Champions League

Liverpool am Ziel der Träume: Die Demut des Siegers

Shaqiri spielte im Final nicht – den Pokal fürs Erinnerungsfoto gab es dennoch.

Ein Final kennt keine Gnade, er kennt nur Sieger und Verlierer. Grösse aber erkennt man erst in diesen Augenblicken. Was uns der Final der Champions League lehrt.

Was muss das für eine Erleichterung gewesen sein für Jürgen Klopp: Nach sechs verlorenen Finalspielen in Folge hat er es am Samstag mit Liverpool endlich geschafft, endlich ist er ganz oben angekommen, im Fussball-Olymp. 2:0 gegen Tottenham, Champions-League-Sieger. Klopp, der Dompteur der Leidenschaften, dieser Gefühlsvulkan – was macht er im Moment des Triumphs?

Er rennt nicht wie von Sinnen auf den Platz, nein, zügigen Schrittes geht er zu Mauricio Pochettino, dem Tottenham-Trainer, und nimmt ihn in den Arm. «Ich weiss nur zu gut, wie es sich anfühlt, wenn man ein solches Spiel verliert. Ich weiss es besser als der Rest der Welt», sagt er später. Und während er Pochettino im Arm hält, sagt er ihm ins Ohr: «Seid stolz auf das, was ihr erreicht habt.»

Tottenham hat grossartige Partien gezeigt, hat sich gegen Manchester City im Viertelfinal durchgesetzt und gegen Ajax Amsterdam in 45 Minuten auf wundersame Weise die Wende geschafft. Im Final waren die Londoner über weite Strecken spielbestimmend. Mehr als 60 Prozent Ballbesitz, mehr Abschlüsse, aber einfach kein Tor. All das wusste auch Pochettino, aber enttäuscht meinte er: «Einen Final analysiert man nicht, man gewinnt ihn.»

Penalty nach 23 Sekunden

Vor drei Wochen ging die Premier League zu Ende. Drei Wochen haben die Teams versucht, den Rhythmus irgendwie hochzuhalten. Es gelang nur mässig, wie man am Samstagabend feststellen musste.

Viel Kampf und Krampf, wenig Erquickliches. Das lag auch daran, dass Liverpool führte, kaum war das Spiel angepfiffen. Es war, als hätte das Feuerwerk der Eröffnungszeremonie seine nahtlose Fortführung gefunden. 23 Sekunden waren gespielt, als der slowenische Schiedsrichter Damir Skomina auf den Punkt zeigte. Mohamed Salah verwandelte den Elfmeter souverän. «Und damit war unser Plan komplett über den Haufen geworfen», sagte Pochettino.

Die Spurs in Schockstarre, ihre Fans auf den Rängen ebenfalls. Bis sie erwachen, ist das Spiel fast um. Erst mit der Einwechslung von Lucas Moura eine halbe Stunde vor Schluss kriegt das Spiel von Tottenham mehr Schwung. Der Held des Halbfinals von Amsterdam musste in Madrid Harry Kane weichen. Aber statt eines «Hurricanes» kam vom Superstar nur ein laues Lüftlein. Während der ersten Halbzeit hatte Kane elf Ballberührungen. In der Nachspielzeit schoss er erstmals aufs Tor.

Demütig bleiben

Liverpool aber verteidigt an diesem Abend überragend. Der auf diese Saison verpflichtete Allison Becker hält alles, was da kommt. Innenverteidiger Virgil van Dijk ist eine Wucht, ein unüberwindbares Hindernis. Die Defensive hat Klopp nach zwei verlorenen Champions-League-Finals seinen ersten Triumph in der Königsklasse eingebracht. Der Mann, dessen Team so überfallartig nach vorne spielen kann, dass es auch ein 0:3 gegen Barcelona drehen konnte, hat nach der frühen Führung pragmatisch spielen lassen.

Ganz zum Nachteil von Xherdan Shaqiri. Zwar gewinnt er zum zweiten Mal die Champions League. Zum zweiten Mal aber spielt er keine Sekunde. «Siege baut man auf dem Schmerz der Niederlage», sagte ein enttäuschter Pochettino nach dem Final. Shaqiri hat zwar nicht verloren, aber er musste eine Enttäuschung wegstecken. Schafft er es diese Energie zu nutzen, auch in der Defensive zuzulegen und demütig zu bleiben, könnte es vielleicht irgendwann reichen. Wenigstens für einen Final-Einsatz.

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