach Kamerun gegangen ist.

Wie sind Sie damals in die Schweiz gekommen?

Timothée Atouba: Ich war 17 Jahre alt. Nicolas Geiger, der Bruder des damaligen Xamax-Trainers Alain Geiger, war mein Kontaktmann. Er hat über den damaligen kamerunischen Nationaltrainer Kontakt aufgenommen und mir dann gesagt: „Neuchâtel will dich! Kommst du?“

Wie haben Sie reagiert?

Ich kannte Xamax, weil schon andere Kameruner dort gespielt haben, Joseph Ndo, Pierre Njanca. Sie haben mir gesagt, dass das ein guter Startpunkt ist für meine Karriere in Europa ist. Das war aber nicht mein erster Besuch in der Schweiz. Der war in Basel.

Tatsächlich?

Ja. Ein Jahr bevor ich zu Xamax gewechselt bin, habe ich ein Probetraining beim FC Basel und auch ein paar Testspiele mit der zweiten Mannschaft gemacht. Ich war 16. Christian Gross hat mich begrüsst, hat mir dann aber gesagt, dass ich grosses Potenzial habe, aber noch lernen muss und er für mich nur einen Platz in der Reservemannschaft hätte. Da habe ich abgesagt und bin zurück nach Kamerun. Ein Jahr später kam dann Xamax.

Wie war der Start in der Schweiz?

Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Spiel. Es war auf der Maladière gegen Basel. Wir haben 2:0 gewonnen, aber ich habe mich verletzt und musste zur Pause ausgewechselt werden. Ich war trotzdem sehr froh, weil wir gegen die beste Mannschaft der Schweiz gewonnen hatten. Obwohl Basel 2002 seit 22 Jahren auf einen Titel wartete, sagte man mir, dass der FCB das beste Team der Schweiz sei. Das Rückspiel haben wir dann verloren. Es war mein erster Auftritt im St. Jakobpark.

Atouba verletzte sich im Xamax-Trikot, wechselte aber trotzdem nach Basel. (Bild : Keystone)

Atouba verletzte sich im Xamax-Trikot, wechselte aber trotzdem nach Basel. (Bild : Keystone)

Nach diesem Spiel zeigte der FC Basel erneut Interesse.

Ja. Das war auch das zweite Mal, dass ich mit Christian Gross Kontakt hatte. Ich musste mich damals am Meniskus operieren lassen. Aber Gross sagte: „Kein Problem. Operiere, wenn du operieren musst, aber komm trotzdem nach Basel.“ Dieses Vertrauen hat mich beeindruckt. Ich habe nicht lange überlegt, unterschrieben und bin dann im Januar 2002 dann nach Basel gewechselt.

Wie war Ihre Beziehung zu Christian Gross?

Nicolas Geiger sagte mir: „Du wirst Gross mögen, er ist wie du. Du musst keine Angst vor seiner autoritären Stimme haben.“ Gross hat mir viele Dinge beigebracht. Er hat mit seinem Ehrgeiz jeden im Team besser gemacht. Ich bin bis heute der Meinung, dass unsere Mannschaft von damals die beste in der Geschichte des FC Basel ist. Nichts gegen die anderen, aber wir hatten eine unglaubliche Stimmung innerhalb des Teams. Wir waren ein zusammengeschweisster Haufen. Nach jedem Training sassen wir zusammen, haben gegessen, getrunken und geplaudert.

Wer waren Ihre engsten Freunde?

Hervé Tum war mein grosser Bruder. Er hat mir die Stadt gezeigt und erklärt wie alles funktioniert. Carlos Varela war der Verrückteste. Er hatte immer gute Laune, auch wenn alle anderen schlecht drauf waren. Aber ich hatte es auch mit den anderen gut.

Haben Sie heute noch Kontakt mit Teamkollegen von damals?

