Kapitel 1: Der Klub

Der Bahnhof in Wien-Hütteldorf bietet kaum Anreiz, um auszusteigen. Doch inmitten von abgehalfterten Industriegebäuden und grauen Mietskasernen blüht das Allianz-Stadion. Es ist die Heimat von Rapid Wien. Letzten Sommer wurde das Stadion erst eröffnet. Mit einer Kapazität für 28 300 Zuschauer. Auf Hochglanz poliert.

Schliesslich ist Rapid nicht irgendein Fussballklub. Ein Arbeiterklub, gewiss. Aber auch österreichischer Rekordmeister und populärster Klub des Landes. Und seit kurzem der neue Arbeitgeber von Fredy Bickel (51), dem früheren Sportchef des FC Zürich und der Young Boys.

Am Freitag um elf bittet Rapid zur Pressekonferenz vor dem 320. Derby gegen Austria Wien. Im grosszügigen Presseraum breiten sich sechs Kameraleute und 20 Journalisten aus. Allein, dass Christoph Peschek, der Leiter Wirtschaft, das erste Wort hat, deutet darauf hin: Rapid ist eine gigantische und erfolgreiche Marketingmaschine. Der Klub vermeldete für die letzte Saison einen Rekordumsatz von 48 Millionen Euro und einen Gewinn von 11,6 Millionen.

Musikalischer Einstand von Fredy Bickel an der Mitgliederweihnachtsfeier von Rapid Wien

Musikalischer Einstand von Fredy Bickel an der Mitgliederweihnachtsfeier von Rapid Wien

Jüngst ist Rapid gar mit einem eigenen Mobilnetz auf den Markt gegangen. Nur der wirtschaftliche Erfolg korrespondiert nicht mit den sportlichen Resultaten. Rapid wurde zuletzt 2008 Meister. Verkommt der Volksklub zur Werbeblase? Bickel sagt: «Auch wenn es niemand gerne hört: Die Waage ist aus dem Gleichgewicht geraten. Sicher, das neue Stadion ist super, die Produkte werden gekauft. Aber die sportliche Performance auf dem Platz, das Wesentliche, hält nicht Schritt. Da herrscht massiver Aufholbedarf.»

An der Derby-PK vermeidet es Bickel, in den Teich der Emotionen zu springen, wie er dies in der Vergangenheit gerne gemacht hat. Beispielsweise, als er nach seiner Rückkehr zu YB sagte, es wäre während seiner Zeit als FCZ-Sportchef kaum ein Tag vergangen, an dem er nicht an YB dachte.

Sportdirektor Bickel spricht von spannenden ersten Wochen bei Rapid. Und von seiner Überraschung über die Kraft, die das Wiener Daarbi (ja, er spricht es schon wie ein Österreicher aus) entwickelt. Und er spricht von der Kampfmannschaft, in der viel Potenzial und Charakter stecke. Allgemeinplätze halt. Doch die Journalisten sind zufrieden.

Nach der Pressekonferenz treffen wir uns in der Rekordmeister-Bar zum Imbiss. Mit am Tisch ist auch Damir Canadi, der wenige Wochen vor Bickel als neuer Trainer eingestellt wurde. Canadi ist der Mann, der Altach sensationell an die Spitze der Bundesliga führte.

Fredy Bickel verliess YB im September 2016.

Fredy Bickel verliess YB im September 2016.

Nun muss er mit Bickel retten, was kaum mehr zu retten ist. Rapid träumte vor der Saison vom
Titelgewinn. Die Realität nach der Winterpause: Rang 5, 15 Punkte Rückstand auf Leader Altach und 12 Punkte hinter einem Europacup-Platz.

Canadi, 46, stieg vor 16 Jahren in der 8. Liga als Trainer ein, weil er dachte, er könne es besser als die Trainer, die er als Spieler hatte. Und er machte es besser. Auch, wie er sagt, weil er sich von Ralph Krueger und dessen Buch «Teamlife» inspirieren liess. Canadi ist ein Trainer, der seine Arbeit nicht allein auf Taktik reduziert, sondern teambildenden Massnahmen und dem Innenleben einer Mannschaft grosse Bedeutung zumisst.

2013 erhält er die Chance beim Zweitdivisionär Altach, führt diesen in die Bundesliga und dort sogar an die Spitze. Und er lernt nebenbei Krueger persönlich kennen. Bei der Hochzeit von Altachs Präsident, dessen Trauzeuge Ralph Krueger ist. Irgendwann im Gespräch blickt Canadi zu Bickel und sagt: «Ich will für uns einen Platz im Rapid-Museum.» Ist das mit einem Meistertitel getan? «Wohl kaum», sagt Canadi. Der Mann hat Grosses vor.

Kapitel 2: Die Stadt

Wir fahren im Stadion drei Stockwerke runter in den Fanshop. Bickel kauft etwas für seine beiden Töchter (23 und 25). An der Kasse fragt ihn die Frau: «Haben Sie einen Mitgliederausweis?» Hat er nicht. Doch Bickel schmunzelt, wie er geschmunzelt hat, als Canadi vom Platz im Museum sprach, und bezahlt den regulären Preis.

Mit dem Auto fahren wir von Hütteldorf zum Ernst-Happel-Stadion, wo Rapid trainiert. Quasi quer durch die Stadt. 50 Minuten bei flüssigem Verkehr. Mit der U-Bahn ginge es schneller. Doch Canadi, ein gebürtiger Wiener, rät Bickel: «Fahr nicht U-Bahn. Einerseits sind nicht alle in der Stadt Rapidler. Andererseits haben wir noch nichts gewonnen.»

