Motorrad

Cool bleiben, wenn andere durchdrehen: Tom Lüthi ist nach Platz 4 neuer WM-Leader

Grund zur Freude: Tom Lüthi ist neuer Leader in der Moto2-WM.

In einem Töff-Drama garniert mit Trümmern, Schweiss und Tränen holt Tom Lüthi mit einem 4. Platz in Assen die Führung in der Moto2-WM.

Zu «Mythos Assen» gehört ein ungeschriebenes Gesetz: Wer den GP von Holland als WM-Leader verlässt, wird Weltmeister. Tom Lüthi (32) ist als neuer WM-Leader aus Assen abgereist.

Es war ein Drama. Noch nie seit Beginn der Moto2-WM (2010) sind so viele Titanen gestürzt. Fünf der ersten zehn des Gesamtklassements lagen am Ende im Kiesbett. Die Helden holten sich gegenseitig von der Maschine. Am spektakulärsten Lorenzo Baldassarri. Er reisst in der drittletzten Runde im Kampf um den Sieg Alex Marquez mit ins Kiesbett.

Der spanische WM-Leader hatte bis zu diesem Zeitpunkt alles richtig gemacht. Nach verhaltenem Beginn brauste er sechs Runden vor Schluss an die Spitze. Tom Lüthi war im Feld der Verfolger eingeklemmt. Seine Titelträume schienen drei Runden vor Schluss nur noch theoretischer Natur. Wäre es so geblieben, hätte Alex Marquez im Gesamtklassement mehr als 15 Punkte Vorsprung gehabt.

Nun hat er sechs Punkte Rückstand auf Tom Lüthi. Assen zeigt uns, wie der Berner Weltmeister werden kann. Cool bleiben, wenn die anderen durchdrehen. Tom Lüthi, mit 32 der älteste, erfahrenste, taktisch schlauste Fuchs inmitten einer verrückten Meute. Alle anderen Titel- und Sieganwärter sind neun oder mehr Jahre jünger.

Tapferer «Überlebenskampf»

Haben wir in Assen die Geburt eines Champions erlebt? Das Fragezeichen müssen wir stehen lassen. Nach wie vor sind elf Rennen zu fahren. Aber immer mehr zeichnet sich ab: Ja, es ist möglich. Der «Big Bang», der überzeugende Sieg, der Alex Marquez verunsichern könnte, ist nicht zu realisieren. Tom Lüthi muss auf die leise, die sanfte Art Weltmeister werden. Der Eindruck, Tom Lüthi sei in Assen auf Abwarten gefahren, ist allerdings falsch. Das Rennen war auch für ihn ein Drama sondergleichen. Der 4. Platz ist primär das Resultat eines tapferen «Überlebenskampfes». Das wird spätestens nach dem Rennen klar.

Wenn die Gladiatoren den Helm vom Kopf genommen haben, um Red und Antwort zu stehen, öffnen sie jeweils auch ein wenig ihre Rennfahrerseele. Noch vollgepumpt mit Adrenalin und am Rande der Erschöpfung. Tom Lüthi verlangt nach einem Handtuch, wischt den Schweiss ab und wirkt für sein sanftes Wesen beinahe grimmig. Er schildert die wilde Fahrt. Wie mehrmals der 1. Gang rausgesprungen ist (Assen gehört zu den wenigen Strecken, auf denen der 1. Gang gebraucht wird).

Die Geburt eines Champions?

Den bangen Moment, als er über die Maschine des gestürzten Xavier Vierge brauste. «Es gab einen gewaltigen Knall und ich befürchtete schon, dass die Vorderradbremse nicht mehr funktioniert.» Aber die Fahrtüchtigkeit seiner Höllenmaschine wird nicht beeinträchtigt. Und er sagt grimmig. «Einige Herren verlieren den Kopf und können nicht einmal über die nächste Kurve hinausdenken.» Schliesslich, als er alles erzählt hat, was es zum Rennen zu erzählen gibt, hält er inne und sagt mit einer Bestimmtheit, die keine Zweifel lässt, dass ihm das wichtig ist: «Niemand kann mir vorwerfen, ich hätte nicht gekämpft.»

Weil er kein «verrückter Hund» ist, weil er über die nächste Kurve hinausdenkt, weil er deshalb wohl ein paar Siege vergeben hat, muss Tom Lüthi ab und an in einer Szene, in die harte Männlichkeit geradezu kultiviert wird, den Vorwurf hören, er sei draussen auf der Piste, beim Showdown der Gladiatoren zu weich.

Dazu würde ja passen, dass er «nur» auf Platz vier gefahren ist und vom heldenhaften Untergang seiner Gegner profitiert hat. Nichts wäre falscher als diese Analyse. Er fuhr am Limit. Wie alle anderen auch. Er hat gelitten. Wie alle anderen auch. Aber er, der älteste, erfahrenste, taktisch smarteste ist durchgekommen. Das ist kein Zufall. Deshalb ist die Frage berechtigt: War Assen die Geburtsstunde eines neuen Champions?

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