Für die Ruderer stehen die Weltmeisterschaften in Linz an. Für Jeannine Gmelin ist es das grosse Highlight einer Saison, die so anders ist als alle anderen zuvor. So einiges hat sich geändert, seit sich Gmelin zu Jahresbeginn entschied, sich von der Organisationsstruktur des Schweizerischen Ruderverbands (SRV) zu lösen.

Der Verband hatte zuvor Gmelins Erfolgstrainer Robin Dowell entlassen. Gmelin machte auf eigene Rechnung mit Dowell weiter. Statt beim Ruderzentrum in Sarnen trainierte sie in dieser Saison an verschiedenen Orten: in Norditalien, in Spanien, im Glarnerland oder zuletzt in Kroatien.

Seit Mittwoch ist sie den anderen Schweizer Athleten so nah wie lange nicht mehr. Sie hat in Feldkirchen an der Donau ihre WM-Unterkunft bezogen, unweit der SRV-Athleten. Und sie ist bereit, zu zeigen, wie hart sie in den vergangenen Monaten losgelöst vom Verband gearbeitet hat.

Im Fokus steht die Qualifikation für Tokio

«Ich konnte mich so vorbereiten, wie ich es für richtig hielt», ist die 29-jährige Usterin überzeugt. Das gute Gefühl auf dem Wasser ist da, die Überzeugung, wie in den vergangenen Jahren Grosses zu leisten, auch. Das Gefühl auf dem Wasser ist sogar so gut wie zuletzt 2017. In jenem Jahr gewann Gmelin alles.

Im Fokus an der WM im vorolympischen Jahr steht die Qualifikation für Tokio. «Das ist mein primäres Ziel», sagt Gmelin. Die besten neun Boote des Frauen-Einers lösen das Ticket. Eine Hürde, die für die Weltmeisterin von 2017 und die Vizeweltmeisterin von 2018 einfach zu überspringen sein sollte, dennoch hat sie Respekt.

An der Heim-EM auf dem Luzerner Rotsee hat Gmelin die Silbermedaille geholt. Über erneutes Edelmetall würde sie sich an der WM natürlich freuen. Doch: «Entscheidender ist, dass ich mein maximales Potenzial abrufen kann. Dann sollte das gewünschte Resultat auch herausschauen.»

Freiheit in der Selbstständigkeit

Dennoch wäre eine Medaille oder gar der WM-Titel die Krönung eines strengen Jahres für Gmelin. Der Aufwand seit der Trennung ist enorm. «Es ist wie ein kleines Unternehmen zu führen. Ich muss viel organisieren, insbesondere die Logistik», sagt sie.

«Ich musste aber lernen, dass ich zum Beispiel Dinge wie Finanzen abgeben muss. Nur so ist es möglich, dass ich mich auf den Sport fokussieren kann.» Gmelins Selbstständigkeit ist verbunden mit mehr Arbeit, dafür mit anderen Freiheiten. «Früher gab es Dinge, die ich nicht beeinflussen konnte, etwa, in welcher Unterkunft wir untergebracht sind. Jetzt bin ich dafür selber verantwortlich.»

Persönliche Weiterentwicklung

Jeannine Gmelin spricht positiv von den Erfahrungen in den letzten Monaten. Sie spricht von einer persönlichen Weiterentwicklung, für die man sonst Jahre braucht. Dennoch gab es einige Stolpersteine. «Ich habe mich zwischenzeitlich gefragt, ob ich dieser enormen Herausforderung gewachsen bin», sagt Gmelin. Dann lernte sie dazu, und die Planung wurde immer besser, der Sport rückte vermehrt wieder ins Zentrum.

Nicht erst seit ihrem Alleingang gilt Jeannine Gmelin als Einzelkämpferin. Sie fährt am liebsten im Einer, ist bei der Elite stets in dieser Kategorie angetreten. Dabei hat sie jene Bootsklasse, als sie als 13-Jährige beim SC Uster anfing, gar nicht gemocht. «Als ich zum ersten Mal im Einer sass, sagte ich: Das mache ich nie mehr.» Zu instabil sei es gewesen, vielleicht auch ein bisschen einsam. Dann kamen aber rasch die Ergebnisse, die Freude am Rudersport nahm zu.

Inzwischen ist Gmelin seit Jahren die beste Schweizer Ruderin, erfuhr sich 2016 in Rio ein olympisches Diplom. In Tokio in einem Jahr ist das Ziel höher.