Lotteriegelder
Ein neues Verteilsystem für den Schweizer Sport weckt allerlei Begehrlichkeiten

Die Sport-Toto-Gesellschaft als wichtigster Geldgeber des nationalen Sports verschwindet nach 84 Jahren. In der neu gegründeten Stiftung «Sportförderung Schweiz» haben die Kantone das Sagen.

Rainer Sommerhalder
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Dank den Sportwetten von Sporttip fliessen unter anderem jährlich knapp fünf Millionen Franken zweckgebunden in den Fussball-Nachwuchs.

Dank den Sportwetten von Sporttip fliessen unter anderem jährlich knapp fünf Millionen Franken zweckgebunden in den Fussball-Nachwuchs.

Bild: Freshfocus

Eine Beerdigung mit 84 Jahren. Ende 2022 hat die 1938 gegründete Sport-Toto-Gesellschaft ihren Dienst getan – die Beschaffung von Geldern zur Mitfinanzierung des nationalen Sports. Seit Jahrzehnten bilden die von ihr verwalteten Mittel aus den Reingewinnen der beiden staatlichen Lotteriegesellschaften Swisslos und Loterie Romande eine Art Tresor des privatrechtlichen Schweizer Sports. Zukünftig wird die öffentlich-rechtliche Stiftung «Sportförderung Schweiz» diese Verteilrolle übernehmen. Die Kantone haben dort mehr Einfluss. Auch deshalb stellen sich Fragen.

Gut 54 Millionen Franken pro Jahr. So hoch war der Betrag zuletzt, der via Sport-Toto-Gesellschaft durchschnittlich in den Sport floss. 42,5 Millionen gingen an den Dachverband Swiss Olympic, der damit die rund 80 angeschlossenen Verbände unterstützt. 4,7 Millionen Franken und 2,4 Millionen Franken – ein fixer Prozentsatz der Gesamtsumme – gibt es direkt für den Schweizer Fussball und das Eishockey. Das ist historisch gewachsen, schliesslich ist Fussball unangefochtener Branchenprimus bei Sportwetten und Eishockey folgt mit beträchtlichem Abstand als Nummer 2.

Swiss Olympic hofft auf mehr Lotteriegelder

Was aber ändert sich mit dem neuen Modell, das im Zuge des neuen Geldspielgesetzes beschlossen wurde? «Wollen wir mit den Entwicklungen Schritt halten, ist der Sport in Zukunft auf mindestens gleich viel Geld, wenn nicht sogar mehr angewiesen», sagt Roger Schnegg, Direktor von Swiss Olympic. Er weist darauf hin, dass sich der nationale Sport massiv für das neue Geldspielgesetz engagiert und zu dessen Abstimmungserfolg wesentlich beigetragen habe.

Ob sich der Betrag ändert, wird erst im Mai 2022 festgelegt – nicht mehr von den Lotteriegesellschaften, sondern neu von der Fachdirektorenkonferenz der 26 kantonalen Regierungsräte. Über diesen Prozess gab es zwischen den Kantonen und der Sport-Toto-Gesellschaft längere Diskussionen und noch keinen Nenner punkto Beitragshöhe. Roger Hegi, seit 2004 Direktor der Sport-Toto-Gesellschaft, sagt, dass der nationale Sport diesbezüglich noch einiges an Lobbyarbeit bei den Kantonen leisten müsse.

Die Mittelverteilung an den nationalen Sport wird ab 1. Januar 2023 über die neue Stiftung erfolgen, ebenso die Kontrolle über die Verwendung der Beiträge. Bei der Stiftung sind im Gegensatz zur als Verein organisierten Sport-Toto-Gesellschaft keine Vertreter von Sportorganisationen mehr dabei. Für die Unabhängigkeit, die Entflechtung und letztlich die Glaubwürdigkeit zweifellos ein längst fälliger Schritt.

Nun haben die Kantonsvertreter die fünf Mitglieder des Stiftungsrates gewählt. Der ehemalige Tessiner Staatsrat Paolo Beltraminelli übernimmt den Vorsitz. Dazu sind der frühere Freiburger Nationalrat Dominique de Buman, die ehemalige Langläuferin Laurence Rochat, die langjährige Sportmoderatorin Susy Schär sowie Markus Wolf, der CEO der Tourismusorganisation Weisse Arena Flims-Laax, mit dabei.

Politische Überlegungen wie die geografische Herkunft standen bei der Nomination stark im Vordergrund. Das stiess nicht überall auf Begeisterung. Immerhin bringt Markus Wolf mit der Erfahrung als Leiter des Graubündner Sportamtes, als Chef Jugend- und Erwachsenensport im Bundesamt für Sport, als Direktor von Swiss Ski und als Schweizer Nationaltrainer im Unihockey einzigartige Kenntnisse des Sportsystems Schweiz mit.

Erste Aufgabe des neuen Gremiums ist die Überarbeitung des provisorischen Stiftungsreglements. Das Reglement lehnt sich an der bisherigen Lösung an, ermöglicht weiterhin separate Ausschüttungen an einzelne Sportarten wie Fussball oder Eishockey und eröffnet neu auch Möglichkeiten für weitere Verbände, die zum Umsatz von Sportwetten beitragen. Tennis oder der Skisport sind Beispiele.

Soll der Fussball seine Sonderrolle behalten?

Allerdings gibt es im Sport wie auch in den Kantonen Stimmen, welche die Sonderstellung des Fussballs und des Eishockeys beenden wollen. Davon würde vor allem Swiss Olympic profitieren, da der Dachverband dann mehr Lotteriegelder erhält, mit denen er die 80 Sportverbände unterstützen könnte. Einige Verbände und auch gewisse politische Kreise würden eine solche Regelung befürworten.

Diskussionsbedarf ist gegeben. Eine solche Anpassung des Stiftungsreglements würde die bisherige Regelung völlig verändern. Ein sportpolitischer Seiltanz. Fussball und Eishockey stünden als Verlierer da und würden sich gegen eine solche Regelung wehren. Rund um die Schweiz herum ist der Wettmarkt offen und vor allem der Fussball profitiert davon. Ein gutes Argument für den Schweizer Fussball, um die heutige gesetzliche Regelung für das nationale Wettgeschäft anzupassen.

Um dieses Szenario zu verhindern, steht neben der Beibehaltung des bisherigen Systems die Idee einer Beteiligung von Fussball und Eishockey am Reinerlös der Sportwetten im Raum.

Roger Hegi empfiehlt die Beibehaltung der bisherigen Aufteilung. Er selbst wird, obwohl er im kommenden Monat das AHV-Alter erreicht, die Auflösung der Sport-Toto-Gesellschaft bis Frühling 2023 begleiten. Schliesslich wartet noch eine erfreuliche Aufgabe. Auch das Vereinskapital von rund 25 Millionen Franken soll dem nationalen Sport zukommen. Zu welchem Zweck und über welchen Weg muss sich zeigen. Auch hier werden die Kantone entscheidend mitreden.

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