Leichtathletik
Morgen beginnt in Peking die Leichtathletik-WM und alles dreht sich ums Doping

Am Samstag beginnt die Leichtathletik-WM. In Peking kämpfen die Athleten um Medaillen – und das Image ihres Sports. Schon beim 100-Meter-Rennen zum Beginn der WM dreht sich alles nur um eines: Doping.

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Die Disziplinen der Leichtathletik von Peking in diesen Tagen lauten: Doping, Korruption, Stimmenkauf-Gerüchte, Smog. Man mag es angesichts der Meldungslage der vergangenen Wochen kaum glauben, aber ab Samstag wird in der chinesischen Hauptstadt auch Sport getrieben.

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Im «Vogelnest» wird kräftig für die Eröffnungsfeier der Leichtathletik-WM 2015 geprobt.

Im «Vogelnest» wird kräftig für die Eröffnungsfeier der Leichtathletik-WM 2015 geprobt.

Keystone

Normalerweise überdecken die sportlichen Leistungen die Negativschlagzeilen, wenn eine Grossveranstaltung erst einmal begonnen hat – aber schon das 100-Meter-Rennen am Sonntag wird es kaum möglich machen, nur über Sport zu berichten.

100 Meter der Männer – die ganz grosse Show der Leichtathletik. Normalerweise. Diesmal bewerben sich um den Weltmeistertitel: Usain Bolt, Jamaika. Natürlich. Justin Gatlin, USA, der Schnellste des Jahres, zweimal wegen Dopings gesperrt, erwischt mit zu viel Testosteron und Amphetaminen. Asafa Powell, Jamaika, 2013 wegen Dopings mit Oxilofrin aus dem Verkehr gezogen und ein halbes Jahr später schon wieder begnadigt. Tyson Gay, USA, wegen Gebrauchs von anabolen Steroiden 2013 am selben Tag überführt wie Powell.

«Alles, was ich hörte, ist Doping»

Einer von ihnen wird der schnellste Mann der Welt werden. Man muss sich schon Ohren und Augen ganz fest zuhalten, um noch unbeeindruckt ins Schwärmen kommen zu können. Dass Gatlin das Duell mit Bolt mit dem «Rumble in the Jungle», dem epischen Boxkampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman von 1974, vergleicht, ist eher ein matter Witz. «Alles was ich in den letzten paar Wochen gehört habe, ist Doping, Doping, Doping», sagt Usain Bolt. Immerhin hat er hingehört.

Der Jamaikaner muss es für die Leichtathletik wohl wieder herausreissen, Bolt hat den grossen Vorteil, dass ihm in Sachen Doping ausser Verdachtsmomenten bisher nichts konkret nachgesagt werden konnte. «Die Leute sagen, ich muss für den Sport gewinnen, aber es gibt eine Menge andere Athleten, die sauber laufen», versucht er sich als Kronzeuge pro Leichtathletik. Schwer genug.

Bolt wird in Peking 29 Jahre alt, so furchtbar viele Grossereignisse mit dem Superstar wird es nicht mehr geben. Der Jamaikaner hat sein Karriereende für 2017 angekündigt. Umso grösser ist der Hype um ihn. «Ich bin in Bestform. Selbst mein Start funktioniert zur richtigen Zeit, ich bin bereit», sagte er am Donnerstag im brechend vollen Pressekonferenzsaal von Peking. Dass er bisher erst die sechstschnellste Zeit des Jahres zu verbuchen hat, muss bei Bolt, der selbsternannten Legende, tatsächlich nicht viel heissen. Wenn es darauf ankam, war er meistens zur Stelle.

Bei den Frauen herrscht eine ähnliche Ausgangslage: Auch Shelly-Ann Fraser-Pryce, die zweifache Olympiasiegerin und Jahresschnellste über 100 m aus Jamaika, hat keine unbefleckte Vergangenheit. 2010 wurde der 28-Jährigen die Einnahme eines verbotenen Schmerzmittels nachgewiesen, die eine halbjährige Sperre zur Folge hatte. In Peking könnte die Sprintkönigin von Moskau 2013 mit ihren WM-Titeln 6, 7 und 8 zu Allyson Felix, der erfolgreichsten WM-Teilnehmerin aller Zeiten, aufschliessen. Die 29-Jährige aus Los Angeles, die von 2005 bis 2009 über 200 m den Hattrick schaffte, dürfte ihr Medaillenkonto in Peking allerdings auch weiter häufen, auch wenn sie «nur» über 400 m und in den beiden Staffeln antritt.