Nein. Warum, weiss ich auch nicht. Mit Murat Yakin hatte ich vor fünf Jahren mal Kontakt, mit Christian Gross vor zwei Jahren. Aber so bin ich. Ich bin ein Einzelgänger. Aber wenn ich jetzt daran zurück denke, würde ich die Leute gerne mal wieder treffen.

Atouba hört gespannt zu, als wir ihm erzählen, was seine alten Kollegen heute so treiben. Dass Marco Streller nicht mehr FCB-Sportchef ist, ist an ihm ebenso vorbeigegangen, wie dass David Degen sich Anteile des Clubs gekauft hat.

Ein halbes Jahr nach Ihrer Ankunft holte der FCB das Double. Wie war das?

Ich habe gerne für Stimmung gesorgt. Auch an der Meister- und der Cupfeier. Da hat uns Christian Gross erlaubt, zu feiern. Das war sein Credo: Seriös arbeiten, aber auch seriös feiern, wenn der Moment dafür gekommen ist. Nachdem wir Meister waren, hat er der ganzen Mannschaft eine Zigarre in die Hand gedrückt und wir haben alle zusammen in der Umkleide geraucht. Gross sagte immer: „Das Leben ist kostbar, profitiert von den Freudenmomenten.“ In dieser Hinsicht war er super. Er hat mich wirklich auf allen Ebenen weitergebracht. Er hat sich auch immer bei mir erkundigt, wie es der Familie geht. Ich war damals schon Vater meines ersten Kindes. Heute habe ich vier.

Atouba geht beim Feiern in der Kabine voran. (Bild. Keystone)

Atouba geht beim Feiern in der Kabine voran. (Bild. Keystone)

Sie waren Verteidiger, dribbelten aber auch gerne. Das muss Christian Gross doch verrückt gemacht haben.

Oh ja. Am Anfang mochte er mich nicht sehr. Er schrie immer rein: „Timo!!!“, Da habe ich ihn nur komisch angestarrt und gar nichts gesagt. Das hat die anderen Spieler amüsiert. Ich habe ihm auch mal in der Umkleide vor allen gesagt, dass ich mit Irgendetwas nicht einverstanden war. Dann hat er mir mit seinem Blick zu verstehen gegeben, dass ich hier eine Grenze überschritten habe und mich in sein Büro bestellt. Dort sagte er mir: „Monsieur, Sie können mich kritisieren, aber nur im Büro.“ Dann habe ich gesagt: „Wenn Sie mir was zu sagen haben, kommen Sie doch in mein Büro.“

Warum hat er Sie nicht rausgeschmissen?

Das ist meine Natur, so bin ich. Das hat irgendwann auch der Trainer eingesehen. Als ich gegen GC als Linksverteidiger zwei Haken geschlagen habe, hat er mich noch angeschrien, ich solle den Ball besser sichern. Beim nächsten Mal habe ich dann extra stark zurück zu Pascal Zuberbühler gespielt, der den Ball mit dem Fuss nur zur Ecke dreschen konnte. Ich habe natürlich zu Gross geschaut, doch der hat gar nichts mehr gesagt. Seitdem hat er mich spielen lassen. Es war für ihn am Anfang sicher schwierig, mir zuzuschauen. Doch ich habe erst später begriffen, dass meine riskanten Aktionen Gross und so manchen Fan das Herz in die Hose rutschen liessen.

Danjiel van Buyten, ihr Mitspieler beim HSV, sagte einmal, dass er immer Angst hatte, wenn Sie in der eigenen Hälfte am Ball waren.

Ja. (lacht). Das hat er mir beim Abschiedsspiel von Rafael van der Vaart auch erzählt. Er hat aber auch gesagt, dass er nie begriffen hat, warum ich dabei quasi nie den Ball verloren habe.

Warum?

