Der Boulevard schmückt den Namen José Mourinho unlängst mit den beiden Worten „under fire“ aus. Zu Deutsch: unter Beschuss. Warum „The Special One“ in die Schusslinie geriet, erklärt ein nüchterner Blick auf die Statistik: Nach elf Spieltagen belegen die Blues Platz 15 in der Tabelle der Premier League. Bereits jetzt hat man 14 Punkte Rückstand auf Manchester City und Arsenal. Nur Norwich, Sunderland und Bournemouth kassierten mehr Tore. Und im Ligapokal schieden die Londoner bereits in der vierten Runde aus – gegen Shaqiris mässig kickendes Stoke.

Was sich in den letzten Jahren den Ruf einer Festung erarbeitete, wurde in den vergangenen Spielen immer mehr zum Konsumtempel für gegnerische Mannschaften: die Stamford Bridge. Elf Punkte raubten die Gäste Chelsea in gerade einmal sechs Begegnungen vor heimischem Anhang. Es sind Zähler, die sich Chelsea überraschend wehrlos entwenden liess. Wir sprechen vom schlechtesten Saisonstart seit 37 Jahren.

Die interne Revolte

Unter Beschuss ist er nun also, dieser José Mourinho, dessen Selbstsicherheit auch in Krisenzeiten masslos erscheint. Die Situation scheint der Portugiese immerhin rational einschätzen zu können: Denn er spricht von einem „entscheidenden Moment in der Geschichte dieses Klubs.“ Anzeichen von Demut sucht man aber vergebens: „Wenn sie mich entlassen, entlassen sie den besten Trainer, den dieser Klub jemals hatte."

Man muss kein Sherlock Holmes sein, um zu ahnen, dass nicht jeder Spieler mit ihm warm werden kann, mit diesem „Special One“. Jüngst kursierte in den Medien das Gerücht, dass teamintern eine Revolte gegen Coach Mourinho aufkeimte. Ein Spieler soll laut englischen Berichten sogar gesagt haben, dass er lieber verlieren als für Mourinho gewinnen würde.“ Britische Experten sprachen Mittelfeldspieler Cesc Fabregas nach, Kopf dieser Auflehnung zu sein. „Ich bin extrem glücklich bei Chelsea. Zudem habe ich ein vorzügliches Verhältnis mit dem Trainer“, vermeldete der spanische Weltmeister prompt über die sozialen Medien. Auch Captain Terry und Spektakelspieler Eden Hazard seien von Mourinho blossgestellt wurden. Vor dem heutigen Champions-League-Spiel gegen Dynamo Kiew stellte sich Terry dennoch vor seinen Mentor: „Alle Spieler stehen hinter Mourinho.“ Doch die Zweifel bleiben.

Wieder einmal eine Sperre

Wer die Wirren rund um die Stamford Bridge beobachtet, läuft Gefahr, die Übersicht zu verlieren. Die Unruhe regiert: Teamärztin Eva Carneiro, die von Mourinho wegen „naivem Verhalten“ erst suspendiert wurde und kurz darauf von sich aus ging, reicht britischen Berichten zufolge Klage gegen den Portugiesen ein. „The Special One“ soll der Hauptauslöser für ihre Demission gewesen sein.

Zudem wird Mourinho wegen einer Sperre das nächste „Schicksalsspiel“ in der Liga verpassen. Dies, weil sich der Chelsea-Trainer Ende Oktober in der Pause des Spiels gegen West Ham United unlauter der Schiedsrichterkabine genähert hatte und die Unparteiischen mit inakzeptablen Zurufen zudeckte. 60'000 Franken Busse gibt es obendrauf.

Derweil fallen in den Medien bereits erste Namen, die Mourinho beerben könnten: André Villas-Boas, der schon einmal im Westen Londons die Trainings leitete, Brendan Rodgers, der ehemalige Liverpool-Coach und Carlo Ancelotti, zuletzt bei den Königlichen in Madrid tätig. Auch über die Zukunft Mourinhos wird inzwischen heiss spekuliert. Laut spanischen Medien will der Milliardär Alessandro Proto den Portugiesen als Trainer der AS Monaco positionieren. Vorerst dirigiert der 52-Jährige aber noch unter der Obhut von Chelsea-Besitzer Roman Abramowitsch. Ob der Russe noch immer an das Fachwissen des „Special One“ glaubt, ist nicht überliefert. Die nächsten Tage werden bestimmt nicht ruhiger, im wilden Westen Londons.