Salomé Kora lief in dieser Saison noch nie gegen Mujinga Kambundji. Auch bei Athletissima Lausanne wäre es eigentlich nur zu einem indirekten Vergleich gekommen. Die Bernerin im Haupt-, die St. Gallerin im Vorprogramm. Gestern rutschte Kora jedoch kurzfristig ins Feld der besten Sprinterinnen. Damit kommt es zu einer Begegnung, die so spannend ist wie noch nie.

Kambundji ist die Schweizer Rekordhalterin über 100 Meter. In diesem Jahr ist ihre Staffelkollegin bisher jedoch schneller. 11,13 lief Kora am vergangenen Sonntag in La Chaux-de-Fonds. Sie ist damit in der Liste der schnellsten Schweizerinnen aller Zeiten die Nummer zwei. Am gleichen Tag absolvierte Kambundji ihr Rennen beim Diamond-League-Meeting in Eugene in 11,42 Sekunden.

Kora bleibt jedoch zurückhaltend. «Ich bilde mir nichts darauf ein», sagt sie. Dafür sei die Saison noch zu jung und Kambundji zu stark. Diese habe schon öfters bewiesen, dass sie nach einem schwachen Start in den Sommer noch aufdrehen kann. Schliesslich ist der Höhepunkt, die WM in Doha, erst Ende September.

Und da gibt es auch noch andere Sprinterinnen in der Schweiz. «Die Konkurrenz schläft nicht», sagt Kora. Viel lieber rückt sie deshalb die Freude über diese Gelegenheit in den Vordergrund. In Lausanne startet sie gegen Sprinterinnen, die alle Bestleistungen unter elf Sekunden vorweisen. «Ich will das Rennen geniessen.»

Arbeiten an den Schwachstellen

Kora hat diese Saison mit einer starken Zeit gerechnet, aber nicht so früh. Erst diesen Frühling kam sie von einer langwierigen Verletzung zurück. Bereits im vergangenen Sommer spürte sie, dass etwas nicht stimmt. Sie hat die Saison dennoch durchgestiert, lief mit Schmerzen. Im Herbst brachte ein MRI schliesslich die Verletzung zutage: Eine Sehne im Fuss war kurz davor, vom Knochen abzureissen.

Eine Operation war zwar nicht nötig, dafür eine lange Pause, in der sie nur alternativ trainieren konnte. Das war nicht immer einfach, vor allem während der Hallensaison, als ihre Kolleginnen an Meetings starteten. Doch Trainer Christian Gutgsell hielt sie bei Laune und stellte ihr immer wieder ein neues Programm zusammen. So trainierte sie einmal auf dem Velo, ein anderes Mal im Wasser. Heute sagt Kora: «Ich habe durch die Verletzung mehr gewonnen als verloren.»

Während der Vorbereitung auf den Sommer konnte die Ostschweizerin an Details arbeiten, die im normalen Trainingsalltag oft untergehen. So hat sie sich etwa mit der Ernährung befasst, gesünder gekocht und weniger Süsses gegessen. Wichtig war auch die Physiotherapie – nicht nur für den Fuss. Sie hat stark an der Beweglichkeit gearbeitet. Auch das ist ein Thema, das sie seit längerem beschäftigt, aber oft zu kurz kommt. «Nun merke ich, wie wichtig es für mein Körpergefühl ist», sagt sie.

Der zweite Knoten

Ende Mai stand Kora schliesslich wieder auf der Tartanbahn. Es war kein gutes Gefühl. Sie war noch nicht komplett schmerzfrei und fragte sich, ob die Sehne halten würde. «Es fühlte sich an, als wäre ich wieder Anfängerin», sagt sie. Es dauerte, bis das Vertrauen zurück war. Nach vier, fünf Rennen waren die Angst und der Respekt plötzlich verschwunden.

Für die Bestleistung musste schliesslich noch ein zweiter Knoten aufgehen – beim Start. Schon früher sprach sie davon, dass dies ihre Schwachstelle sei. Im Training war es zuletzt kein Problem mehr. Nur im Rennen konnte sie die Bewegungsabläufe nicht so umsetzen, wie sie es gerne getan hätte.

Zuletzt arbeitete sie viel im mentalen Bereich, schaute sich etwa Videos aus dem Training an oder stellte sich den Start vor. In La Chaux-de-Fonds hat es dann aus dem Nichts geklappt. Im richtigen Moment spielte alles zusammen. «Ich war überwältigt», sagt Kora. «Nun muss ich nur noch zeigen, dass dies kein einmaliger Ausrutscher nach oben war, sondern mein neues Niveau.»