Ich habe auf den Strassen Afrikas das Kicken gelernt. Die sind sehr schmal. Ohne es zu wollen, habe ich gelernt, mich auf engem Raum durchzusetzen. Ich musste erst zwei, drei Gegner austanzen, bevor ich einen Pass spielen konnte. Wenn ich Fussball spiele, will ich natürlich gewinnen, aber ich will den Zuschauern auch eine Show bieten. Es muss Spass machen.

Haben Sie damals schon gespürt, wie beliebt Sie bei den Fans waren?

Ja. Die Fans mochten mich und mein Spiel sehr. Leider konnte ich ihnen nicht zeigen, dass ich sie genauso gern hatte. Ich war sehr froh, hier zu sein. Basel war das einzige Stadion in der Schweiz, das immer voll war. Die Fans wollen ihr Team gewinnen sehen. Aber wenn wir verlieren, sollen sie trotzdem mit etwas Freude heimgehen, dass es ein Spektakel gab. Wenn ich das einem von 15000 Fans ermögliche, hat es sich schon gelohnt. Was viele nicht wissen: In Kamerun war ich eine Nummer 10. Bei Xamax noch auf dem Flügel. Erst unter Christian Gross wurde ich Linksverteidiger.

Ihre langen Einwürfe aus dem Hohlkreuz waren berühmt.

Ja, ohne Anlauf (lacht). Daran habe ich viel gearbeitet, den Rücken trainiert und die Arme. Pierre Womé hat das bei der kamerunischen Nationalmannschaft so gemacht. Er war mein Vorbild. Christian Gross hat das auch gefallen. Ich weiss noch, wie ich im Trainingslager mit George Koumantarakis und Gross trainiert habe. Gross wollte, dass ich Anlauf nehme, aber ich habe auch ohne Anlauf so weit geworfen, dass sich George weiter nach hinten bis zum Fünfmeterraum verschieben musste.

In Ihrer zweiten Saison spielten Sie mit dem FCB in der Champions League.

Das war magisch. Es war meine erste Champions-League-Teilnahme. Nach der WM ist das der zweitwichtigste Wettbewerb der Welt.

Timothée Atouba wird von Man-United-Spieler Darren Fletcher gefoult.

Timothée Atouba wird von Man-United-Spieler Darren Fletcher gefoult.

Drei Jahre nach Ihrem Wechsel nach Europa spielten Sie gegen Man United, Liverpool, Juventus. Verrückt oder?

Heute sage ich, dass das verrückt ist. Aber damals war das irgendwie ganz normal. Ich sagte: „Los spielen wir.“ Ich hatte keinen Druck. Ich wollte mich auf dem Platz amüsieren. Als ich gegen Liverpool das 3:0 schoss, war das für mich das Normalste auf der Welt.

Jetzt übertreiben Sie.

Aus heutiger Sicht sage ich auch: „Wow.“ Aber damals war das wirklich ein Tor wie jedes andere auch. Wir gingen mit 3:0 in die Pause. Christian Gross teilte uns seinen Plan mit, wie wir den Sieg über die Zeit bringen. Er hatte alles durchdacht. Doch ich wollte wie ein Verrückter weiter nach vorne rennen. Heute weiss ich, dass das dumm war. Wir spielten am Ende 3:3, sind aber trotzdem weiter gekommen.

Atouba liegt nach seinem Tor gegen Liverpool von Kollegen begraben ganz untern im Jubelhaufen.

Atouba liegt nach seinem Tor gegen Liverpool von Kollegen begraben ganz untern im Jubelhaufen.

Es hat sich seitdem einiges verändert. Auch die Champions League ist für Schweizer Clubs nicht mehr so einfach zu erreichen.

Ich habe auch gesehen, dass Basel zwei Punkte hinter YB ist. Was ist hier los? Basel muss doch immer Erster sein. Was mit der Champions League passiert, finde ich schade. Das ist überhaupt nicht gut. Die Verantwortlichen sollten das überdenken. Wie ist es möglich, dass Meister nicht in der Champions League starten dürfen? Dafür die Zweiten und Dritten aus anderen Ligen? Das macht keinen Sinn.

