Olympia-Serie
Mit dem Bike den Berg runter: Diese Liebe führt Weltklasse-Snowboarder Galmarini an seine Grenzen

Es ist mit Nevin Galmarini ein wenig wie mit dem Huhn und dem Ei. Wenn der Bündner Weltklasse-Snowboarder sagt, er sei im Winter ebenso kribbelig auf die nächste Mountainbike-Tour wie im Sommer auf den Start der Snowboard-Saison, dann stellen sich Fragen nach dem Kreislauf seines sportlichen Lebens.

Rainer Sommerhalder
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Nevin Galmarini auf wilder Abfahrt bei den Rocky Mountain Trail Games in St. Moritz.

Nevin Galmarini auf wilder Abfahrt bei den Rocky Mountain Trail Games in St. Moritz.

Natürlich sind die Rollen klar verteilt – hier der Beruf als Alpin-Snowboarder mit Medaillenchancen in Pyeongchang, dort das intensive Hobby. Leidenschaft entfachen beide Sportarten.

Elegant, mit einer anmutig wirkenden Lockerheit, steuert der 30-Jährige sein vollgefedertes Bike oberhalb von St. Moritz den Berg hinunter. Es ist der zweite von drei Tagen der Rocky Mountain Trail Games, einer Fun-Veranstaltung mit starkem Akzent beim Downhill. Zusammen mit seinem älteren Bruder Arno, der gleichzeitig sein Konditionstrainer ist, bestreitet er diesen Wettkampf, der aus verschiedenen Stationen mit Geschicklichkeits- und Spass-Prüfungen besteht.

Heisshunger um zwei Uhr nachts

Doch Galmarini kann auch anders. 2016 bestritt der in Ardez im Unterengadin beheimatete Snowboarder zusammen mit Skicrossfahrer Alex Fiva das Bikerennen Swiss Epic. Zwar «nur» in der sogenannten Flow-Kategorie, welche ihn von den härtesten Aufstiegen befreite.

Doch der über sechs Tage und rund 300 Kilometer im hochalpinen Gelände führende Anlass führte ihn auch so ans Limit. «Dieser Wettkampf brachte mich körperlich so stark an den Anschlag wie noch im Leben. Am ersten Abend hatte ich das Gefühl, dass ich am nächsten Tag unmöglich wieder aufs Bike steigen könne. Nachts um zwei Uhr erwachte ich aus Hunger, derart viel Energie kostete das Rennen.»

Galmarini spricht noch immer mit höchster Ehrfurcht vom Ausflug in den Mountainbike-Wettkampfsport. «Aber letztlich hat mich diese Erfahrung noch einmal stärker als Snowboarder gemacht», behauptet er.

«Am ersten Abend hatte ich das Gefühl, dass ich am nächsten Tag unmöglich wieder aufs Bike steigen könne.» Nevin Galmarini

«Am ersten Abend hatte ich das Gefühl, dass ich am nächsten Tag unmöglich wieder aufs Bike steigen könne.» Nevin Galmarini

KEYSTONE/EPA EFE/JULIO MUNOZ

Seine Passion auf zwei Rädern ist wie beim Snowboarden das Runterfahren. «Am liebsten fahre ich mit dem Bike auf einen Berg und suche mir dann eine technisch anspruchsvolle und wilde Abfahrt ins Tal.» Diese Momente bescheren ihm Glücksgefühle.

Richtige Downhill-Rennen hingegen fährt er nicht. Einerseits schwingt so kurz vor den Olympischen Spielen Respekt vor einer möglichen Verletzung mit, denn auch auf dem Bike kann sich der Silbermedaillengewinner der Winterspiele von Sotschi im Wettkampf nur schwer zurückhalten. Und zweitens seien die richtigen Bike-Spezialisten dann halt doch ein wenig schneller als er, «auch wenn ich ganz ordentlich ins Tal fahre».

Nevin Galmarini sieht seine zwei bis vier Bike-Touren pro Woche bewusst nicht als Teil des Trainingsprogramms. «Es geht mir ganz und gar nicht um den Leistungseffekt, sondern ums Feeling. Es ist eine wirkliche Leidenschaft.» Im letzten Frühjahr war diese so gross, dass der 30-Jährige nach der Weltmeisterschaft noch während der Saison den schneearmen Winter im Engadin zu einer ersten Bike-Tour nutzte.

Mutproben als Mentaltraining

Synergien zu seinem Wettkampfsport bietet das Biken dennoch. Das Gleichgewichtsgefühl auf dem Board hilft ihm auch auf dem Rad, die gelegentlich erforderlichen Mutproben beim Downhill verwendet er fürs Mentaltraining. «Ich mache mir das Adrenalin, das eine Abfahrt mit dem Bike benötigt, zunutzen. Ich rufe ganz bewusst ab, wie ich in Stresssituationen reagiere», sagt der Bündner Snowboard-Profi.

Denn wenn es ums Training geht, kennt Galmarini keine Halbheiten. Erst recht, wenn ein Grossanlass wie die Olympischen Spiele vor der Tür steht. «Da bin ich bei jedem Training mit dem Kopf voll bei der Sache. Und ich frage mich ständig, wo ich mich noch in der Komfortzone befinde», sagt der Engadiner. Die definitive Antwort darauf erhält er in Pyeongchang.