Fussball

Morddrohungen, Gewalt und der Fall Nuzzolo – weshalb die Schweiz keine Top-Schiedsrichter mehr hat

Schiedsrichter sind im Amateur-Fussball häufig auf sich alleine gestellt. Grosse Stadien sind hingegen ein Schutz.

Schiedsrichter sind im Amateur-Fussball häufig auf sich alleine gestellt. Grosse Stadien sind hingegen ein Schutz.

Morddrohungen, ein Rücktritt wegen fehlendem Rückhalt im Verband, abnehmender Respekt auf dem Fussballfeld – Schweizer Schiedsrichter haben es schwer. Und doch gibt es Hoffnung, dass die Zukunft besser wird. Betroffene erzählen.

Ohne sie geht nichts im Fussball. Und doch sind sie immer wieder Ziel des Zorns – die Schiedsrichter. Es gab Zeiten, da war die Schweiz dank Urs Meier oder Massimo Busacca eine führende Schiedsrichter-Nation. Es ist lange her. Die Schlagzeilen beherrschen heute andere Themen. Morddrohungen gegen Schiedsrichter sind keine Seltenheit mehr. Immer wieder tauchen Bilder von Gewalteskapaden im Amateur-Fussball auf. Jüngst tritt ein Schweizer Schiedsrichter auf höchster Stufe, Stephan Klossner, zurück – auch, weil er vom Verband nicht gestützt wird. Was ist passiert?

Als Alain Bieri das Telefon abnimmt, ist er gerade in Montenegro. Am Abend ist er im Einsatz beim U21-Länderspiel Montenegro – Nordmazedonien. Bieri ist einer der meistkritisierten Schiedsrichter der Schweiz. Immer wieder muss er über sich lesen und hören, was er alles falsch macht. Wie geht er damit um? Bieri sagt: «Es heisst ja nicht umsonst: ‹Der Schiedsrichter macht das, was die anderen 10 000 Personen im Stadion besser können.› Als Schiedsrichter muss man lernen, mit solcher Kritik umzugehen.»

Für Bieri ist die Kritik nicht ungewöhnlich. Er sagt: «Jeder Schiedsrichter lernt die Umstände seines Schaffens schon früh kennen – im Amateurfussball. «Damals gab es Momente, in denen ich Schlimmes befürchten musste, wenn ich dem Hass direkt in die Augen schaute», erinnert er sich. Im Vergleich dazu ist die Welt im Scheinwerferlicht eine angenehme. «In einem grossen Stadion hatte ich noch nie wirkliche Angst.» Doch es gibt eine Grenze. Überschritten wird sie für Alain Bieri nach einer Partie am 17. Februar 2019. Der Grund: ein umstrittener Penaltypfiff in der Partie zwischen Basel und Sion. Von einem Fan bekommt Bieri per E-Mail Morddrohungen. «Ich erschrak ziemlich. Mit derart heftigen Reaktionen rechnete ich schlicht nicht.»

Die Polizei macht den Täter schnell ausfindig. Stellt fest, dass der Mann nicht bewaffnet ist und auch sonst noch nicht straffällig geworden ist. «Die Polizei konnte mir glaubhaft darlegen, dass es sich um leere Drohungen handelt – immerhin», sagt Bieri. Es sind Momente, die ihn zum Nachdenken anregen. Stellt man da plötzlich alles in Frage, überlegt sich den Rücktritt? «Nein!», sagt Bieri. «Wenn ich wegen einer solchen Aktion zurücktreten würde, bekäme der Fan ja genau das, was er sich gewünscht hat. Ich lasse den Zeitpunkt meines Rücktritts nicht von solchen Vorfällen abhängig machen.»

Was der Fall Nuzzolo für die Schiedsrichter bedeutet

Zurücktreten wird dafür ein anderer Schweizer Spitzenschiedsrichter: Stephan Klossner. In der Barrage der letzten Saison (Xamax – Aarau) verhängte er einen Platzverweis gegen den Neuenburger Raphael Nuzzolo – weil ihn dieser anspuckte. Der Fall hatte ein entscheidendes Nachspiel.

Früher galt: «Der Schiedsrichter hat immer recht.» Doch diesmal ist es anders. Klossner muss feststellen, dass ihm nicht geglaubt wird. Das Rekursgericht der Swiss Football League hebt die Sperre gegen Nuzzolo wieder auf. Es kommt in seiner Beurteilung zum Schluss, dass Nuzzolo keine Absicht nachgewiesen werden kann. Auf der anderen Seite bedeutet das: Klossner kann seine Beurteilung nicht beweisen.

Der Schiedsrichter sieht sich blossgestellt. Wie soll er künftig glaubwürdig wirken, wenn ihm nicht einmal der eigene Verband den Rücken stärkt? Eine gefährliche Entwicklung, findet Alain Bieri. «Weil es mittlerweile mehr technische Hilfsmittel gibt, muss ein Schiedsrichter seine Entscheide beweisen. Früher war der Rapport eines Schiedsrichters Gesetz, das hat sich verändert. Doch es ist unmöglich, eine Beleidigung zu beweisen. Am Ende steht Aussage gegen Aussage.» Wird der juristische Leitsatz «im Zweifel für den Angeklagten» auch im Fussball implementiert, hat das für Schiedsrichter einschneidende Konsequenzen.