Das ist Business. Die Fans sehen lieber Manchester United gegen AC Milan, auch wenn diese Clubs nicht Meister wurden.

Das will nichts heissen. Als wir 2002 gegen Liverpool spielten, kannten die uns auch nicht. Sie dachten sich Basel ist ein kleines Loch irgendwo am Ende der Welt. Da spazieren wir durch. In der Halbzeit haben sie sich dann die Haare gerauft und nach dem Spiel wohl darauf angestossen, dass sie gerade noch ein 3:3 erreicht haben. Ajax hat letztes Jahr auch die Grossen geärgert, kam bis in den Halbfinal und musste anschliessend trotzdem wieder in die Qualifikation. Das ist doch nicht normal.

War dieses Spiel gegen Liverpool das wichtigste in Ihrer Karriere?

Es gehört sicher dazu. Mit Basel habe ich fünf Titel geholt und Champions League gespielt. Die besten Geschichten aus meiner Karriere haben sich hier abgespielt. Ich habe mich hier immer sehr wohl gefühlt. Nach dieser Champions-League-Kampagne hatte ich viele Angebote, unter anderem von Benfica Lissabon oder Paris St. Germain. Aber Gigi Oeri kämpfte um mich. Sie fragte mich, was mir diese Clubs mehr geben als Basel. Darauf hatte ich keine Antwort, also blieb ich. Ich vertraute Gigi. Sie sah nicht nur das Business. Sie war mit Emotionen dabei. Für mich war der FC Basel wie eine Familie.

2004 gingen Sie dann doch. War Tottenham dieser Club, der das gewisse Mehr hatte?

Ja. Gross war vorher Trainer von Tottenham. Er sagte mir, dass die Liga eine der besten der Welt ist und dass ich diese Chance nutzen solle. Gigi hat mich dann mit dem Privatjet nach London geflogen und wir haben den Deal fixiert. Alle waren glücklich, aber auch ein bisschen sentimental.

Das letzte Spiel im FCB-Trikot machte Atouba gegen Servette Genf. Dannach stieg er mit Gigi Oeri in den Privatjet nach London.

Das letzte Spiel im FCB-Trikot machte Atouba gegen Servette Genf. Dannach stieg er mit Gigi Oeri in den Privatjet nach London.

In Tottenham lief es nicht so wie gewünscht. Sie waren verletzt, hatten aber auch Probleme mit dem Vertrag.

Ja. Als ich unterschrieb, war die Zeit knapp. Das Transferfenster war beinahe schon zu und das Sekretariat hatte schon geschlossen. Ich habe bemerkt, dass im Vertrag sechs statt der abgemachten drei Jahre standen. Ich wollte nicht unterschreiben, doch Tottenham-Sportchef Frank Arnesen sagte mir, dass ich unterschreiben solle und wir das dann später in Ruhe regeln würden und mein Vertrag auf drei Jahre umgeschrieben würde. Doch als ich später bei Arnesen vorstellig wurde, sagte er mir: „Unterschrieben ist unterschrieben.“

Frank Arnesen.

Frank Arnesen.

Wie haben Sie reagiert?

Ich sagte ihm, dass ich nicht mehr für Tottenham spiele. Für mich zählen auch mündliche Verträge. Ich der Saisonvorbereitung bin ich dann länger in Kamerun geblieben und habe die Werbetour von Tottenham in Amerika nicht mitgemacht. Ich wollte nicht, dass Sie mit mir Business machen.

Ist das nicht kindisch?

Nein. Je länger du Vertrag hast, desto teurer bist du. Tottenham wollte mit mir Profit machen und das passte mir nicht. Ich würde das heute nochmals gleich machen. Zum Glück rief mich mein Nationaltrainer Winfried Schäfer, der Mann mit der Löwenmähne, an. Er hatte mich beim HSV ins Gespräch gebracht und fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, nach Hamburg zu gehen. Das konnte ich.

