Leichtathletik

Wilson zur Doppelbürger-Debatte: «Es ist nun mal so, dass ich Schweizer und Jamaikaner bin»

Der Schweizer Sprinter mit jamaikanischen Wurzeln zur Debatte über Doppelbürger im Sport. Seine Meinung dazu ist kurz und prägnant: «Du bist nun mal beides. Aber es gibt keine Konkurrenz zwischen den beiden Heimaten.» An den bevorstehenden kontinentalen Titelkämpfen will er ein Feuerwerk zünden – am liebsten mit Schweizerpsalm und Landesflagge.

Die Schweiz ist vielfältig und multikulturell. Auch im Sport. Gerade im Sport. In der Leichtathletik genauso wie im Fussball. Rund ein Viertel der Startenden an den Europameisterschaften nächste Woche in Berlin hat Wurzeln in einer anderen Kultur. Sollen sie deshalb keine Patrioten sein? Keine Patrioten sein dürfen?

Alex Wilson geht morgen an keine 1.-August-Feier. «Ein Sportler hat halt sein eigenes Programm», sagt der 27-Jährige in breitem Basler Dialekt. Schwitzen auf der Tartanbahn. Die letzten harten Trainings vor dem grossen Ziel. Wilson will sein Feuerwerk erst in ein paar Tagen zünden. Über 100 m und 200 m an den kontinentalen Titelkämpfen. Wenn es nach ihm geht mit Schweizerpsalm und Landesflagge. «Dieser Moment fehlt mir noch. Auf dem Podest zu stehen und die Nationalhymne zu hören. Das möchte ich in Berlin erleben.»

Alex Wilson sagt: «Dieser Moment fehlt mir noch. Auf dem Podest zu stehen und die Nationalhymne zu hören. Das möchte ich in Berlin erleben.»

Alex Wilson sagt: «Dieser Moment fehlt mir noch. Auf dem Podest zu stehen und die Nationalhymne zu hören. Das möchte ich in Berlin erleben.»

  

Wilson hat die Debatte der letzten Wochen über Doppelbürger und Doppeladler im Sport mitverfolgt. Seine Meinung dazu ist kurz und prägnant: «Du bist nun mal beides. Aber es gibt keine Konkurrenz zwischen den beiden Heimaten.» In seinem Fall besonders markant. Wilsons Eltern stammen aus Jamaika. Auf der Karibikinsel hat er die ersten 14 Jahre seines Lebens verbracht. Die Schweiz bestand in der Ferne nur aus Klischees: Uhren, Schokolade, Matterhorn. «Das weiss man einfach», sagt er.

Eine richtig harte Zeit

Als seine Mutter der Liebe wegen 2005 in die Schweiz zog, mit dem pubertierenden Teenager im Schlepptau, da war es für Alex Wilson tatsächlich ein Schock. «Nicht unbedingt ein Kulturschock, mehr ein Kälteschock», sagt der schnellste Schweizer lachend. Mitten im Winter landete er in einem ihm völlig fremden Land. Sein bisheriges Leben und all seine Kollegen liess er zurück. Und von diesen hat ein 15-Jähriger nicht wenig. «Die erste Zeit in der Schweiz war so richtig hart für mich», sagt Wilson im Rückblick.

Alex Wilson erinnert sich daran, wie er als 15-Jähriger von Jamaika in die Schweiz kam: «Die erste Zeit in der Schweiz war so richtig hart für mich.»

Alex Wilson erinnert sich daran, wie er als 15-Jähriger von Jamaika in die Schweiz kam: «Die erste Zeit in der Schweiz war so richtig hart für mich.»

  

Eine vollkommen fremde Sprache lernen, in eine neue Schule gehen, sich anpassen. Und heute, 13 Jahre später? Er laufe für die Schweiz, sagt Wilson. Er habe sich die Frage nach der Alternative gar nie gestellt. «Es gibt nichts anderes für mich», sagt er. Die Schweiz sei für ihn das Land der Zukunft. Zwar ist der 27-Jährige Doppelbürger. Den Schweizer Pass erhielt er 2010. Der jamaikanische Pass sei aber vor einiger Zeit abgelaufen. «Ich habe ihn nicht verlängern lassen.»

 «Wir haben in der Schweiz so viel Gutes, das wir ehren sollten»

Er verdanke der Schweiz alles, was er im Leben habe, sagt Wilson. «Die Ausbildung, die Unterstützung im Sport – alles erlebte ich auf einem Niveau, das in Jamaika nicht möglich wäre.» Dank einer Anschlusslehre für Migrationsjugendliche lernte er den Beruf des Landschaftsgärtners. Und dank seinem Talent beförderte ihn der Schweizer Leichtathletik-Verband bald schon ins Kader der Athleten mit «Weltklasse-Potenzial».

An seiner heutigen Heimat schätzt er die Sicherheit und die Sauberkeit. «Wir haben in der Schweiz so viel Gutes, das wir ehren sollten», sagt er. Und von dem sich Jamaika eine Scheibe abschneiden könnte: «Menschenrechte, Krankenkasse, die besseren Politiker, keine Korruption.»

Alex Wilson: «Fast in die Hosen gemacht!»

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Die Lockerheit Jamaikas

Als Alex Wilson kurz nach seiner Einbürgerung erstmals an der Team-EM im Schweizer Nationaldress lief, da sei er enorm stolz gewesen. «Ich spürte eine riesige Freude. Es war sehr emotional.» Schliesslich habe er den wichtigsten Teil seines Lebens in der Schweiz gelebt. Und wie ist es, wenn er wie in diesem Frühling ins Land seiner Familie reist? Es sei halt so, dass er dann in Jamaika sei.

Nicht aussergewöhnlich, nichts Besonderes, irgendwie ganz normal. Vertraut. «Es ist nun mal so, dass ich beides bin – Schweizer und Jamaikaner. Ich kann dieses Gefühl nicht beschreiben.» Eine Tugend aber könne die Schweiz auch von Jamaika lernen. «Die Lockerheit», sagt Alex Wilson wie aus der Pistole geschossen. Gerade auch in der aktuellen Diskussion um Doppelbürger.

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