Ein berühmter Regisseur hat einmal das Rezept für einen guten Hollywood Film verraten: Mit einem Erdbeben beginnen und dann langsam steigern. Daran haben sich Tom Lüthi (28) und Dominique Aegerter (24) beim GP von Italien in Mugello gehalten. Sie starten mit einem Erdbeben. In der dritten Runde führt Tom Lüthi vor Dominique Aegerter.

Zum ersten Mal in der Geschichte der zweitwichtigsten Töff-WM brausen zwei eidgenössische Teamkollegen auf den Plätzen eins und zwei vor dem Rest der Welt über den Asphalt dahin. Wahrlich ein Auftakt wie ein Erdbeben. Und in der dritten Runde folgt ein Nachbeben. Tom Lüthi führt. Aber er riskiert zu viel und provoziert eine fahrerische Grenzerfahrung. Erst verliert das Hinter-, dann das Vorderrad die Bodenhaftung. Er stürzt.

Fast zehn Monate ists her

Von diesem Augenblick an gibt es eine langsame Steigerung. Dominique Aegerter kann die Führung sechs (von 21) Runden behaupten und rettet schliesslich den dritten Rang ins Ziel. Sein erster Podestplatz seit dem 10. August 2014 (3. in Indianapolis). Es ist ein Befreiungsschlag. Ein wundersames Comeback nach der schwersten Krise seiner Karriere. Er hat die Saison mit der Absicht begonnen, Siege herauszufahren und um den Titel zu kämpfen. Er ist in den fünf ersten Rennen bloss als 15., 18., 13., 16. und 10. über die Ziellinie geknattert. Und jetzt Rang drei. Wie ist diese Steigerung möglich?

Rennfahrer sind harte Jungs. Sie schwingen sich nach den fürchterlichsten Stürzen gleich wieder in den Sattel. Aber ihr Selbstvertrauen kann zerbrechlich sein wie Glas. Sie reagieren oft sensibel wie Rennpferde auf Veränderungen im Umfeld. Dominique Aegerter hat Monate gebraucht, um mit der Präsenz von Tom Lüthi in seinem Team und mit den hohen Erwartungen nach der traumhaften letzten Saison fertig zu werden.

«Ich habe hohe Erwartungen»

Die Krise hat ihn umso härter getroffen, weil er vorher während seiner ganzen Karriere nie einen Rückschlag erlitten hatte. Bisher war immer alles nach Programm gelaufen. Rückblickend sieht er seine Situation so: «Ich habe hohe Erwartungen. Da kann ich nicht sagen, der Druck sei nach den enttäuschenden Resultaten in den ersten Rennen nun weg. Aber es ist schon so, dass ich meine Ziele inzwischen auf Ränge in den Top Ten zurückgestuft habe und sich alles etwas entspannt hat. Am Anfang der Saison wollte ich einfach unbedingt immer in die ersten fünf. Das ist mir nicht gelungen und ich habe mich verkrampft.»

Ist die Krise nun überstanden? «Im Rennen war ich fast so gut wie bei meinem Sieg letzte Saison. Aber es fehlen mir noch Konstanz und Sicherheit. Als ich in Führung lag, war ich ganz schön nervös. Ich wusste gar nicht mehr, wie es ist, an der Spitze zu fahren. Wir werden sehen wie es weiter geht. Wenn ich spüre, dass ich Fortschritte mache, dann werde ich ruhiger und selbstsicherer und ich bin fürs nächste Rennen zuversichtlich.» Kurz und bündig auf den Punkt gebracht: Das Licht des Selbstvertrauens brennt wieder. Aber es flackert immer noch ein wenig.

Lüthi ohne Verunsicherung

Manchmal kann das Selbstvertrauen eines Fahrers auch hart sein wie Panzerglas. Beispielsweise bei Tom Lüthi. Er hat durch den Sturz in der dritten Runde wohl den zweiten Saisonsieg verschenkt. Er ärgert sich darüber sehr. «Ich muss meinen Ärger irgendwo noch raus lassen. Ich weiss noch gar nicht wie. Vielleicht mit meinem elektronischen Schlagzeug.» Aber verunsichert ist er nicht. «Nein, überhaupt nicht. Ich weiss, warum ich gestürzt bin und ich lag an erster Stelle. Das ist etwas ganz anderes, als ein Sturz auf dem 20. Platz. Ich fühle mich super und ich würde am liebsten schon am Montag wieder ein Rennen fahren. Ich bin sicher, dass ich in zwei Wochen in Barcelona wieder ganz vorne sein kann.»

Es braucht mehr als einen selbst verschuldeten Sturz um Tom Lüthi aus dem inneren Gleichgewicht zu bringen. Aber in Barcelona braucht er wieder ein Spitzenresultat. Sonst werden nicht nur seine nach wie vor intakten Titelchancen arg reduziert. Das Panzerglas des Selbstvertrauens könnte Risse bekommen.