Mit Hamburg spielte Atouba auch gegen Alex Frei, der damals beim BVB spielte.

Mit Hamburg spielte Atouba auch gegen Alex Frei, der damals beim BVB spielte.

Für Hamburg haben Sie in vier Jahren noch öfter gespielt als für den FCB. Wie unterscheiden sich die beiden Clubs?

Basel ist sehr, sehr professionell. Teammanager Oli Kreuzer hat sich damals um alles gekümmert. Er hat mir alles in der Stadt gezeigt, ist mit mir für die Dokumente nach Bern ins kamerunische Konsulat gefahren. Wenn ich etwas brauchte, musste ich nur fragen. Die Spieler mussten sich nur aufs Kicken konzentrieren. In Tottenham war das anders. Da habe ich ein Jahr im Hotel gewohnt. Hamburg war ein Mittelding, besser wie Tottenham, aber nicht ganz so professionell wie Basel.

Mit Hamburg haben Sie in der Europa League gegen Basel gespielt. Wie war das?

Es war ein ruhiges Spiel, das 1:1 ausging. Damals gab es in der Gruppe keine Rückspiele. Ich war enttäuscht, dass das Spiel in Hamburg und nicht in Basel war. Es war komisch, gegen meine alten Freunde zu spielen. Sehr komisch. Aber ich hatte Freude, Christian Gross wieder zu treffen. Aber es hätte noch mehr Freude gemacht, wenn wir in Basel gespielt hätten.

In Hamburg spielte Atouba auch mit Raphael Wicky zusammen.

In Hamburg spielte Atouba auch mit Raphael Wicky zusammen.

Gab es einen Moment, wo Sie nach Basel hätten zurückkehren können?

Als ich mich 2008 in Hamburg verletzte, kam ich zurück nach Basel und liess mich in der Rennbahnklinik operieren. Mein Teamkollege Vincent Kompany hatte das zuvor auch gemacht. Als ich wieder in Basel war, hatte ich sofort Nostalgiegefühle. Ich habe auch ein Spiel im Joggeli geschaut. Gigi Oeri war auch da. Sie sagte: „Schau, da ist unser neuer Spieler, der ist hier um einen Vertrag zu unterschreiben.“ Ich antwortete: „Frau Präsidentin, ich bin verletzt.“ Und sie sagte: „Verletzt oder nicht verletzt, ich nehme dich unter Vertrag.“ Das hat mich berührt, wirklich berührt. Da habe ich schon mit dem Gedanken gespielt, zurückzukommen. Aber als ich dann wieder fit war, war Gigi nicht mehr Präsidentin.

Eigentlich schade, denn in Hamburg waren Sie am Schluss auch nicht mehr glücklich. Es gab die Aktion, wo Sie dem ganzen Stadion den Stinkefinger gezeigt haben.

Ja. Das war in der Champions League. Es fing damit an, dass Fans von ZSKA Moskau Affengeräusche gemacht haben. Denen habe ich in der ersten Halbzeit abseits der Kameras schon den Finger gezeigt. Vor dem 1:2 für Moskau habe ich dann als letzter Mann den Gegner vorbeigelassen. Ich war schon verwarnt und wollte keine Rote Karte riskieren, wir hatten ja noch viel Zeit. Mein Mitspieler Joris Mathijsen hat mich dann angeschrien. Ich dachte nur, du bist doch verrückt. Ich bin daraufhin zu Coach Thomas Doll gegangen und wollte mich auswechseln lassen. Doch er sagte: „Nein, du spielst.“ Ich wollte aber nicht mehr. Doll musste mich auswechseln. Die Fans haben das alles mitbekommen und gepfiffen. Sie haben nicht verstanden, wie es mir in diesem Spiel ging. Am Ende habe ich allen den Finger gezeigt und dafür nach meiner Auswechslung noch Rot gesehen.