Die weiteren Stars in Peking sind der Brite Mo Farah, der über 5000 m und 10'000 m das vierte Double an Grossanlässen in Folge anpeilt. Asbel Kiprop, der Jahresschnellste über 1500 m, führt die kenianische Elite auf den Mittelstrecken an. Im Hoch- und Dreisprung der Männer mit den Duellen Mutaz Essa Barshim (Katar) gegen Bogdan Bondarenko (Ukr) respektive Pedro Pablo Pichardo (Kuba) gegen Christian Taylor (USA) sowie im Hammerwurf der Frauen scheint die Möglichkeit auf einen Weltrekord, der von der IAAF mit 100'000 Dollar belohnt werden würde, am grössten zu sein.

Drei Finals als Ziel der Schweizer Delegation

Bolt, Bolt, Bolt, wird es aber trotzdem überall heissen. Im Schatten des Stars werden die Schweizer Athleten versuchen, für sportliche Schlagzeilen zu sorgen. Drei Final-Klassierungen (Top 8) – so lautet die Zielsetzung von Swiss Athletics in der chinesischen Hauptstadt. Dabei ist jene von Kariem Hussein fix eingeplant.

Der schweizerisch-ägyptische Doppelbürger ist über 400 Hürden Europameister, dennoch nimmt er in Peking erstmals an Weltmeisterschaften teil. Alles andere als der Finaleinzug käme einer Enttäuschung gleich. Der 26-jährige Thurgauer liegt mit 48,45 Sekunden in der Weltjahresbestenliste auf Platz 7. «Ich muss zuerst einmal den Vorlauf laufen, noch bin ich nicht einmal im Halbfinal», gibt sich Hussein vorsichtig. «An einer WM bist du mehr gefordert. Ich muss in jeder Runde Gas geben. Wir liegen nicht um Welten auseinander.»

Kariem Hussein: 400 m Hürden.
14 Bilder
Selina Büchel: 800 m.
Mujinga Kambundji: 100 m, 200 m, 4 x 100 m.
Noemi Zbären: 100 m Hürden.
Nicole Büchler: Stabhochsprung.
Angelica Moser: Stabhochsprung.
Petra Fontanive: 400 m Hürden.
Lea Sprunger: 400 m Hürden, 4 x 100 m.
Joëlle Golay: 4 x 100 m.
Marisa Lavanchy: 4 x 100 m.
Sarah Atcho: 4 x 100 m.
Caroline Agnou: Siebenkampf.
Valerie Reggel: Siebenkampf.
Tadesse Abraham: Marathon.

Kariem Hussein: 400 m Hürden.

Keystone

Die Zuversicht bei Hussein ist dennoch gross, stimmt doch die Form. Die persönliche Bestzeit erzielte er am 8. August bei der WM-Hauptprobe an den Schweizer Meisterschaften in Zug – aus dem Training heraus. Überhaupt ist Hussein mit der Saison bislang sehr zufrieden, obwohl ihn im Juni eine Grippe zurückwarf und er in den ersten drei Rennen danach nur noch einmal unter 49 Sekunden (48,93) blieb. «Diese Leistungen konnte ich für mich einordnen. Das ist von aussen vielleicht nicht immer so einfach zu sehen», sagte Hussein. «Es kann nicht immer aufwärts gehen, das muss man akzeptieren. Das ist völlig in Ordnung.»

Kariem Hussein will auch in Peking seine Schuhe küssen.

Kariem Hussein will auch in Peking seine Schuhe küssen.

Keystone

Die zweitgrösste Schweizer Hoffnung ist 800-m-Läuferin Selina Büchel. Die 24-jährige Toggenburgerin ist die viertschnellste Läuferin des Jahres und verbesserte beim Diamond-League-Meeting in Paris mit 1:57,95 Minuten den 28-jährigen Schweizer Rekord von Sandra Gasser um 95 Hundertstel, nachdem sie zuvor noch nie unter zwei Minuten gelaufen war. Der intensive Wettkampfblock im Juli mit fünf Rennen hinterliess allerdings Spuren, in London musste sich Büchel mit Rang 8 begnügen. Mit Blick auf die WM scheint aber wieder alles im Lot. «Ich konnte das Level wieder aufbauen. Ich bin sehr zufrieden.»

Neben Hussein und Büchel sind auch Stabhochspringerin Nicole Büchler und Hürdensprinterin Noemi Zbären Finalkandidatinnen. Büchler sprang an der SM mit 4,71 m einen nationalen Rekord und auf Platz 9 in der Weltjahresbestenliste, Zbären siegte an der U23-EM in 12,71 Sekunden und ist damit in diesem Jahr weltweit die Nummer 12. Vor ihr liegen nicht weniger als acht Amerikanerinnen. In starker Form präsentierte sich zuletzt auch Sprinterin Mujinga Kambundji. Allerdings ist die Konkurrenz über 100 und 200 m dermassen gross, dass im Normalfall die Halbfinals Endstation bedeuten dürften. Auch mit der 4x100-m-Staffel der Frauen ist zu rechnen.

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