Klossner muss das bald nicht mehr kümmern. Er wird ab Winter seinem Leben neue Prioritäten einräumen – abseits des Fussballs.

Alain Bieri ist seit elf Jahren als Schiedsrichter in der Super League tätig. Er hat den Wandel der Schweizer Unparteiischen von der absoluten Weltspitze bis hin in die Bedeutungslosigkeit miterlebt. Urs Meier und später Massimo Busacca waren die beiden letzten Top-Schiedsrichter, welche die ganz grossen Spiele leiten durften. Nach dem Rücktritt Busaccas 2011 aber verlor die Schweiz den Anschluss. Der Rücktritt riss eine Lücke auf, die bis heute noch nicht geschlossen wurde. Er bedeutet auch das Ende einer Ära. Seit 1974 stellte die Schweiz immer mindestens einen Schiedsrichter an Weltmeisterschaften, phasenweise waren gleich fünf Schweizer unter den 30 besten Unparteiischen.

Warum die Zukunft besser aussehen könnte

Seit 2012 gingen vier grosse Endrunden ohne Schweizer Schiedsrichter über die Bühne. Doch es gibt auch Hoffnung. Das grösste Schweizer Schiedsrichtertalent, Sandro Schärer, ist im Sommer in die Gruppe 1 der Fifa-Schiedsrichter aufgestiegen. Das ist die zweithöchste Stufe hinter der Top-Gruppe. Damit leitet er Spiele in der Europa League und bei der EM-Qualifikation. «Dieser Aufstieg ist sehr wichtig. Denn Sandro ist derzeit unsere klare Nummer 1», sagt Schiedsrichterchef Daniel Wermelinger. So arbitrierte Schärer etwa die Partie zwischen Arsenal und Standard Lüttich in der Europa League. Wermelinger fragt: «Wie lange hatten wir das schon nicht mehr, dass ein Schweizer Arsenal gepfiffen hat?»

Das derzeit grösste Schweizer Schiedsrichtertalent: Sandro Schärer (Mitte).

Das derzeit grösste Schweizer Schiedsrichtertalent: Sandro Schärer (Mitte).

Das Aufgebot Schärers für diese Partie zeigt für Wermelinger, dass die Schweizer Schiedsrichter auf dem richtigen Weg sind. Neben Schärer pfeift auch Adrien Jaccottet Spiele in der Europa League. «Wir haben derzeit wieder viele Schiedsrichter, die langsam nach oben stossen. Unser Ziel ist es, wieder dorthin zu kommen, wo wir hingehören: an die europäische Spitze», sagt Schiedsrichterchef Wermelinger.

Auch Urs Meier, früherer Spitzenschiedsrichter, der heute als TV-Experte arbeitet, sagt, dass sich etwas zum Positiven verändert. «Es tut sich wieder etwas. Doch es ist fast unmöglich, sich den Ruf wieder zu erarbeiten, den wir Schweizer einst hatten. Früher waren Schweizer Schiedsrichter ein Qualitätsmerkmal, leider haben wir damals aber den Anschluss verpasst. Das jetzt wieder herzustellen, ist fast unmöglich.»

Warum der Anschluss dermassen krass verpasst wurde, ist für Meier offensichtlich. «Die Professionalisierung der Schiedsrichter wäre längst überfällig gewesen. Im ganzen Fussballzirkus sind von den Spielern bis zum Platzwart alle Vollprofis. Nur die Schiedsrichter waren noch viel zu lange Amateure, das kann aber so nicht funktionieren», so Meier.

Im Dezember 2017 hat der SFV teilprofessionelle Schiedsrichter eingeführt. Derzeit sind sieben Schiedsrichter in einem 50-Prozent-Pensum und sechs Assistenten in einem 40-Prozent-Pensum angestellt. Die Schiedsrichter verdienen rund 60 000 Franken im Jahr. «Das ist sicher ein anständiger Lohn, aber nicht übermässig», sagt Bieri, einer der Halbprofis. Er arbeitet zu 50 Prozent bei der Migros als Personalleiter.

Für Urs Meier ist das Halbprofitum lediglich ein erster Schritt. «In meinen Augen müssten zumindest alle Fifa-Schiedsrichter Vollprofis sein, Ähnliches gilt für ein, zwei zusätzlich talentierte Schiedsrichter.»

Tatsächlich geht der Weg in Richtung Vollprofi-Schiedsrichter. Auch Schiedsrichterchef Wermelinger bestätigt das teilweise – das Wort Profitum meidet er aber. «Unser Ziel ist es, dass Schiedsrichter und Schiedsrichter-Assistenten die Rahmenbedingungen für Topleistungen im In- und Ausland vorfinden.» Er möchte ein Modell mit 70-Prozent-Anstellungen beim SFV und 20 Stellenprozenten bei der Uefa.

Eines aber nährt bei Schweizer Schiedsrichtern auch Hoffnung: Die Einführung des Video-Schiedsrichters ist ihnen viel besser gelungen als ihren Kollegen im Ausland. Es hat dem Ansehen ziemlich gut getan.

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