Interview

Mariani will aus Dubai in die Nati: «Auf meiner Position bin ich der beste Schweizer!»

Ein Höhepunkt: Mariani bejubelt seinen Treffer in der Europa League gegen Viktoria Pilsen.

Ein Höhepunkt: Mariani bejubelt seinen Treffer in der Europa League gegen Viktoria Pilsen.

Er galt als übersehenes Talent, erst vergleichsweise spät wurde er als 22-Jähriger Profi. Doch seither befindet sich Davide Mariani auf der Überholspur. Der offensive Mittelfeldspieler schwärmt von seinem neuen Klub Shabab Al-Ahli in Dubai und meldet Ansprüche auf ein Aufgebot in die Schweizer Nationalmannschaft an.

Dubai ist eine aufregende und aufstrebende Metropole – aber bestimmt nicht der Nabel der Fussballwelt. Die Stadt in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist seit knapp zwei Monaten die Heimat von Davide Mariani. Der 28-jährige Mittelfeldspieler läuft dort für das Spitzenteam Shabab Al-Ahli auf.

Mariani, Sohn eines Italieners und einer Mexikanerin, kam in Zürich auf die Welt und wurde im Nachwuchs des FCZ gross. Als Einwechselspieler gewann er mit dem Klub 2014 den Cup. Einen Namen machte er sich etwas später, nachdem er den Durchbruch als Profi in der Challenge League beim FC Schaffhausen geschafft hatte, zwischen 2016 und 2018 beim FC Lugano. Dank guter Leistungen, auch in der Europa League, wechselte er im Sommer 2018 zu Levski Sofia, ehe es ihn nach einem Jahr nach Dubai zog.

Davide Mariani, ich habe bei der Vorbereitung auf unser Gespräch gestaunt. Auf Wikipedia gibt es einen Eintrag über Sie in sechs Sprachen – Deutsch gehört nicht dazu. Hat man Sie zuhause vergessen?

Davide Mariani: Das ist mir neu. (lacht)

Auf Bulgarisch gibt es den Eintrag. Dort spielten Sie in der letzten Saison stark. Auch diese Saison begannen Sie noch bei Levski Sofia, wo Sie in sechs Spielen sechs Tore schossen. Wie kam es dann zum Wechsel nach Dubai?

Es geht manchmal sehr schnell im Fussball und es geschehen Dinge, die man so nicht erwartet. Wobei es hinter den Kulissen nicht so schnell geht, wie es den Anschein macht. Mir kommt es gelegen, dass sich mein Berater Dino Lamberti um solche Sachen kümmert, dann kann ich mich auf das Spiel konzentrieren. Irgendwann legte er mir die Details auf den Tisch und fragte mich, ob wir den Wechsel machen sollen. Wir machten es und ich bin überglücklich.

 

Viele Leute in der Schweiz denken wohl: «Aha, der lässt jetzt mit 28 Jahren schon die Karriere an der Sonne ausklingen, verdient viel Geld und kann das Leben in einer aufregenden Stadt geniessen.» Was entgegnen Sie diesen?

Diesen Leuten sage ich gar nichts. Ich habe aber auch nur ein, zwei solche Reaktionen erhalten. Alle anderen waren sehr positiv. Aber ich verstehe die Frage voll und ganz. Das war anfangs ja auch meine Wahrnehmung, so ehrlich bin ich. Schon vor zwei Jahren gab es Diskussionen über einen Wechsel zu Al-Ahli. Ich zögerte damals keine Sekunde und sagte: «Nein, sicher nicht!» Das klang für mich nach Karriereende.

Nun haben Sie Ihre Meinung offensichtlich revidiert.

Ja, man informiert sich ja auch, wenn ein Transfer möglich ist. Ich muss ein bisschen ausholen. Für mich gibt es verschiedene Arten von Fussballprofis. Solche wie Antoine Griezmann oder Sergio Ramos, die eine Weltkarriere einschlagen. Man kann Nati- und Arsenal-Captain werden wie Granit Xhaka. Eine Option ist es auch, seine Karriere in der Super League und Challenge League zu verbringen, was wohl für 95 Prozent der Schweizer Fussballer zutrifft.

Und dann gibt es die Möglichkeit, dass du vielleicht nicht in der Premier League oder einer weltberühmten Mannschaft spielen kannst, aber trotzdem deinen Weg gehst und Erfüllung findest. Und das habe ich. Das können nicht viele von sich behaupten. Dieser Wechsel nach Dubai ist ein ganz grosser Schritt in meiner Karriere.

