Aargauer Kantonales

Nach Horrorsturz: Darum war Schwinger Orlik kurzzeitig gelähmt und blieb doch unverletzt

Armon Orlik liegt in Brugg minutenlang regungslos im Sagmehl.

Armon Orlik liegt in Brugg minutenlang regungslos im Sagmehl.

Armon Orlik konnte Arme und Beine nicht bewegen. Körperlich hat er sich schnell erholt. Nun folgt die mentale Verarbeitung.

«Ich hatte einen Schutzengel an meiner Seite», schreibt Armon Orlik auf Facebook. Nach seiner Niederlage am Sonntag am Aargauer Kantonalschwingfest gegen Bruno Gisler konnte der 21-Jährige seine Arme und Beine nicht spüren. Zehn Minuten lang, wie er später sagte, als er aus dem Spital zurückkehrte. Die Ärzte konnten keine Brüche oder andere Verletzungen feststellen. Hat sich Orlik die Lähmung nur eingebildet?

Der fatale Wurf im Zeitraffer:

«Nein», sagt Phil Jungen, Chefarzt Sportmedizin am Paraplegiker-Zentrum Nottwil. «Was Armon Orlik widerfahren ist, ist erklärbar. Man nennt dies einen spinalen Schock. Prallt jemand mit der Wirbelsäule sehr heftig und in einem dummen Winkel auf, wird der Nerv im Spinalkanal durchgeschüttelt. Es kommt zu einem vorübergehenden Ausfall aller Funktionen. Was die Betroffenen als Ewigkeit empfinden, dauert nur ein, zwei Minuten. Danach kommen die Fähigkeiten nach und nach wieder zurück.»

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Am Abend wieder in der Arena

Körperlich wird Orlik die Folgen nicht mehr lange spüren. Weit länger könnte es gehen, bis er den Unfall mental verarbeitet hat. Noch am Sonntagabend ist er darum in die Arena zurückgekehrt. «Wir haben gemeinsam diskutiert, ob es für die Verarbeitung des Schocks gut wäre. Armon hat sich dann entschieden, es zu tun», sagt sein Vater Paul Orlik. Der renommierte Sportpsychologe Jörg Wetzel findet diesen Schritt gut. «Zwar ist der Verarbeitungsprozess individuell. Wichtig ist aber immer, die Situation, die Angst macht, nicht zu verdrängen oder zu vermeiden.»

Körperlich wird Armon Orlik die Folgen nicht mehr lange spüren.

Körperlich wird Armon Orlik die Folgen nicht mehr lange spüren.

Einen ersten Schritt hat Orlik getan. Weitere sollten aber folgen, sagt Wetzel. «Wird die Verarbeitung zu schnell abgeschlossen, kann das zuerst gut gehen. Sollte aber nochmals zu einer ähnlichen Situation kommen, könnten dann weit grössere mentale Probleme entstehen.» Armon Orlik sagte noch am Sonntag: «Wichtig ist, dass ich in Zukunft wieder gleich unbeschwert agieren kann wie bisher.»

Jörg Wetzel erachtet die Chance, dass dies Orlik gelingt, als hoch. «Sofern er Hilfe annimmt. Sein Selbstvertrauen hat nun Risse. Jeder Mensch hat einen Belastungsrucksack. Je schwerer dieser ist, je schwieriger ist es, sich zu bewegen.» Darum sei es wichtig, dass sich Orlik Zeit nehme, das Gewicht dieser mentalen Last zu reduzieren. Die Sportpsychologie kann helfen. Denkbar sind Beratungsgespräche, oder – falls der Schock tiefer sitzt – eine Desensibilisierung. Hierbei wird der Betroffene immer wieder in die Notfallsituation zurückversetzt. Solange, bis die Angst überwunden ist und sich die neurologischen Körper-Reaktionen auf die Krisensituation wieder stabilisiert haben.

Vater Paul Orlik sagt: «Die Situation zu verdauen, hilflos im Sägemehl zu liegen und nicht aufstehen zu können, wird anspruchsvoll. Die Rückkehr an den Ort des Unfalls war aber der erstbeste Schritt zur Verarbeitung.» Armon Orlik verfügt über ein intaktes Umfeld und hat bereits vor dem Zwischenfall im Mentalbereich gearbeitet. Gute Voraussetzungen also, dass er auf dem Schwingplatz bald wieder so dominiert wie zuvor.

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