Motorsport

Tom Lüthi und die «Nuller»: Titelchancen hat er nur ohne Ausfall

Tom Lüthi posiert vor seinem Motorrad für die neue Saison.

Ein geläuterter Tom Lüthi hat in der Moto2-WM so gute Titelchancen wie noch nie. Doch dafür darf er sich diese Saison keinen Sturz mehr leisten. Die Vorschau auf die Moto-2-Saison von Klaus Zaugg.

Ein echter Kerl ist im Motorrad-Geschäft nur einer, der die Höllenmaschinen in der Königs-Klasse MotoGP bändigt. In der Schweiz spielt es zwar keine Rolle, in welcher Klasse Ruhm und Ehre eingefahren werden. Tom Lüthi ist 2005 als Weltmeister der kleinsten Kategorie (125 ccm) Sportler des Jahres geworden – vor Roger Federer, der im gleichen Jahr zum Weltsportler des Jahres gekürt worden ist.

Ein «Töfflibueb» war also im eigenen Land populärer als ein charismatischer Weltstar – bis heute die verrückteste helvetische Sportlerwahl. Aber eben auch ein Zeichen für die Popularität der Asphaltcowboys.

In der vergangenen Saison ist für Tom Lüthi der Traum «Königsklasse» Wirklichkeit und Albtraum geworden. Er scheiterte grandios. In keinem einzigen Rennen kam er in die WM-Punkte, also in die Top 15.

Diesen «Nuller» werden ihm die Kritiker bis zum Ende seiner Laufbahn unter die Nase reiben. Aber sein Marktwert in der Schweiz leidet darunter nicht. Und er hat die Saison ohne schweren Unfall überstanden. Das ist in diesem Geschäft schon mal keine Selbstverständlichkeit.

Tom Lüthi ist eigentlich zu alt

Nun geht es für Tom Lüthi erneut um einen «Nuller». 2016 und 2017 kam er dem Moto2-WM-Titel so nahe wie nie zuvor. In beiden Jahren musste er nur dem Franzosen Johann Zarco den Vortritt lassen. Warum verlor der Emmentaler den Titelkampf? Ganz einfach: weil er sich in beiden Jahren je drei «Nuller» leistete. Also je drei Rennen ohne Punktgewinn. Pro Rennen sind 25  Punkte zu holen.

Eigentlich ist Tom Lüthi mit seinen 32 Jahren für den Weltmeistertitel zu alt. Eigentlich. Die Moto2-WM ist eine «Durchgangsklasse» für die Jungen, die so schnell wie möglich nach oben in die «Königsklasse» wollen. Auch der amtierende Moto2-Weltmeister Francesco Bagnaia steigt in die MotoGP-Klasse auf und tritt nicht zur Titelverteidigung an.

Aber Tom Lüthi ist Schweizer. Andersals die Italiener, Spanier oder Franzosen hat er in der Moto2-WM den gleichen Marktwert wie ganz oben. Er ist nun das «alte Krokodil» seiner Klasse. Ein Veteran, wie aus der Zeit gefallen und doch respektiert. Weil jeder um seine Leistungsfähigkeit weiss.

Keine «Nuller» mehr

Der Schlüssel zum Erfolg ist für Tom Lüthi die Konstanz. Mag sein, dass er im Kampf um den Sieg gegen die neue Generation meistens den Kürzeren ziehen wird. Aber wenn gefahren wird, als gebe es keinen nächsten Tag mehr, steigt das Unfallrisiko.

Wir können davon ausgehen, dass keiner der Jungspunde ungeschoren durch die Saison kommen wird. Wenn Tom Lüthi im Sattel bleibt und, anders als 2016 und 2017, keine «Nuller» schreibt und zudem in jedem Rennen in den ersten sechs Rängen punktet, kann er Weltmeister werden.

Seine ganze Vorbereitung war auf diese Konstanz ausgerichtet. Lüthi sagt, es sei ihm sehr wichtig gewesen, die Sicherheit wieder zu finden, die er im Laufe der vergangenen Saison mit einer Serie von Stürzen verloren hatte.

Ein schneller, zerbrechlicher Teamkollege

Was auf den ersten Blick wie eine Ausrede für die durchschnittlichen ersten Testresultate tönt, zeigt sich auf den zweiten Blick als kluge Schlussfolgerung aus den Ereignissen der vergangenen drei Jahre. Tatsächlich ist Tom Lüthi während der Wintertests nie gestürzt, und bei den letzten Tests eine Woche vor dem ersten GP in Katar holte er die fehlende halbe Sekunde. Nur noch Sam Lowes war schneller.

Im deutschen Dynavolt-Team hat Tom Lüthi die bestmöglichen technischen Voraussetzungen. Natürlich hat er mit Marcel Schrötter einen sehr schnellen Teamkollegen mit Heimvorteil, der sich bei den letzten Tests (5. Rang) nicht weit hinter dem Schweizer Routinier eingereiht hat.

Und der Teamkollege ist im Rennsport immer der härteste Konkurrent. Aber der 25-jährige Deutsche ist mental zerbrechlich wie ein billiges Plastikspielzeug und hat in über 100 Rennen erst einen Podestplatz herausgefahren.

Meistgesehen

Artboard 1