Bundesliga
Freiburg-Captain Christian Günter im grossen Interview: «Lieber Ruhe als jede Woche Theater»

Am Donnerstag testet der FC Basel gegen den Bundesligisten SC Freiburg. Dessen Captain Christian Günter erklärt, weshalb sein Verein eine Oase der Beständigkeit ist, was Freiburg-Leihspieler Amir Abrashi dem FCB bringen kann und was er an Kult-Trainer Christian Streich schätzt.

Interview: Andreas W. Schmid
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Christian Günter spielt seit seinem Bundesliga-Debüt für den SC Freiburg - und kann sich auch ein Karriereende dort vorstellen.

Christian Günter spielt seit seinem Bundesliga-Debüt für den SC Freiburg - und kann sich auch ein Karriereende dort vorstellen.

Bild: Keystone

Christian Günter kommt gerade vom Mittagessen. Es klingt nach einem Klischee – aber es gab tatsächlich Spätzle. «Bei mir ohne Käse», beschwichtigt der 28-Jährige. «Zwischendurch darf man sich auch mal was gönnen.» Erst recht, wenn es gerade so gut läuft: Der SC Freiburg schielt als Achtplatzierter Richtung Europa-League-Plätze, und Christian Günter hat in allen 26 Partien durchgespielt. Der Linksverteidiger ist mit seiner Vereinstreue so etwas wie der Massimo Ceccaroni des SC Freiburg, wenn auch auf der anderen Seite spielend und mit deutlich höheren Offensivqualitäten ausgestattet.

Christian Günter, hatten Sie schon mal Mitleid mit einer gegnerischen Mannschaft?

Christian Günter: Also solch ein Extrembeispiel wie an der WM 2014, als Deutschland Brasilien mit 7:1 abfertigte und die Verlierer einem leidtun konnten, habe ich selber auf dem Platz noch nie erlebt. Aber natürlich fühlte ich das eine oder andere Mal mit einem Gegner mit, der am letzten Spieltag abstieg. Und zwar sicher auch deshalb, weil ich das 2015 selber durchmachen musste, als wir am Schlusstag gegen Hannover verloren und abstiegen. Ich weiss, wie es ist, wenn man den Kopf nicht mehr frei hat und die Beine schwer werden: kein schönes Gefühl.

Ich frage auch deshalb, weil der FC Basel zuletzt einen mitleiderregenden Fussball spielte. Haben Sie die Krise mitbekommen, in der er steckt?

Ja, das habe ich. Früher wollte ich wissen, wo die Basler in der Tabelle stehen, ohne es aber zu vertiefen. Doch seit Amir Abrashi nach Basel ausgeliehen wurde, schaue ich ein wenig genauer hin. Er hat mir erzählt, dass er sich schon zu Beginn verletzte und es der Mannschaft gerade nicht so läuft. Deshalb herrsche Unruhe.

Zur Person

Christian Günter

Christian Günter kommt am 28. Februar 1993 in Villingen-Schwenningen zur Welt und wächst im Schwarzwald auf. Mit 13 Jahren kommt er in die Jugend des SC Freiburg, mit 19 wird er Profi. Seitdem hat der heute 28-Jährige 285 Spiele für den Sportklub gemacht und dabei vier Tore geschossen und 34 vorbereitet. Seit 2019 trägt der Linksverteidiger, der auch in Interviews mit seinem unverkennbaren badischen Akzent für gute Stimmung sorgt, auch die Captainbinde. Vor einer Woche hat Günter den Vertrag bei seinem Herzensklub Freiburg erneut verlängert. (jaw) Testspiel: SC Freiburg – FC Basel Heute: 13 Uhr im Schwarzwald-Stadion

Vor allem in der zweiten Halbzeit läuft es nicht. Da bricht die Mannschaft regelmässig ein.

Das gibt es immer wieder. Im besagten Abstiegsjahr schenkten wir fünf, sechs Spiele in den letzten Minuten her. Irgendwann steckt dieser Komplex in den Köpfen drin, und dann beginnt die Abwärtsspirale. Denn Angst lähmt, was sich wiederum auf die Leistung auswirkt. Man spielt nicht mehr aktiv gegen den Ball, der Gegner gewinnt mehr Zweikämpfe, was ihn zusätzlich pusht. Eine schwierige Situation.

Könnte Amir Abrashi helfen?

Er kann einer Mannschaft sogar extrem helfen, wenn es nicht so läuft. Mit seiner Mentalität sorgt er dafür, dass sich eine Mannschaft nicht gehen lässt. Uns jedenfalls hat er in den Phasen gutgetan, in denen es nicht so lief. Typen wie er können dann für den Umschwung sorgen.

Amir Abrashi (links) und Christian Günter in gemeinsam SC-Zeiten.

Amir Abrashi (links) und Christian Günter in gemeinsam SC-Zeiten.

instagram.com/cg30

Im Vergleich zum FC Basel ist der SC Freiburg ein Hort der Ruhe und Beständigkeit.

