National League

Meisterliche «Wegwerf-Trainer» – Ist Kossmann der nächste, der einen Titel gewinnt weil er geht?

Hans Kossmann könnte die ZSC Lions heute Samstag als Trainer zum Meister machen.

Hans Kossmann könnte die ZSC Lions heute Samstag als Trainer zum Meister machen.

Eishockeytrainer wie Hans Kossmann, die wissen, dass sie Ende Saison so oder so gehen müssen, sind erfolgreicher. Ist das nur ein Mythos? Bisher mussten jedenfalls sechs Trainer der National League den Verein nach dem Meistertitel verlassen.

Verschenktes Geld. Ja, die Nationalliga-Klubs verschenken pro Saison gut und gerne eine halbe Million Franken. Weil sie die Trainer mit Mehrjahresverträgen anstellen. Und dann vor der Zeit entlassen. Kloten muss beispielsweise den gefeuerten Kevin Schläpfer noch zwei weitere Jahre löhnen.

Dabei sind Trainer, die wissen, dass sie Ende Saison gehen müssen, viel erfolgreicher. Hans Kossmann ist drauf und dran, für die ZSC Lions die Meisterschaft zu gewinnen. Er hat schon bei seiner Anstellung im Dezember gewusst, dass er nur bis zum Saisonende in Zürich bleiben kann. Weil der neue Trainer (Serge Aubin) schon mit einem Zweijahresvertrag verpflichtet worden ist.

Das Negativ-Beispiel Constantin

Warum also Mehrjahresverträge? Warum nicht bloss Verträge für eine Saison? Die Frage geht an ZSC-Manager Peter Zahner. Er stellt gleich eine Gegenfrage: «Sie können auch fragen, warum überhaupt Verträge für eine ganze Saison? Warum nicht bloss ganz gewöhnliche, auf drei Monate kündbare Arbeitsverträge?»

Er gibt die Antwort gleich selber: «Weil es nicht möglich ist. Gute Trainer bestehen auf Mehrjahresverträgen. Das hat sich über die Jahre so entwickelt. Wenn wir also einen guten, erfahrenen Trainer mit einem Leistungsausweis wollen, dann geht das nur, wenn wir ihm mindestens zwei Jahre anbieten.» Heute betrage die durchschnittliche Vertragsdauer eines Hockey-Trainers zwei Jahre.

Playoff-Final 2017/18: ZSC - Lugano Spiel 4, Highlights

Peter Zahner räumt ein, dass es auch anders gehe. «In Sion bekommt kein Trainer einen Mehrjahresvertrag. Aber welche Trainer bekommt Christian Constantin noch?» Wer einen Einjahresvertrag akzeptiere, sei in der Regel dringend auf einen Job angewiesen oder bekomme nirgendwo einen Mehrjahresvertrag. Und tatsächlich ist Sion ein sportliches Lotterteam geworden.

Inzwischen hat Christian Constantin mit seinen billigen «Wegwerf-Trainern» auch die Seele des Sportunternehmens verloren: Der FC Sion hat 2017 zum ersten Mal den Cupfinal verloren (0:3 gegen Basel). Zuvor hatte Sion 13 Mal das Endspiel erreicht – und jedes Mal gewonnen.

Kein Wunder sagte der ehemalige Meister- und Nationaltrainer Rolf Fringer einmal auf die Frage, ob er eigentlich einen Job beim FC Sion annehmen würde: «Nein. Ein verlängertes Wochenende im Wallis kann ich noch selber bezahlen …»

Kann anders auftreten

Aber im Eishockey fällt auf, wie oft Trainer erfolgreich sind, die schon wissen, dass sie gehen müssen. Meisterliche «Wegwerf-Trainer» also. Wer sowieso nicht bleiben darf, muss keine politischen und sonstigen Rücksichten mehr nehmen und kann ganz anders auftreten.

Peter Zahner widerspricht der These vom meisterlichen «Wegwerf-Trainer»: «Ich halte das weitgehend für einen Mythos.» Er kennt beide Seiten. Er war früher Trainer, später jahrelang Verbandsdirektor und Chef des Nationaltrainers und trägt heute die Gesamtverantwortung für die ZSC Lions.