Der Transfer in die Vereinigten Arabischen Emirate ist für Sie also das Gegenteil vom «bezahlten Karriereende».

Absolut. Vielleicht denken viele an Sonne und Strand, aber hier geht es um Fussball. Ich bin in einer Mannschaft, in der bis vor zwei Jahren Everton Ribeiro gespielt hat. Der spielte bei Shabab Al-Ahli und wurde während dieser Zeit für die brasilianische Nationalmannschaft aufgeboten. Das muss man sich einmal vorstellen!

Ganz ehrlich: Ich warte jetzt auf ein Aufgebot für die Schweizer Nati. Wenn ein Brasilianer von hier ins Nationalteam gehen kann, wieso nicht auch ich? Man muss sich im Klaren sein: Das ist wirklich eine Top-Adresse. Wir spielen in der asiatischen Champions League, wir spielen um jeden Titel, den es zu gewinnen gibt.

Reden wir später über die Nati und zunächst über Ihre neue Heimat. Aufregend ist das Leben in der Metropole Dubai in jedem Fall. Hatten Sie schon Zeit, um die grossen Touristenattraktionen zu besuchen, etwa den Burj Khalifa, das höchste Gebäude der Welt?

Ich habe noch nicht viel gesehen von der Stadt. Wenn du Fussballer bist, ändert sich am Beruf nicht viel, ob du in einer Weltstadt lebst, am Strand oder wo auch immer. Das Leben als Fussballer ist im Prinzip immer das gleiche. So wie ich als Profi lebe, veränderte sich für mich nicht viel, meine Routinen blieben gleich. Individuell trainiere ich noch mehr als früher, ich habe hier nochmals einen Zacken zugelegt. Aber klar, für die freien Tage habe ich hier mehr Optionen, ich war auch schon am Meer. In Sofia wusste ich manchmal nicht viel mit der Freizeit anzufangen, weil man dort nicht so viele Attraktionen besuchen kann wie hier. Ich warte, bis es ein wenig kühler ist, und freue mich, um dann mit Familie und Freunden etwas zu unternehmen.

Sie schwärmen von Ihrem neuen Klub. Wie sehen denn die Rahmenbedingungen aus? Ist das alles topmodern?

Der Klub ging aus der Fusion dreier Klubs hervor, deshalb benutzen wir auch verschiedene Einrichtungen. In ein, zwei Wochen wird das Gelände von Al-Ahli nach einem Umbau eröffnet. Ich war schon da und das ist dann wirklich top, top, top. Ich freue mich schon darauf. Von so etwas habe ich vor dem Wechsel gar nicht geträumt, das konnte ich mir nicht vorstellen.

Präsident des Klubs ist Scheich Hamdan bin Muhammad bin Raschid Al Maktum, der Erbprinz von Dubai. Er lässt sich offenbar nicht lumpen.

Ja, wir haben wirklich für alles, was man braucht, Spezialisten. Man muss sich um gar nichts kümmern, alles wird einem abgenommen. Physiotherapie, Regenerationszentrum, das sind Dinge, die für mich als Spieler sehr wichtig sind. Ich nutze das auch alles, es macht mir Freude, wenn ich den Körper immer auf 100 Prozent halten kann. Du kannst rund um die Uhr davon profitieren. Unser Präsident hat alles unter Kontrolle, er gibt dem Team wirklich alles, was es braucht. Kein Einziger hat Grund, sich zu beklagen. Da habe ich eine lustige Anekdote.

Nur zu, sehr gerne!

Ich wusste ja nicht, was mich erwartet. Während des Flugs zur Vertragsunterzeichnung fragte ich meinen Berater, ob ich meine Trainingskleider selber waschen müsse oder ob es jemanden gebe, der das macht. Er liess mich absichtlich etwas zappeln, sagte, das wisse er auch noch nicht. Es stellte sich dann heraus, dass es ungefähr vier Angestellte hat, die sich von frühmorgens bis spätabends um unser Material kümmern.

Das wusste ich alles nicht, ich kannte auch die Stadt Dubai nicht. Ich wechselte hierhin, weil der Klub ambitioniert ist und ich vorwärtskommen und Titel gewinnen kann. Ich muss sportlich erfüllt sein, sonst nützen auch die schönste Wohnung und das schönste Auto nichts.

Dass Trainer Rodolfo Arruabarrena Argentinier ist, kommt Ihnen sicher zugute. Mit ihm können Sie sich auf Spanisch unterhalten. Wie sieht es mit den Mitspielern aus? Erlaubt sind nur vier Ausländer pro Team, fast alle sind also Einheimische.