Ein wütender Timothée Atouba verlässt das Feld. Kurz nach dieser Szene zeigt er den Fans den Mittelfinger.

Ein wütender Timothée Atouba verlässt das Feld. Kurz nach dieser Szene zeigt er den Fans den Mittelfinger.

War das der Anfang vom Ende in Hamburg?

Anstatt mich zu beschützen, hat mich der HSV suspendiert. Das läuft bis heute falsch. Wenn du als Spieler so etwas machst, fühlt sich der Verein angegriffen. Für ihn sind die Fans, weil sie Eintritt zahlen, auch Geldgeber. Aus Angst sich mit Ihnen anzulegen, werden die Fans dem Spieler gegenüber bevorzugt. Darum hört auch das mit dem Rassismus nie auf. Das ist bedauerlich. Man wirft den Stein immer auf den Spieler, der reagiert hat. Hören Sie. Als ich mit Basel gegen Young Boys gespielt habe, wurde eine Banane auf mich geworfen. Ich habe sie gegessen. Der Schiedsrichter hat mir dann die gelbe Karte gegeben. Warum? Weil ich die Zuschauer angestachelt habe. Den Zuschauern kann der Schiri keine Karte geben, also müssen die Spieler herhalten. Das war das Problem in Hamburg. Ich habe mit HSV-Präsident Bernd Hoffmann geredet. Er war sehr wütend, wollte dass ich mich entschuldige. Aber das konnte ich nicht, ich wollte lieber einer Zeitung meine Version erzählen. Also hat der HSV meinen Entschuldigungsbrief selbst geschrieben.

Granit Xhaka ist Ähnliches passiert. Auch er wurde von den eigenen Fans ausgepfiffen und muss Arsenal jetzt wohl verlassen.

Als Fussballer musst du immer aufpassen, dass du dich in der Öffentlichkeit im Griff hast. Wenn sich dann zu viel anstaut, explodiert es. Aber eines kann ich sagen: Fussballer wissen, wenn sie nicht gut gespielt haben. Sie gehen dann nicht nach Hause und lachen. Ich habe nach Fehlern tagelang nicht gut geschlafen, weil ich ständig daran gedacht habe. Wenn dann noch andere Leute von aussen ihre Meinung zu meiner Leistung kundtun, explodiere ich. Und als Promi wirst du dafür sofort verurteilt.

Aber Sie sind doch ein Vorbild.

Klar. Wir Spieler wissen, dass viele Kinder zu uns aufschauen. Aber in dem Moment, wo ich den Stinkefinger gezeigt habe, habe ich an nichts anderes gedacht, als an meine Wut.

War es in der Folge schwierig, wieder für den HSV zu spielen?

Die Fans hatten den Vorfall schnell vergessen. Sie liebten mich. Hamburg liebte meine Spielweise, meinen Tanz. Aber für mich war nach diesem Zwischenfall klar, dass ich nicht die Unterstützung des Clubs habe. Ich wollte weg, habe aber doch noch einige Spiele gemacht und bin erst drei Jahre später zu Ajax gewechselt. Dort habe ich aber wegen Verletzungen in drei Jahren nur drei Spiele gemacht.

Es kam noch schlimmer. Sie waren anderthalb Jahre vereinslos.

Da wollte ich meine Karriere eigentlich schon beenden. Doch dann kam Las Palmas. Sie wollten, dass ich es nochmal versuche. Und es war gut. Die Stimmung im Club war gut, das Klima wie bei mir in Afrika. Ich konnte noch ein paar Spiele machen und dann im Sommer 2014 meine Karriere beenden.

Basel war zu dieser Zeit kein Thema mehr?

Nein, obwohl Murat Yakin Trainer war. Nur als ich bei Hamburg aufhörte, hoffte ich, dass Basel sich meldet. Doch das war nicht der Fall.