Das schätze ich sehr – und ich glaube, das wünscht sich doch jeder. Hier wurde ein Umfeld geschaffen, in dem man sich auf den Fussball konzentrieren kann. Das fängt in der Beziehung mit den Medien an und zieht sich bis zur Führungsetage durch, wo sich keiner profilieren will oder irgendwelche Machtansprüche anmeldet, die dem Verein schaden würden. Vielmehr sieht man hier das grosse Bild, was ein grosser Unterschied zu vielen anderen Vereinen ist. Lieber so als jede Woche Theater.

Sie spielen seit Ihrer Bundesliga-Premiere 2012 beim SC. Hatten Sie nie das Gefühl: Ich verpasse etwas?

Nein. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie sich an einem Ort stetig weiterentwickeln können, warum sollten Sie dann wechseln? Bei mir war das immer der Fall. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich stagniere. Natürlich ist ebenso wichtig, dass das hier meine Heimat ist und ich hier meine Familie habe. Auch wenn man nie weiss, wie sich die Dinge entwickeln, kann ich mir vorstellen, dass ich beim SC meine Karriere beende. Deshalb habe ich eben erst meinen Vertrag langfristig verlängert…für wie lange, sage ich nicht (lacht). Der Verein will das nicht.

Ist es als Spieler des SC Freiburg schwieriger, sich ins deutsche Nationalteam zu spielen?

Vielleicht. Wenn sich ein Spieler unter der Woche auch noch regelmässig in internationalen Spielen präsentieren darf, kann das ein Vorteil sein. Aber da bin ich der falsche Mann für die Frage, da müssen Sie schon den Bundestrainer fragen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Sie durften 2014 immerhin einmal acht Minuten spielen. Danach wurden Sie aussortiert und mussten vor dem Fernseher miterleben, wie Deutschland Weltmeister wurde. Freuten Sie sich – oder schmerzte es doch?

Nein, nein, ich fieberte wie jeder andere in Deutschland mit – und ging nachher auch gross feiern. Ich war damals noch jung und hatte nullkommanull damit gerechnet, dass ich überhaupt für dieses Spiel gegen Polen aufgeboten würde. Und dann spielte da ja auch noch ein Aussenverteidiger, an dem es kein Vorbeikommen gab…

…Philipp Lahm…

…einer der grössten Aussenverteidiger im Weltfussball. Es war ein Lebenstraum, der für mich in Erfüllung ging, dass ich in dieser Mannschaft mitspielen durfte. So gesehen reichten mir die paar Minuten, die ich zum Einsatz kam, vollauf. Und zwei, drei Aktionen hatte ich auch noch (lacht). Wenn Sie mich nach einem Spiel fragen, von dem ich irgendwann meinen Enkeln erzählen werde, dann nenne ich diese acht Minuten gegen Polen.

Heute sind Sie ein gestandener Profi und Captain Freiburgs. Wie greifen Sie ein, wenn es nicht läuft?

Wir hatten im Herbst eine Phase, in der wir drei Spiele in Folge verloren. Eine Ansprache habe ich nicht gehalten, das ist bei uns Sache des Trainers. Mit Christian Streich haben wir eine starke Persönlichkeit, die dafür geschaffen ist. Wenn ich etwas sage, dann eher in Einzelgesprächen. Und natürlich vor den Mikrofonen. Gerade wenn es nicht läuft, muss man sich als Captain hinstellen – und dann die richtigen Worte finden. Man darf ehrlich sein und Klartext reden. Aber alle in die Pfanne zu hauen und alles negativ zu sehen, geht auch nicht. Man ist ja als Vertrauensperson für dieses Amt gewählt worden.

Was kann Christian Streich besser als die anderen Trainer?

Weil ich in all den Jahren noch nie einen anderen Trainer hatte, kann ich das schlecht beantworten (lacht). Sein Fussballfachwissen ist enorm. Ebenso seine Begeisterungsfähigkeit, mit der er die Spieler antreibt. Darüber hinaus zeigt er aber sehr viel Empathie und interessiert sich auch dafür, wie es einem privat geht. Und er erweitert den Horizont von uns Fussballern, indem er auch mal vor der Mannschaft über Politik spricht und über das, was draussen in der Welt abseits des Rasens vor sich geht. Dann sagt er: «Informiert euch selber über diese Dinge und glaubt nicht einfach alles, was euch erzählt wird!»

Welcher Spieler, dem Sie begegneten, war besser als die anderen?

Arjen Robben. Vor jedem Spiel hiess es, dass wir seinen linken Fuss «zustellen» sollten. Als es dann so weit war, erwies es sich trotzdem als Ding der Unmöglichkeit. Er machte den immer gleichen Trick, aber den konnte er so gut wie kein anderer. Das war ehrlich kein Spass gegen ihn.

Eines müssen wir noch wissen: Können Sie Rot von Grün unterscheiden?

Ja, ich kann das (lacht).

Ich frage, weil Freiburg am Sonntag in ungewohnten gelben Leibchen spielte. Denn ein Spieler leidet unter einer Rot-Grün-Schwäche, und Augsburg spielte in Grün.

Jeder Mensch hat eine Schwäche, da geht es darum, dass man das gemeinsam auffängt. Wir haben das gemacht, indem wir trotz Heimspiel auf unsere roten Leibchen verzichteten. Ich finde das eine Superaktion, die zeigt, wie wir hier miteinander umgehen.