Interview
Marc Gisin: «Ich habe bald kapiert, was meine Eltern durchmachten»

Abfahrer Marc Gisin stürzte letzte Saison in Gröden fürchterlich, lag danach fünf Tage im künstlichen Koma. Im November will der Engelberger bereits wieder Weltcup-Skirennen fahren.

Claudio Zanini, Magglingen
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Die Welt ist wieder in Ordnung: Marc Gisin auf der Terrasse des Grand Hotels in Magglingen. (Bild: Pius Amrein, Magglingen, 17. Juli 2019)

Die Welt ist wieder in Ordnung: Marc Gisin auf der Terrasse des Grand Hotels in Magglingen. (Bild: Pius Amrein, Magglingen, 17. Juli 2019)

Es ist ein drückender Sommertag in Magglingen, am Stützpunkt der Schweizer Spitzensportler. Marc Gisin (31) kommt vom Mittagessen. Sein Körper ist unversehrt, seine Stimmung aufgeräumt. Gut sieben Monate sind seit seinem letzten Unfall vergangen. In der Weltcup-Abfahrt von Gröden stürzte er im Dezember auf brutale Weise. Fünf Tage lag er im künstlichen Koma. Er hatte Rippenbrüche, Verletzungen an der Hüfte, an der Lunge, an der Wirbelsäule und kaputte Zähne.

Wie würden Sie die vergangenen Jahre Ihrer Karriere beschreiben?

Marc Gisin: Es war eine extreme Achterbahnfahrt. Im Zwei-Jahres-Rhythmus ging es rauf und runter. Immer wenn die Zeit reif gewesen wäre, um ganz nach vorne zu fahren, folgte ein Hammer. Doch ich will Verpasstem nicht nachtrauern, ich kann mich glücklich schätzen, dass ich immer wieder zurückkehren konnte.

Sie reden oft mit viel Ironie über Ihre Verletzungen. Ist das eine bewusste Strategie?

Vielleicht habe ich diesbezüglich tatsächlich eine Schraube locker. Nehmen wir das Beispiel des Sturzes von Kitzbühel 2015. Die Geschichte war für mich erledigt, dann taucht die posttraumatische Belastungsstörung auf. Das ist das Gravierendste, das ich je erlebt habe. In diesem Fall brauchte es ein wenig Ironie. Ich will es nicht ins Lächerliche ziehen, aber Humor ist hilfreicher, als zu hadern oder im Selbstmitleid zu versinken. Eine bewusste Strategie ist es dennoch nicht.

Nach dem Sturz von Gröden lagen Sie mehrere Tage im künstlichen Koma. In den sozialen Medien schrieben sie später, sie hätten ein «Powernap» gemacht. Wie kommen solche Witze im Umfeld an?

Meine Familie kennt mich ja. Das ist meine Art und Weise, wie ich auf Social Media interagiere, selbst in solchen Situationen. Ich glaube, für den Leser sind das positive Zeichen. Wenn Marc Gisin dumme Sprüche machen kann, muss es ihm ja wieder gut gehen.

Wussten Sie sofort, was passiert war, nachdem Sie aus dem Koma erwachten?

Die Erinnerungen waren sehr vage. Ich wachte auf – wie an einem gewöhnlichen Morgen. Doch die Wahrnehmung blieb speziell. Acht Wochen kam ich nicht aus diesem Halb-Delirium, als würde ein Filter auf der Welt liegen. Ich bekam natürlich sehr potente Medikamente verabreicht. Und als sie sukzessive abgesetzt wurden, hatte ich in den ersten Wochen beinahe Entzugserscheinungen.

Hat sie dieses anhaltende Delirium beunruhigt?

Es hat mich durchaus gestresst, weil ich mich zu fragen begann, ob dieses Gefühl je wieder verschwindet. Die acht Wochen waren eine lange Zeit. Doch ich funktionierte und ich konnte normal kommunizieren.

Ihr Sturz war für die ganze Familie enorm kräftezehrend. Ihre Schwester Michelle handelte sich Wochen später eine Verletzung ein und brach die Saison ab. Wann wurde ihnen bewusst, wie fest ihr Umfeld mitlitt?

Nachdem ich extubiert wurde, fragte ich in die Runde, was passiert sei. Sie zeigten mir den Sturz. Ich sagte im Spass: Was soll das? Liege ich wegen dem im Spital? Lasst mich nach Hause! Doch niemand lachte. Ich habe bald kapiert, was meine Eltern durchmachten. Wenn ich mich nun in sie hineinversetze, tut mir das unheimlich weh. Das ist wohl der schlimmste Aspekt des Sturzes. Auch für Michelle tat es mir leid. Sie ist ein sehr empathischer Mensch und sie machte sich grosse Sorgen. Michelle war auf gutem Weg, sie hätte eine Riesen-Saison hinlegen können. Ich will nicht sagen, ihre Verletzung ist meinem Sturz geschuldet, aber er spielte eine Rolle. Das emotional zu verarbeiten, ist nicht einfach (Macht eine Pause). Doch jetzt sind wir in Magglingen, alles ist gut.