Ich rede zwar Spanisch mit dem Trainer, aber ich verstehe nicht immer alles. Argentinisch ist ein bisschen anders als mein Spanisch. (lacht) Der Assistent spricht Italienisch, das bin ich mir von meiner Zeit in Lugano noch gewohnt. Die anderen Ausländer sind zwei Brasilianer und ein Argentinier, mit ihnen unterhalte ich mich auf Spanisch. Mit den Einheimischen sprechen wir Englisch, die können das alle recht gut.

Kam wie Mariani neu: Leonardo, der mit Partizan Belgrad 2017 das Double gewann und Torschützenkönig in Serbien wurde.

Kam wie Mariani neu: Leonardo, der mit Partizan Belgrad 2017 das Double gewann und Torschützenkönig in Serbien wurde.

Und wie sieht das Teamleben aus?

Die ganze Kultur ist schon ein wenig anders als bei meinen früheren Mannschaften. Aber ich muss sagen: Ich verspürte noch nie so einen einfachen Mix. Die Einheimischen akzeptieren und integrieren uns Ausländer sehr gut und unternehmen mit uns auch etwas. Ich habe gehört, das sei bei anderen Teams in der Liga nicht so. Deshalb bin ich glücklich.

Eine Umstellung ist bestimmt das Wetter. Momentan brennt die Sonne in Dubai mit um die 40 Grad und selbst nachts geht das Thermometer nicht unter die 30-Grad-Grenze. Wann trainieren Sie und wie intensiv kann man überhaupt Sport treiben bei dieser Hitze?

Tagsüber kannst du kaum ins Freie, weil es wirklich sehr heiss ist. In der Sonne ist es unerträglich. In Sofia ging ich viel laufen, das wollte ich hier auch. Aber ich merkte sehr schnell: Das wird nichts. (lacht) Wir trainieren jeweils ab 19.30 Uhr, aber auch dann sind es noch 35 Grad und hinzu kommt eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit. Ein Sprint entspricht fünf Sprints in der Schweiz. Ich bin immer noch daran, mich anzugewöhnen.

Es ist jedoch spannend, zu sehen, wie sich dein Körper anpassen kann. Wenn in der Schweiz mal über 30 Grad vorhergesagt wurden, sprach man die ganze Woche darüber, wie heiss es werden würde, dass man sich abkühlen und viel trinken müsse. Für mich klingt das jetzt wie ein Witz, das ist eine andere Dimension hier in Dubai. Vier, fünf Liter Wasser trinke ich wohl am Tag, das ist ein Muss, um Leistung erbringen zu können. Im Oktober und November soll es kühler werden. Da werden es zwar immer noch 30 Grad sein, aber ich denke, das spüre ich dann schon. Denn ob 30 oder 40 Grad, das ist doch nochmals eine andere Geschichte.

Handschuhe wie im Tessin braucht Mariani in Dubai ganz sicher nicht.

Handschuhe wie im Tessin braucht Mariani in Dubai ganz sicher nicht.

Sie schwärmen sehr von Ihrem neuen Klub, aber Hand aufs Herz: Das Geld war bestimmt auch kein Hinderungsgrund für den Wechsel. Aus Bulgarien heisst es, Sie würden neu mehr als eine Million Franken im Jahr verdienen. Können Sie nun ernten, was Sie in all der Zeit in die Karriere investiert haben?

Meine Freunde und Familie haben auch von diesem Betrag gelesen, ich sagte ihnen dasselbe wie Ihnen: Kein Kommentar. Was ich verdiene, das wissen drei Leute: Das sind ich, mein Berater und der Präsident. Doch es stimmt, ich sehe es auch so, dass ich nun etwas zurückerhalte für alles, was ich bislang geleistet habe, um an diesen Punkt zu kommen.

Nach dem Motto «Von nichts kommt nichts».

Genau. Wenn man sich meinen Weg anschaut, dann wurde mir nie etwas geschenkt, wirklich nichts. Ich war im Nachwuchs einer, der sich selber immer als Jahrgangsbester angesehen hat, vom Verein aber stets mit Vorurteilen abgestempelt wurde. Da hiess es dann: «Mariani ist langsam», «Mariani ist dick», «Mariani ist zu direkt» oder was weiss ich. Alles, was ich als Fussballer erreicht habe, habe ich selber erarbeitet und ich bin sehr stolz auf mich.

