Biathlon-WM
Unser Schweizer Hoffnungsträger: Eine Reise ans andere Ende der Welt macht Benjamin Weger zum Medaillenanwärter

Im letzten Winter brach der Schweizer Teamleader die Saison mit reichlich Frust im Bauch abrupt ab. Nun steigt der 31-jährige Oberwalliser nach einem mentalen Neustart so stark wie nie in seine zehnte Weltmeisterschaft. Und er verblüfft sogar seinen neuen Trainer.

Rainer Sommerhalder
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Benjamin Weger sagt vor der WM:« Ich spüre keinen Druck. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen».

Benjamin Weger sagt vor der WM:« Ich spüre keinen Druck. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen».

Bild: Christian Einecke/Imago Images

Vor genau 12 Monaten zog Benjamin Weger den Stecker. Mitten in einem Winter mit grossen Ambitionen und vielen Rückschlägen brach der seit Jahren beste Schweizer Biathlet die Saison nach der Weltmeisterschaft ab und reiste mit seiner Lebensgefährtin für mehrere Wochen ans andere Ende der Welt.

«Ich musste das tun, bevor ich den Spass am Biathlon ganz verloren hätte. Das war rückblickend die beste Entscheidung als Athlet seit langem», erklärt der 31-Jährige in einer Videoschaltung aus Pokljuka. Auf der slowenischen Hochebene beginnt am Mittwoch die WM mit der Mixed-Staffel. Weger plant Starts in allen sieben Rennen, weiss um seine Topform und setzt sich dennoch nicht unter Druck. «Alles, was jetzt noch kommt, ist Zugabe», sagt er.

Vor einem Jahr war die Stimmungslage ganz anders. Benjamin Weger wollte nach der konstantesten Saison seiner Karriere im Winter zuvor aufs Ganze, investierte noch mehr ins Training und absolvierte als Vorbereitung mehrere Höhentrainingslager. Dadurch geriet der Läufer mit dem markanten Bart in ein Übertraining, von dem er sich nie richtig erholte. Auch vor der WM musste er sich eingestehen, nicht im klaren über sein Leistungsvermögen zu sein.

Schneller im Schiessstand dank drei Schritten zurück

Anstatt Podestplätze gab es damals viel Frust. Die ausgedehnten Ferien in Neuseeland dienten einerseits dazu, erstmals seit Jahren ganz vom Biathlon abzuschalten. Andererseits weckten sie wieder die Motivation und Freude für die Sportart, in der Weger bereits im Juniorenalter zu den Besten der Welt gehörte.

Man muss im Sport manchmal drei Schritte rückwärts machen, um vorwärts zu kommen. Diese Weisheit wandte der Oberwalliser vor diesem Winter in zweifacher Hinsicht an. Nebst dem mentalen Neustart überzeugte ihn der neue Trainer Alexander Wolf auch von einer anderen Herangehensweise im Schiessstand.

Zwar gehört Benjamin Weger seit mehreren Saisons zu den zuverlässigsten Schützen, aber nicht zu den Schnellsten. Auf seiner inneren Hatz, den ersten Podestplatz im Weltcup seit Februar 2012 zu holen, wollte er unbedingt das Liegendschiessen mit einer schnelleren Schussabfolge optimieren. Doch anstatt Zeit zu gewinnen, verlor Weger mit vermehrten Fehlschüssen solche.

Weger fühlt sich nach dem Podestplatz befreit

Mit der klaren Devise «Treffer vor Zeit» nahm der Olympia-Sechste von Pyeongchang diese Saison in Angriff. Der Plan von Trainer Wolf ging auf: Wenn Automatismen erst greifen, kommt die Schnelligkeit von selbst. Weger holte sich am Schiessstand zunehmend Sicherheit und Selbstvertrauen.

Bei seinem dritten Platz im Januar beim Massenstart-Rennen in Oberhof gehörte der Walliser auf einmal zu den schnelleren Schützen im Feld. «Benji legt nun Schiesszeiten hin, die ich nicht für möglich gehalten habe», sagt Wolf. «Alexander hat mir geholfen, indem er mit mir darüber diskutierte, wie er selbst die Tiefs in seiner Karriere überwunden hat», sagt Weger. «Seine Erfahrungen haben mich weitergebracht».

Unmittelbar vor der WM bilanziert der nunmehr fünffache Weltcup-Podestläufer für sich: «Es passt im Kopf, die verschiedenen Puzzleteile im Biathlon stimmen». Die Rückkehr unter die ersten Drei glich einer Art Erlösung und war für Weger eine längst überfällige Genugtuung.

Nie das Gefühl aufkommen lassen, es geschafft zu haben

Acht Jahre lang sei er dieser hinterhergerannt. «Ich habe nie den Mut verloren und stets den Glauben an mich selbst behalten», sagt er. Biathlon sei eben nie ein Selbstläufer und die Beschäftigung damit gleiche dem ewigen Streben nach Perfektion. «Und du darfst dir dabei nie zu sicher sein. Am Tag, an dem du denkst, du hättest es geschafft, hast du schon verloren».

Wie schmal der Grat ist, erlebte Weger im Anschluss an seinen Exploit von Oberhof. Beim letzten Massenstart-Rennen vor der WM übertrieb er es mit der Geschwindigkeit im Liegendschiessen und liess gleich drei Scheiben stehen. Ein Schuss vor den Bug im richtigen Moment. Dieser Ritt auf der Rasierklinge zwischen Himmel und Hölle ist mit ein Grund, wieso Weger vor der WM nicht von Rangzielen oder gar von Medaillen spricht. Er fühle sich nach dem lang ersehnten Podestplatz befreit und wolle die neue Lockerheit auch an der WM ausspielen. «Ich spüre keinen Druck. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen», sagt Benjamin Weger.

Sein Trainer Alexander Wolf traut seinem Teamleader das erste Podest bei den Aktiven bei der zehnten WM-Teilnahme zu. «Ich erlebe Benji sehr fokussiert. Die Form stimmt. Eine Medaille ist möglich. Aber es wäre vermessen, diese als Ziel zu formulieren.»