Marc Gisin: Ich habe nie ans Aufhören gedacht. (Bild Pius Amrein, Magglingen, 17. Juli 2019)

Marc Gisin: Ich habe nie ans Aufhören gedacht. (Bild Pius Amrein, Magglingen, 17. Juli 2019)

Hat Ihnen niemand aus dem nahen Umfeld geraten, die Karriere zu beenden?

Nein, nein. Meine Mutter hat es vielleicht insgeheim gedacht. Wichtig war, dass jeder gesehen hat, wie schnell es vorwärts ging. Man muss sich vorstellen: Wenn ich am Anfang einen Löffel Suppe gegessen habe, brauchte ich fünf Minuten Ruhe, weil es ein solch grosser Aufwand für meinen Körper war. Ich habe nie ans Aufhören gedacht. Aber ich hinterfragte vieles, weil ich die Sturzursache nicht finden konnte. Es gab keinen Grund, warum ich genau an dieser Stelle stürzte.

Sie haben einmal gesagt, es sei schlicht Pech gewesen.

Das ist letztlich die Frage. Beim Sturz in Kitzbühel war ein kleiner Haufen der Rutscher die Ursache. Somit hatte sich das schnell erledigt für mich. Jetzt beschäftigte es mich länger, weil ich den Grund nicht kannte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als es einfach zu akzeptieren.

Können Sie nachvollziehen, dass es Aussenstehende nicht verstehen, warum Sie noch weiterfahren?

Absolut. Aber als Aussenstehender könnte man auch der Ansicht sein, dass die Chance auf einen nächsten Sturz nun kleiner geworden ist – rein theoretisch. Wir Abfahrer ticken da ein wenig anders. Sonst würden wir ja gar nie in dieser Sportart landen. Man rechnet mit Stürzen, man unternimmt zwar alles, dass es nicht passiert, doch das Risiko bleibt.

Ein Abfahrer muss bereit sein, auf steilen Eishängen ans Limit zu gehen. Wie bauen Sie nach dem Unfall wieder den nötigen Killerinstikt auf?

Daran habe ich bereits vor dem Sturz intensiv gearbeitet. Es geht darum, Kilometer zu fahren, das Gefühl zu bekommen, dann steigert sich auch das Vertrauen. Bis im Oktober will ich sicher wieder schwierige Passagen fahren, in denen man die volle Kontrolle abgeben muss. Ich kann nicht die ganze Vorbereitung alles kontrolliert fahren und dann Ende November nach Lake Louise fliegen und meinen, ich könnte einen runterlassen.

Sie wollen in Lake Louise wieder am Start stehen?

Auf jeden Fall. Ich bin zuversichtlich. Aber es ist gut möglich, dass noch Details fehlen. Das merke ich letztlich erst, wenn ich in diesen Tagen wieder erstmals auf den Ski bin.

Beim Sturz von 2015 hatten Sie eine posttraumatische Belastungsstörung. Können Sie nun vorbeugen, dass solche Spätfolgen nicht mehr auftreten?

Die Comeback-Saison nach dem Kitzbühel-Sturz verlief ja gut. Anstatt, dass ich mir nach dieser Saison die nötige Ruhe gegönnt hätte, trainierte ich Vollgas. Das war ein Fehler. Doch zu meiner Verteidigung: Es war in keinster Weise voraussehbar, dass etwas im Kopf zurückgeblieben war, das ein Jahr nach dem Sturz wieder ausbrechen könnte. Ich habe daraus gelernt.

Das heisst, Sie sind achtsamer geworden, was körperliche Signale betrifft?

Genau. Ich habe etwa das Konditionstraining umgestellt, die Gesamtbelastung hat höhere Priorität. Früher trainierte ich einfach, es interessierte mich nicht, wenn ich Schmerzen hatte. Vielleicht bin ich ein bisschen Masochist. Jetzt nehme ich Zeichen bewusster wahr.

Sie besuchten die Rettungsflugwacht in Gröden und die Ärztin, die sie auf der Piste versorgte. Wie bedankt man sich bei jemandem, der einem das Leben rettete?

Vorgängig habe ich mich per SMS bedankt, das war schon sehr speziell. Dass ich überhaupt noch hier bin und keine bleibenden Schäden habe, verdanke ich letztlich den Entscheidungen der Ärztin. Es war wichtig für mich, nochmals dorthin zu gehen und mich zu bedanken. Sie hatte richtig Freude, mich zu sehen.

Sie dürften froh sein, wenn es wieder anderes als Verletzungsgeschichten über Sie zu erzählen gibt.

Es ist an der Zeit, damit abzuschliessen. Wahrscheinlich wird es trotzdem die ganze nächste Saison ein Thema sein. Wenn ich ein gutes Ergebnis erzielen sollte, wird die Sturzgeschichte wieder hervorgeholt. Aber dagegen will ich mich gar nicht wehren.

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