Wegen Ermittlungen

Mit der Lichtgestalt Franz Beckenbauer verliert auch der Sport seine Unschuld

Die WM 2006 holte Franz Beckenbauer nach Deutschland. Viel Freude hat er daran nicht mehr. key

Die WM 2006 holte Franz Beckenbauer nach Deutschland. Viel Freude hat er daran nicht mehr. key

Die Bundesanwaltschaft ermittelt im Zusammenhang mit der WM 2006 gegen Franz Beckenbauer. Es ist der Tag, an dem auch der Sport definitiv, für immer und für alle sichtbar seine Unschuld verloren hat.

Und jetzt auch noch Du, heiliger Franz. Dahin ist unsere letzte Lichtgestalt. Michael Franck schrieb vor mehr als 300 Jahren Kirchenlieder. Aber er kannte sich auch in der Welt aus und reimte:

Ach wie flüchtig, ach wie nichtig

Ist der Menschen Ehre

Über den, dem man hat müssen

Heut die Hände höflich küssen,

Geht man morgen gar mit Füssen!

Joâo Havelange war es noch vergönnt, in Ehren alt zu werden. Als letzter Vertreter einer Generation, die allmächtig schien und jedes böse Gerücht, ja sogar jeden Versuch einer Anklage wegzulächeln oder, bei Bedarf, wegzudrohen vermochte. Der Brasilianer war der Architekt des Systems Fifa, wie wir es nun kennen. Ziehvater von Sepp Blatter. Er ist während der Olympischen Spiele im Alter von 100 Jahren gestorben.

Titanen des Sports als letzte Lichtgestalten

Längst sind die Mächtigen der Politik aus dem Himmel gefallen. Sogar Staatsoberhäupter räumen unfreiwillig Thron oder Büro. König Eduard VIII. musste abdanken, weil er mit Wally Simpson eine geschiedene Amerikanerin ehelichte. Richard Nixon kam durch Rücktritt einem Amtsenthebungsverfahren zuvor. Elisabeth Kopp, unsere erste Bundesrätin, verlor ihr Amt am Telefon. In frischer Erinnerung ist uns der Sturz des deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff. Und soeben ist die brasilianische Staatspräsidentin Dilma Rousseff des Amtes enthoben worden.

Die Titanen des Sportes sind uns als letzte Lichtgestalten geblieben. Weisse Ritter. Weltweit verehrt wie die Eiskönigin Katarina Witt oder Pelé, zum Ritter geschlagen wie der Läufer Sebastian Coe, allseits beliebt wie Toni Sailer, Jean-Claude Killy, Wayne Gretzky, Bernhard Russi oder Köbi Kuhn.

Gerade im Deutschland der Nachkriegszeit sind Fussballhelden zu Fixsternen am Firmament der Öffentlichkeit geworden. Sepp Herberger, Fritz Walter, Helmut Schön, Uwe Seeler, Günter Netzer – und über allen Franz Beckenbauer. Kaiser. Lichtgestalt. Legende. Leuchtturm. Weltmeister als Spieler. Weltmeister als Trainer. Gallionsfigur der WM 2006 in Deutschland. Neben Altkanzler Helmut Schmidt die personifizierte Glaubwürdigkeit.

Beckenbauer schien über den Dingen zu stehen. Wenn der Kaiser sagte, alles sei in bester Ordnung, beispielsweise rund um die WM 2006, dann glaubten ihm auch alle. Selbst die Enthüllungen des Magazins «Der Spiegel» rund um die Vergabe dieser WM nach Deutschland vermochten dem Kaiser noch nichts anzuhaben. Und der «Spiegel» gilt als Sturmgeschütz der Demokratie. Wer könnte ihm etwas übel nehmen?

Ja, wer? Die Schweizerische Bundesanwaltschaft. Ausgerechnet. Lagen doch schon die alten Eidgenossen mit den Kaisern des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation übers Kreuz und griffen ungeniert zu den Hellebarden. 500 Jahre nach dem «Schwabenkrieg» sind die Schweizer drauf und dran, den letzten deutschen Kaiser zu stürzen.

Die Zeiten ändern sich

Was ist los? Ganz einfach: Tempora mutantur nos et mutamur in illis – «Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen». Bis weit in die 1980er-Jahre hinein vermochte das Geld die Strahlkraft der sportlichen Lichtgestalten nicht zu trüben. Beckenbauer ist der berühmteste Vertreter der letzten in vermeintlicher Unschuld aufgewachsenen Sport-Generation. Gross geworden in einer Zeit, als der Fussball, der Sport noch nicht das Big Business von heute waren.

Nun fallen die Götter dieser Generation aus dem Himmel. Sie fallen aus der Zeit. Die Spannung zwischen dem, was sie waren, was sie heute sind und was sie gerne sein würden, ist zu gross geworden. Vielleicht ist ja dieser oder jener tatsächlich ein Beelzebub. Aber wahrscheinlicher ist etwas anderes. Wer Erfolg hat, hat auch recht. Ist es das, was zum Glauben verführte, dass gewisse Regeln, Sorgfalt, Transparenz und Redlichkeit im Umgang mit anvertrauten Geldern nur für die Mehrheit gelten? Eine kleine Sünde heckte, deckte und weckte die andere. Und auf einmal ist die Sünde gross.

So überraschend kommt das Ungemach für den Kaiser allerdings nicht. Schon seit längerer Zeit sind Sportstars für die Strafverfolger nicht mehr tabu. Valentino Rossi ist in einen Steuerskandal geraten, Lionel Messi auch. Die Fussball-Sonnenkönige Sepp Blatter und Michel Platini haben alle Ämter verloren. Beckenbauers Freund Uli Hoeness durfte soeben das Gefängnis verlassen. Der heisse Atem der Wirklichkeit.

Der Ruhm, der den Helden des Sportes so lange Schutz und Schild war, ist in der Welt von heute zum Vergrösserungsglas geworden. Für die Medien und erst recht für eifrige, fleissige Strafverfolger. Ihnen winkt als Siegerpreis ein bisschen Öffentlichkeit. Der Tag der Eröffnung eines Verfahrens gegen Beckenbauer markiert eine Zeitenwende. Es ist der Tag, an dem auch der Sport definitiv, für immer und für alle sichtbar seine Unschuld verloren hat.

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