Auf den ersten Blick sei die Theorie einleuchtend, ein Trainer, der nichts mehr zu verlieren habe, mache seinen Stars ganz anders Feuer unter dem Hintern. «Aber in Wirklichkeit ist es nicht so. Jeder Trainer versucht aus den Spielern, die ihm zur Verfügung stehen, ein Maximum herauszuholen. Das ist sein Job.» Dabei spiele es keine Rolle, wie lange sein Vertrag laufe. Kein Trainer nehme bei der Matchvorbereitung oder während des Spiels politische oder andere Rücksichten.

SC-Bern-General Marc Lüthi sieht es gleich wie Peter Zahner. Und das will etwas heissen: Er ist SCB-Mitbesitzer und hat keinen Mäzen, der Ende Jahr das Defizit bezahlt wie Peter Zahner mit Walter Frey.

Es ist einfacher, einer Löwin das Junge zu entreissen, als Marc Lüthi einen Franken abzuknöpfen. Es ist «sein» Geld, wenn er einen Trainer entlassen und weiterhin bezahlen muss. Bei ihm müsste die Versuchung also besonders gross sein, Einjahresverträge auszustellen.

Ein gutes oder schlechtes Omen?

Der spektakulärste Titelgewinn ist dem SCB im Frühjahr 2016 vom 8. Platz aus mit einem «Wegwerf-Trainer» gelungen. Gleich beim Playoff-Start ist Lars Leuenberger mitgeteilt worden, dass er Ende Saison gehen muss. Weil sein Nachfolger (Kari Jalonen) schon bestimmt war.

Trotzdem befürwortet Marc Lüthi den Mehrjahresvertrag: «Wenn wir einen Trainer anstellen, dann streben wir eine längerfristige Zusammenarbeit an.» Eine Einschränkung gebe es allerdings schon. «Bei uns beträgt die maximale Vertragsdauer zwei Jahre, und wenn wir mit der Arbeit sehr zufrieden sind, ist eine Verlängerung um weitere zwei Jahre möglich.»

Was die Berner ja soeben bei Kari Jalonen so gehalten haben: Sie holten den finnischen Erfolgstrainer im Sommer 2016 mit einem Zweijahresvertrag und haben jetzt bis 2020 verlängert.

Beispiel, das Zahners These stützt

Es gibt ein Beispiel, das Peter Zahners These stützt, es habe keinen Einfluss, wenn der Trainer wisse, dass er Ende Saison gehe. Serge Aubin weiss seit Ende Dezember, dass er nach der Saison Wien verlassen und mit einem Zweijahresvertrag zu den Lions wechseln wird.

Er ist mit den Vienna Capitals als Titelverteidiger im Halbfinal gescheitert. Manche sagen, kläglich gescheitert. Nun wissen wir nicht, ob das für seine ZSC-Zukunft ein gutes oder ein schlechtes Omen ist.

Bisher sechsmal musste ein Trainer in der NLA seinen Verein direkt nach dem Meistertitel verlassen

SC BernMeister 2016 Er kam während der Saison für Guy Boucher. Wurde ersetzt durch Kari Jalonen.

Lars Leuenberger

SC BernMeister 2016 Er kam während der Saison für Guy Boucher. Wurde ersetzt durch Kari Jalonen.

ZSC LionsMeister 2008 Er unterschrieb mangels Angebot der Lions vor Saisonende bei Düsseldorf.

Harold Kreis

ZSC LionsMeister 2008 Er unterschrieb mangels Angebot der Lions vor Saisonende bei Düsseldorf.

HC LuganoMeister 2006 Er übernahm während der Playoffs von Larry Huras. Wechselte zu den ZSC Lions.

Harold Kreis

HC LuganoMeister 2006 Er übernahm während der Playoffs von Larry Huras. Wechselte zu den ZSC Lions.

SC BernMeister 2004 Er hatte sich hoffnungslos mit dem Management verkracht und somit keine Zukunft.

Kent Ruhnke

SC BernMeister 2004 Er hatte sich hoffnungslos mit dem Management verkracht und somit keine Zukunft.

ZSC LionsMeister 2000 Differenzen mit dem Management führten zur Trennung trotz dem Meistertitel.

Kent Ruhnke

ZSC LionsMeister 2000 Differenzen mit dem Management führten zur Trennung trotz dem Meistertitel.

EHC KlotenMeister 1996 Der Finne musste gehen, obwohl er die Flieger zum vierten Titel in Serie coachte.

Alpo Suhonen

EHC KlotenMeister 1996 Der Finne musste gehen, obwohl er die Flieger zum vierten Titel in Serie coachte.

Meistgesehen

Artboard 1