Einzigartige Band: Fredy Bickel, Beat Schlatter Helga Schneider und Halunke Häni in ihrem Song «Min Schnüggel hät en Püggel».

Einzigartige Band: Fredy Bickel, Beat Schlatter Helga Schneider und Halunke Häni in ihrem Song «Min Schnüggel hät en Püggel».

Wien ist fürchterlich in diesen Tagen. Umhüllt von einer undurchdringlichen, grauen Glocke. Dazu dieser kalte, feuchte Wind. «Man steigt bei minus 2 Grad in Zürich ein und bei minus 2 Grad in Wien aus. Doch es fühlt sich zehn Grad kälter an», klagt Bickel.

Im Bauch des Ernst-Happel-Stadions hat Bickel sein Büro. Ein kahler, ebenerdiger Raum. Über dem Stuhl hängt ein YB-Shirt – «Danke Fredy». An der Wand eingerahmt eine Zeichnung von Hannu Tihinens Wundertor gegen die AC Milan. Und das Telegramm vom 13. Mai 2006, als der FC Zürich in Basel Meister wurde.

Doch die Schweiz ist weit weg. Bickel muss sich in Wien quasi neu erfinden. Er sagt: «In 25 Jahren Schweizer Fussball habe ich mir ein grosses Beziehungsnetz aufgebaut. Wenn beispielsweise der FCB in Genf ein Talent beobachtete, hatte ich unmittelbar danach Kenntnis davon. Das war komfortabel. Diesen Vorteil habe ich mit dem Wechsel ins Ausland aus der Hand gegeben.»

Weiter zum Augarten, zu Bickels Wohnung. Ein prätentiöses Loft in einem schicken Altbau. Josef Hickersberger, der frühere österreichische Nationaltrainer, wohnt im selben Haus. Noch hat Bickel Mühe, sich in der 2-Millionen-Metropole zurechtzufinden. Obwohl er früher häufig in Wien war. Denn eine seiner Grossmütter stammt aus der Stadt.

Zwischen den Weltkriegen kam sie als Mädchen in die Schweiz, weil sie einen jüdischen Namen hatte. Sie wuchs bei einer Arztfamilie in Mettmenstetten auf. Und nun wohnt Bickel just in jenem Haus, das den Juden in Wien als letzter Zufluchtsort diente.

Kapitel 3: Das Spiel

Sonntag, Spieltag. Aber es ist kein normaler Spieltag. Es ist Derby. Austria gegen Rapid. Und das erste Pflichtspiel von Bickel als Sportdirektor der Grün-Weissen. Es sind noch drei Stunden bis zum Anpfiff. Bickel sitzt an der Hotel-Bar, nippt an einem Cappuccino.

«Es geht mir nie richtig gut vor einem Spiel», sagt der 51-Jährige. «Ich habe Mühe, Schlaf zu finden, stehe in der Nacht jeweils drei-, viermal auf.» Trainer Canadi zeigt seinen Spielern Interviews von Austria-Spielern, die im Vorfeld einem klaren Sieg prognostizieren.

Bickel sagt: «Austria kann unsere Hoffnung auf einen Schlag zerstören. Der Druck ist gross. Aber ich freue mich wahnsinnig auf das Spiel. Denn jetzt habe ich wieder, was ich nach meiner Entlassung bei YB vermisst habe: diesen unvergleichlichen Nervenkitzel.»

Fredy Bickel ist vor jedem Spiel sehr nervös.

Fredy Bickel ist vor jedem Spiel sehr nervös.

Die Personalsituation bei Rapid ist wegen diverser Verletzungen angespannt. Und Bickel hätte gerne einen ersten Akzent in Form eines Transfers gesetzt. Doch Vorgänger Andreas Müller hat den Transfer-Etat schon im Sommer aufgebraucht. Mit dem Kauf von zwei Spielern für je zwei Millionen Euro. Nur: Der eine (Ivan Mocinic) ist verletzt, der andere (Arnor Traustason) Ersatz.

Plötzlich schnellt Bickel in die Höhe, ballt die Faust und schreit «Jaaa!». Alle anderen mit einem Rapid-Emblem auf der Brust verstummen. Denn Beat Feuz übernimmt in der WM-Abfahrt die Führung. Später wird Bickel im Stadion seinen georgischen Stürmer Giorgi Kvilitaia beschwören: «Heute ist dein Tag. Beat Feuz gewann mit deiner Nummer: der 13.»

Das Ernst-Happel-Stadion ist ein riesiges, 50 000 Zuschauer fassendes Oval. Doch das Derby wollen nur 15 500 Fans sehen. Bickel will den Puls fühlen. Doch in Österreich ist es nicht Usus, dass der Sportdirektor auf der Ersatzbank sitzt und dementsprechend ein Medienthema. Trainer Canadis lakonischer Kommentar: «Kein Problem, ich werde lauter sein als er.»

Die Partie ist geprägt vom gegenseitigen Respekt. Rapid steht tief, um die Austria ihrer stärksten Waffe, dem Konterangriff, zu berauben. Und dann, in der 55. Minute, Bickels nächster Jubelschrei. Kvilitaia, der Mann mit der Feuz-Nummer, bringt Rapid in Führung.

Trotzdem entwickelt sich Bickels Premiere, von der er sich so viel erhofft hat, zum Drama. Erst wird Joelinton (67.) vom Platz gestellt. Dann lässt der Schiedsrichter fünf Minuten nachspielen, was Bickel mit einem nicht druckreifen Fluch quittiert. Und in der 95. Minute gleicht Austria, das Team von Ex-FCB- Trainer Thorsten Fink, zum 1:1 aus. «Unfassbar bitter», sind Bickels letzte Worte an diesem Abend.