Interview

Nati-Captain Stephan Lichtsteiner: «Lasst euch überraschen!»

Stephan Lichtsteiner ist wieder dabei im Nationalteam. Wohin dort seine Reise geht, lässt er im Gespräch weitgehend offen.

Stephan Lichtsteiner ist wieder dabei im Nationalteam. Wohin dort seine Reise geht, lässt er im Gespräch weitgehend offen.

Der Captain der Schweizer Nationalmannschaft kokettiert im Interview vor den beiden EM-Qualifikationsspielen gegen Dänemark und Irland mit seiner Zukunft.

Stephan Lichtsteiner ist keiner, der im Gespräch kritischen Fragen ausweicht. So war er nie. Sportlich stellt er sich jeder noch so schwierigen Herausforderung. So war er immer. Eine letzte im Schweizer Nationalteam wird sein, wie (lange) es mit ihm weitergeht.

In seinem Kreis war der 105-fache Internationale zuletzt in der EM-Qualifikation im März. An diesem Nachmittag sitzt Kevin Mbabu an einem anderen Tisch und gibt ebenfalls Interviews. Der 24-Jährige gilt auf der rechten Defensivseite als der Nachfolger von Lichtsteiner, noch hängen aber bedeutend mehr Journalisten an den Lippen des 35-jährigen Captains der Schweizer. Doch der Zahn der Zeit nagt.

Waren Sie überrascht, dass Trainer Vladimir Petkovic Sie nach über einem halben Jahr Pause wieder für die Schweiz aufgeboten hat?

Ich habe nicht mit einem Aufgebot gerechnet, aber überrascht war ich nicht. Ich habe ja immer gesagt, dass ich bereit bin, wenn es mich braucht. Auch fühle ich mich ganz normal wie bei all den anderen Zusammenkünften, die ich erlebt habe. Unterdessen bin ich einfach in einem Alter, in dem es nicht mehr lange weitergehen wird. Das ist ein normaler Schritt, zu dem jeder Spieler irgendwann hinkommt. Der Trainer muss sich ebenfalls darauf einstellen. Weil ich früher einfach jünger war, gab es um meine Nominationen nie Diskussionen.

Nerven Sie diese Diskussionen um Ihr Alter?

Nein. Das ist normal, auf das kannst und musst du dich vorbereiten. Wenn ich heute schlecht spiele, heisst es halt, dass ich zu alt bin. Das gehört dazu. Im Alter ändert sich ja auch vieles, du bist jeden Tag noch mehr gefordert. Ich wollte das ja auch, sonst wäre ich schon längst zurückgetreten. Solange ich Spass habe, werde ich das auch weiter so machen. Ich habe eigentlich alles erreicht, was ich mir vorgenommen habe. Dass ich als bald 36-Jähriger noch das Level für das Schweizer Nationalteam habe, einem Team der Top 15 der Welt, ist jedenfalls ein Leistungsausweis und macht mich stolz.

Ist der Rekord von Heinz Hermann mit 118 Länderspielen für Sie noch ein Thema?

Es ist nicht unbedingt ein Ziel, das ich verfolge. Ich habe eventuell noch ein paar Monate oder Jahre, die ich geniessen möchte. Ohne mich auf all diese Rekorde zu konzentrieren. Wenn ich es schaffe, ist es schön. Wenn nicht, bricht keine Welt zusammen.

Im September entstand um den indisponierten Xherdan Shaqiri sowie wegen Ihrer Nichtnominationen grosse Polemik. Sie hatten dabei die Aussensicht.

Es war viel los, ja. Das ist ein Teil des Spiels. Es gibt immer Dinge von Draussen, die an die Türe der Mannschaft klopfen. Es war keine einfache Zeit, doch sie musste diese Dinge beiseiteschieben und hat dies gut gemacht. Aber es war schon ein bisschen viel Trubel, immer und immer wieder kamen dieselben Fragen, obwohl viele Dinge bereits geklärt waren. Deshalb war es schon auch sehr mühsam. Sogar ich, der nicht dabei war, musste viele Gespräche in der Öffentlichkeit führen. Shaqiri hat im Nationalteam immer gute Leistungen gezeigt, ist als Spieler und Mensch für uns wichtig. Ich hatte nie das Gefühl, dass es da ein Problem gibt, wirklich nie. Jetzt wollen wir nicht mehr gross darüber reden, um weiterhin konzentriert zu bleiben.