Profi wurden Sie vergleichsweise spät, erst mit 22 Jahren.

Bei mir lag das System völlig daneben. Auf Schweizer Fussballplätzen hat in der Zwischenzeit jeder gesehen, was ich kann. Ich habe es allen bewiesen, ich habe zig Mäuler gestopft. Doch ich bin diesen Leuten dankbar, die nicht an mich geglaubt haben. Denn ich glaube, so habe ich mir auch Motivation geholt, es ihnen zu zeigen. Wenn ich zurückblicke: Ich würde nichts anders machen. Würde mich ein junger Fussballer um Rat fragen, würde ich ihm sagen: «Bleib du selber, geh deinen Weg und wenn du wirklich gut bist, wird sich dir eine Türe öffnen.»

Ich habe meinen Weg gemacht und bewiesen, wer ich bin. Ich kann deshalb mit Sicherheit sagen: Diese Leute lagen damals falsch. Sie haben es nicht gesehen oder haben, ganz einfach gesagt, keine Ahnung. Ich bin keiner, der sagt, er habe mal im Nachwuchs des FC Zürich gespielt und sei jetzt nur beim FC Unterstrass, weil man sein Talent nicht erkannt hat. Denen sage ich, ich erzähle dir jetzt eine andere Geschichte. Die eines Fussballers, der zwei Jahre lang der beste Mittelfeldspieler der Super League war, überall gut war, Tore erzielt und Assists gegeben hat.

Ein Höhepunkt: Mariani bejubelt seinen Treffer in der Europa League gegen Viktoria Pilsen.

Ein Höhepunkt: Mariani bejubelt seinen Treffer in der Europa League gegen Viktoria Pilsen.

Sie haben vorhin die Schweizer Nationalmannschaft angeschnitten. Wie stehen Sie zum Thema?

Ich vermisse einfach den Mut vom Verband. Es ist ja schön und gut, wie der Trainer seine Spieler auswählt. Aber irgendwann muss man doch mal sagen, dass jene Spieler aufgeboten gehören, die immer und konstant spielen. Andere Nationen machen das auch so.

Wenn die Schweizer Funktionäre sich wirklich für ihre Spieler im Ausland interessieren, dann müssten sie sehen, dass es da einen Mariani gibt, der in einem Topklub in den Arabischen Emiraten spielt, in der asiatischen Champions League, und der auch wirklich spielt, Woche für Woche. Ich sage Ihnen: Es gibt keinen Spieler in der Schweiz, der so gut ist auf meiner Position wie ich! Den gibt es nicht.

Im offensiven Mittelfeld ist derzeit in der Tat eine Baustelle auszumachen in der Nati.

Ich will niemandem zu nahe treten, ich müsste den Beweis ja auch erbringen, falls es dazu kommen sollte. Aber da mache ich mir keine Sorgen. Wer weiss, vielleicht ergibt sich etwas.

Unter Pierluigi Tami war Mariani in Lugano unumstrittener Stammspieler. Heute ist der Ex-Trainer Direktor der Schweizer Nationalteams.

Unter Pierluigi Tami war Mariani in Lugano unumstrittener Stammspieler. Heute ist der Ex-Trainer Direktor der Schweizer Nationalteams.

Es hat sich ja unlängst etwas verändert, das für Sie gut sein könnte. Pierluigi Tami, unter dem Sie in Lugano Stammspieler waren, ist neu Direktor der Nationalmannschaft und somit Chef von Trainer Vladimir Petkovic. Haben Sie mit Tami noch Kontakt?

An solche Sachen glaube ich nicht. Tami hat derzeit andere Baustellen, als Petkovic Spieler vorzuschlagen. (lacht) Ich bin mit ihm in Kontakt geblieben, wir pflegten eine sehr gute Beziehung und ich habe ihm zum neuen Job gratuliert. Ich muss meine Leistung erbringen und so auf mich aufmerksam machen. Ich freue mich auf die Champions League und möchte Titel gewinnen. Mein Glück hängt nicht davon ab, ob ich in der Schweizer Nati spielen kann oder nicht.

An Selbstbewusstsein fehlt es Davide Mariani definitiv nicht. Den ersten Titelgewinn mit dem neuen Klub verpasste er aber. Shabab Al-Ahli verlor am Samstagabend den Supercup gegen Meister Al-Sharjah nach torlosem Spiel im Penaltyschiessen. Mariani wurde in der 62. Minute ausgewechselt. Am Wochenende beginnt in den Vereinigten Arabischen Emiraten die Meisterschaft.

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