Sie hätten sich ja auch melden können.

Nein! Sicher nicht! Ich war ja noch nicht im freien Fall. Aber vielleicht, dachte sich der FCB, dass ich zu teuer oder zu alt wäre. Sie haben es nicht versucht.

Was haben Sie nach Ihrem Karriereende gemacht?

War es immer klar, dass Sie zurück wollen?

Ja. Meine Frau sah das anders. Sie ist mit unseren vier Kindern in Frankreich geblieben. Auch von meinen Geschwistern leben die meisten in Europa. Aber ich wollte unbedingt zurück. Ich bin ein ziemlicher Einzelgänger.

Atouba setzt sich in seiner Heimat für bedürftige Kinder ein.

Atouba setzt sich in seiner Heimat für bedürftige Kinder ein.

Wie oft sehen Sie Ihre Kinder?

Mit der Anwesenheit ist es nicht so einfach. Ich fliege nicht gerne. Aber wir telefonieren viel und sind ständig in Kontakt. Wenn ich sie dann auch mal wie jetzt persönlich treffe, profitiere ich so viel es geht. Die Freude ist umso grösser, wenn wir dann alle zusammen sind.

In Ihrer Zeit in Europa haben Sie im Monat mehrere Tausend Franken Telefonrechnung gezahlt. Ist das immer noch so?

Ich telefoniere immer noch viel, aber mit WhatsApp und Co kostet das zum Glück nicht mehr viel. Früher habe ich den ganzen Tag telefoniert. Aber es war mir egal, dass mein halber Lohn beim Telefonieren draufging.

Die Hälfte?

Ja, ungefähr. Aber es war mir wirklich egal. Aber zurück zu meinem Engagement in Kamerun. Ich habe früh gelernt, zu teilen. Ich kannte das Wort sozial nicht, für mich war das normal. In Kamerun habe ich zuerst meine Stiftung aufgebaut und ein bisschen im Fussballmilieu gearbeitet. Auch heute noch trainiere ich die 1. Mannschaft in der Akademie von Carlos Kameni. Sie spielen in der dritthöchsten Liga. Das ist eine gute Erfahrung.

Verstehen Sie Christian Gross jetzt besser?

Ja (lacht). Ich würde mich am liebsten immer selber einwechseln. Im Training spiele ich mit und zeige meinen Spielern, wie es geht. Das hat Christian Gross übrigens auch gemacht. Aber ich verstehe jetzt, dass es sehr schwer ist, Trainer zu sein. Lange werde ich das nicht machen. Momentan plane ich mein eigenes Ausbildungszentrum. Ein modernes, weil die gibt es im Kamerun nicht.

Haben Sie noch Geld, um das zu finanzieren?

Ich glaube nicht, dass ich das alles alleine stemmen kann. Ich brauche Partner. Vielleicht will sich ja auch der FC Basel beteiligen. Deswegen bin ich froh, hier zu sein. Da kann ich gleich auch ein paar Gespräche führen.

Basel hat mittlerweile Partnerklubs in Indien und Argentinien.

Da brauchen sie unbedingt auch noch einen in Kamerun. (lacht) Ich wäre unglaublich froh, wenn mich der FC Basel unterstützt und dann irgendwann einer der Spieler aus meiner Akademie zum FCB wechselt.

Nach dem Interview führen wir Atouba zur FCB-Geschäftsstelle, wo er Ruedi Zbinden besuchen will. Den FCB-Sportchef hat er bei unserem Gespräch in der Rotblau-Bar erkannt und sich spontan mit ihm verabredet.

Nach dem Interview führen wir Atouba zur FCB-Geschäftsstelle, wo er Ruedi Zbinden besuchen will. Den FCB-Sportchef hat er bei unserem Gespräch in der Rotblau-Bar erkannt und sich spontan mit ihm verabredet.

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