Sie erkennen Brandherde auf und neben dem Platz früh. Wäre es nicht gerade deswegen wichtig gewesen, dass Petkovic Sie immer aufgeboten hätte?

Ich sehe das nicht so. Die Arbeit, die auch ohne mich gemacht wurde, war gut.

In jener Phase gab es das vielkritisierte 1:1 in Irland. Wie haben Sie das Spiel gesehen?

Der Punktgewinn in Irland war okay, natürlich wäre es ideal gewesen, das 1:0 über die Runden zu bringen. Wenn eine Mannschaft wie die Iren mit hohen Bällen den Ausgleich sucht, kannst du nicht immer alles verteidigen. Dennoch war es eine gute Leistung und ein guter Punktgewinn.

Es gab Stimmen, die sagten, mit Ihnen wäre der Ausgleich nicht passiert.

Das muss nicht sein. Ich war auch schon auf dem Platz, als wir gegen Island 4:1 führten. Und am Ende stand es 4:4. Man darf den Ausgleich der Iren nicht dramatisieren. Aber das Spiel ist Geschichte. Wir sind in Form. Fokussieren wir uns doch nicht auf das, was war, sondern auf das, was kommt.

Sie sind offiziell der Captain des Teams. Fühlten Sie sich in der Phase der Nichtbeachtung und bis heute stets als der Mann mit der Binde?

Die Hierarchie ist klar, die war immer so. Ich hatte nie ein Problem damit, wenn ich dabei bin und nicht Captain bin, oder wenn ich nicht dabei bin und ein anderer Captain ist. Ich war lange in der Nationalmannschaft dabei, auch ohne die Binde. Wichtig ist, dass man trotzdem Verantwortung übernimmt.

Sie wollen gar nicht mehr Captain sein?

Doch, nicht mehr wollen habe ich nicht gesagt. Es spielt einfach keine Rolle, wer Captain ist. Ich habe immer gesagt, wir haben mehrere grosse Persönlichkeiten im Team. Aber die Hierarchie war immer klar. Nur muss ich sagen, dass es langsam mühsam wird, die gleiche Frage immer und immer wieder zu beantworten. Ich habe es kommuniziert, wir haben es kommuniziert, jetzt ist es auch mal gut! Jetzt sollten auch die Journalisten die Frage nach der Hierarchie verstanden haben.

Dennoch eine letzte Frage dazu: Wie führen Sie das Captainamt?

Captain heisst nicht, dass du der König bist. Du wirst nicht von allen auf Händen getragen. Es geht in erster Linie um Leistung, weil du sonst die Glaubwürdigkeit verlierst. Vor allem als Captain. Und zwar nicht nur im Spiel, sondern auch im Training. Und wenn etwas ist, musst du da sein und helfen.

Also ist Ihre Rolle innerhalb des Teams auch immer noch dieselbe wir vor beispielsweise eineinhalb Jahren?

Sie ist immer noch dieselbe. Aussenstehende hatten einfach das Gefühl, ich hätte stets am Montag schon gewusst, dass ich spiele am Samstag. Aber Fussball ist ein Mannschaftssport – und du weisst nicht, ob du spielst. Vielleicht kommst du rein, oder du spielst gar nicht. Wichtig ist, dass du in jeder Funktion der Mannschaft helfen kannst.

Sie sagten jüngst in einem Interview, die WM habe etwas kaputtgemacht. Können Sie diese Gedanken nochmals sortieren?

Es ist anders geworden. Vier, fünf Spieler sind nicht mehr dabei, die diese Mannschaft über Jahre auf und neben dem Platz geprägt haben. Dass man nun mit den jüngeren Spielern einen neuen Weg geht und dies Zeit braucht, ist normal. Die Mannschaft hat aber nach wie vor Spass und Qualität. Dass dann etwas auch einmal passiert, ist normal. Kaputtgegangen ist vielleicht das falsche Wort. Natürlich war es ruhiger vor der WM. Nachher kamen all diese Geschichten und Unruhen. Vielleicht ist es das, was kaputtgegangen ist: Die Beziehung zwischen der Mannschaft, den Medien und der Bevölkerung. Aber nach wie vor denke ich, dass das Publikum uns mag und uns gerne zuschaut.

Wie war das Treffen Ende September mit Nationaltrainer Vladimir Petkovic in Augsburg?

