Alex Wilson ist wieder da. Und mit ihm die grossen Ankündigungen. Er sei schneller als je zuvor, sagt der 28-Jährige, der im August 2018 bei Weltklasse Zürich sein letztes Rennen bestritten hat. 19,8 Sekunden über 200 Meter müssten drinliegen, rechnet er mal so locker aus der Hüfte schiessend vor. Und erinnert daran, dass seine Prophezeiungen in den letzten zwei Jahren stets eingetroffen seien – zuletzt der Gewinn der Bronzemedaille an den Europameisterschaften in Berlin.

Aber eben, es war «nur Bronze» wie es der Basler jamaikanischer Herkunft selber betont. Also bleibt Luft nach oben. Warum also nicht eine WM-Medaille Ende September in Doha oder gar olympisches Edelmetall im nächsten Jahr in Tokio anpeilen. «Wieso sollte ich mir keine hohen Ziele setzen?», fragt Alex Wilson zurück, als er die skeptischen Blicke wahrnimmt. Nur zum Spass tue er sich diese Quälerei schliesslich nicht an, sagt der Schweizer Rekordhalter über 100 m und 200 m und verweist auf das Trainingslager in Florida.

Von Anfang Februar bis Mitte April trainierte er unter Leitung seiner zwei Coaches Clarence Callender und Lloyd Cowan in einer rund fünfzigköpfigen Gruppe von Sprintern. Danach noch vier Wochen ganz alleine mit den beiden Trainern. «Das war wohl das härteste Training, das ich je in meinem Leben bestritten habe», sagt Wilson. Vor allem an seinem Start habe man gefeilt – teilweise bis zum Umfallen. «Es hat sich gelohnt, ich bin jetzt allein schon auf den ersten Metern zwei bis drei Zehntel schneller». Dies dank einer tieferen Laufposition.

Rom, Zofingen und Basel

Diesen Donnerstag beim Diamond-League-Meeting in Rom gibt Wilson seinen Saisoneinstand. Noch seien keine Wunderzeiten zu erwarten, obwohl er über 200 m in einem WM-würdigen Starterfeld Unterschlupf gefunden hat. «20,20 Sekunden fordern meine Trainer, sonst gibt es wieder Zusatzschichten», sagt der Basler, der vor sechs Wochen so nebenbei zum zweiten Mal Vater geworden ist.

Weil die WM so spät im Jahr wie noch nie stattfindet, hat Wilsons Trainerteam das Programm angepasst. Ja nicht zu früh in Topform sein, lautet die Devise. Weniger als zehn Meetings sind bis zur WM vorgesehen, dies in verschiedenen Blöcken. Den Anfang macht Rom, dann am Samstag ein Doppelstart über 100 m und 200 m in Zofingen und am Pfingstmontag zum Abschluss das Heimrennen in Basel.

Danach geht es bis Ende Juni zurück ins Training. Abwechslungsweise wird einer seiner zwei britischen Trainer aus London nach Basel anreisen und dafür sorgen, dass in seinem zweiten Wettkampfblock die richtig schnellen Zeiten unter den beiden magischen Schallmauern folgen. Über 100 m fehlen ihm dazu noch elf, über 200 m gar nur noch vier Hundertstelsekunden.

Konsequenter und ernsthafter

In Basel ist Alex Wilson bei Konditionstrainer Michael Müller in guten Händen. Der Leistungsdiagnostiker kennt den gebürtigen Jamaikaner seit 2010. Nachdem er in den letzten dreieinhalb Jahren beim FC Basel angestellt war, hat er nun mehr Zeit für den Sprinter. Er attestiert seinem Schützling Fortschritte bei der Beweglichkeit und der Kraft und schwärmt von seinem aktuellen Trainingsfleiss. «Es ist zwar jedes Mal wieder eine Herausforderung, bei Alex die volle Konzentration zu erreichen. Aber wenn er sie einmal hat, dann arbeitet er im Training so präzis wie kein anderer.»

Wilson ist nicht nur beweglicher geworden, er hat noch einmal tüchtig abgenommen. Zehn Kilo genau seit Ende Januar. Derzeit wiegt der 28-Jährige 77 kg, leichter war er letztmals als Teenager. Seine Trainer hätten ihm gesagt, er müsse noch konsequenter mit sich selber sein, wolle er in Doha mit den Besten mithalten. Dies drückt sich auch anderswo aus: «Trotz seiner Sprüche ist Alex viel ernsthafter als früher», stellt Michael Müller mit Wohlwollen fest.