Es war toll, auch unser Gespräch war top. Wir hatten immer Kontakt miteinander, alles war klar und stets abgesprochen. Es gab nie ein Problem zwischen uns. Und was genau besprochen wurde, wird man dann sehen. Lassen wir uns überraschen.

Lassen wir uns überraschen?

Überraschungen sind immer vieldeutig. Wir werden sehen, in welche Richtung es gehen wird. Es kommt darauf an, wie sich das Ganze weiterentwickelt. Es ist für mich auch jeden Tag eine Herausforderung, das Maximum aus mir herauszuholen. Dann werden wir sehen, wie die Saison verläuft. Es ist ein weiter Weg, bis zum Winter, bis zum Sommer. Das Wichtigste sind die beiden Spiele jetzt und nicht irgendwelche persönlichen Sachen.

Stephan Lichtsteiner wird, solange er Fussball spielt, nicht selbst aus der Nationalmannschaft zurücktreten.

Stephan Lichtsteiner wird, solange er Fussball spielt, nicht selbst aus der Nationalmannschaft zurücktreten.

Aber den Wunsch, bis 2020 und der möglichen EM-Endrunde dranzubleiben im Schweizer Team, gibt es weiterhin?

Ich habe immer gesagt, solange ich Fussball spiele, trete ich nicht aus der Nationalmannschaft zurück. Selbst wenn ich mit 45 Jahren noch aktiv sein sollte. Aber es ist schon klar, dass es irgendwann vorbei ist. Vielleicht höre ich ja vorher auf. Wer weiss. In meinem Alter ist es wichtig, dass man Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr schaut. Da bringt es nichts, in grossen Dimensionen zu denken. Ich habe jetzt eine mutige Wahl mit Augsburg getroffen. Eine Aufgabe, die extrem schwer ist, von daher lege ich meine Konzentration hierauf. Ich habe jeden Tag extrem viel Spass auf dem Platz, trainiere gerne mit den Jungs. Ich möchte mir erlauben, auch zu geniessen. Denn irgendwann kommt der Punkt, an dem du deine Karriere beenden wirst und du alles, wofür du dein Leben hingearbeitet hast, hinter dir lässt.

Und Sie haben sich tatsächlich nie gestört an Petkovics Kommunikation?

Nein. Von Verbandsseite war alles okay aus meiner Sicht. Der Trainer kommunizierte immer offen mit mir und ich auch mit ihm. Ich hatte zu keiner Zeit ein Problem mit der Situation, weil ich auch wusste, dass ich ein gewisses Alter erreicht habe und der Fall früher oder später eintritt, dass es nicht mehr reicht. Wenn ich nun knapp mit 36 Jahren noch da bin, habe ich es doch gar nicht so schlechtgemacht.

Dass Petkovic nach Augsburg kam zeigt aber doch, dass es etwas zu bereden gab.

Nein, eigentlich nicht. Wichtig war, dass ich mit Petkovic nach all dem Geschriebenen und den Unruhen mal in aller Ruhe bei einem Mittagessen sprechen konnte. Du hast sonst nie Zeit, weil du auf den Club fokussiert bist und keinen Kopf für den Nationaltrainer hättest. Von daher hat Petkovic die richtige Wahl gefunden, wann er kommen soll. Um auch einmal über Dinge zu reden, was beispielsweise nach der Karriere passiert. Das machst du nicht einfach nebenbei.

Kevin Mbabu hat Schwierigkeiten in Wolfsburg. Finden Sie es legitim, für die Partie gegen Dänemark Ihren Einsatz zu fordern, weil Sie mit Augsburg bedeutend mehr Minuten in den Beinen haben?

Der Trainer muss das alleine entscheiden. Unser Ziel muss es sein, bereit zu sein. Jeder Spieler weiss, dass Kevin davor viel gespielt hat.

Ich bin sicher, dass er es schaffen wird. Kevin hat seine Qualitäten. Ob ich spielen werde oder nicht – ich werde in jedem Fall bereit sein.

Kommt es nach dem 3:3 im Hinspiel im Rückspiel zur Revanche?

Nein. Natürlich vergisst du so ein Spiel nicht. Aber es kommt vor, auch wenn es nicht passieren sollte. Es ist von Zeit zu Zeit auch eine Frage der Erfahrung. Dennoch dürfen wir nicht mehr zu sehr an dieses 3:3 zurückdenken, in Dänemark wird es gegen ein starkes Heimteam mit Qualitäten ein komplett anderes Spiel geben.

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