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Nati-Direktor Pierluigi Tami: «Wir müssen die Beziehung zum Volk verbessern»

«Wir vertreten alle» – Pierluigi Tami will eine Nationalmannschaft, die für sämtliche Kulturen steht.

«Wir vertreten alle» – Pierluigi Tami will eine Nationalmannschaft, die für sämtliche Kulturen steht.

Seit gut einem Jahr ist Pierluigi Tami Direktor der Schweizer Nationalmannschaft. Die Wahl des stillen Tessiners war für viele eine Enttäuschung – was hat er bewirkt?

Es ist ein heisser Mittwochmorgen im August. Pierluigi Tami sitzt auf einer roten Bank, direkt hinter dem Haus des Fussballs in Muri bei Bern. Das Grün der Pflanzen duftet herrlich. Tami, adretter Blazer, knöchelfrei, ist bester Laune, als er für den Fotografen posiert. Fürs Gespräch bittet er ins Sitzungszimmer direkt neben seinem Büro. «Direktor Nationalteams», steht auf einem kleinen Schild. Es ist, nach dem Nationaltrainer, der wichtigste Job im Schweizer Fussballverband. Seit gut einem Jahr bekleidet Tami diesen. Es ist Zeit, um eine erste Bilanz zu ziehen.

Tami: «Früher hatten wir 8 Millionen Trainer, heute 8 Millionen Virologen»

Sein Eindruck des Moments ist – natürlich – von Corona geprägt. «Nie hätte ich gedacht, ein solches Jahr zu erleben», sagt Tami. Und: «Früher dachten wir immer, es gebe in der Schweiz 8 Millionen Fussballtrainer. Jetzt sind es 8 Millionen Virologen.» Was er damit auch ausdrücken möchte: Nie war die Unsicherheit, was die Zukunft bringt, so gross wie heute. Neuland für einen Verband, der gewöhnlich lange im Voraus plant.

Im November des letzten Jahres war es, als die Schweizer Nationalmannschaft ihr letztes Spiel austrug, in Gibraltar, es war die Partie, welche die definitive EM-Qualifikation sicherstellte. Nun steht die Nations League an. Wobei auch hier gilt: Die Expedition in die Ukraine von nächster Woche bündelt alle Kräfte. Darüber hinaus denken? «Nein, das wäre nur verschwendete Energie», sagt Tami.

Am 18. November 2019 bestritt die Schweizer Nationalmannschaft ihr letztes Spiel. Und qualifizierte sich dank des Sieges in Gibraltar für die EM.

Am 18. November 2019 bestritt die Schweizer Nationalmannschaft ihr letztes Spiel. Und qualifizierte sich dank des Sieges in Gibraltar für die EM.

Das ist auch so, weil in Fussball-Europa die Uefa die Fäden in den Händen hält. Bedeutet: Die Entscheidungen werden so gefällt, dass das Geld möglichst weiter fliesst. Auf die Einnahmen der Nations League kann die Uefa nicht verzichten. Und auch an einer EM 2021 in zwölf Städten quer durch Europa hält sie fest. Und doch würde es nicht überraschen, wenn bald die Idee ernsthaft besprochen würde, die EM in einer Bubble in einem Land (oder gar einer einzigen Stadt) auszutragen. So, wie das in der Champions und Europa League erfolgreich praktiziert wurde. Und so, wie das in Nordamerika NBA oder NHL vormachen. Tami lächelt, sagt dann: «Der Ball liegt bei den Doktoren.»

Die Wahl von Tami als Direktor der Nationalteams löste keine Begeisterung aus – doch sein Vorgehen ist clever und bedacht

Wer seine Arbeit beurteilen will, muss also vorab aufs erste Halbjahr seines Wirkens schauen. Zur Erinnerung: Die Position des «Direktors Nationalteams» wurde vor allem deshalb erschaffen, weil Trainer Vladimir Petkovic und der Fussballverband rund um die WM 2018 ein chaotisches, zerstrittenes Bild abgaben.

Und gerade weil das so war, hat die Wahl von Tami keine Jubelstürme ausgelöst. Die Sehnsucht nach einem guten Kommunikator, der das Image der Nationalmannschaft nachhaltig verbessert, war gross. Sehnsüchte, die nach Namen wie Spycher, Gerber, Bickel, Sutter oder Knäbel dürsteten, aber gewiss nicht nach Tami. Es war nicht so, dass man ihm die Fachkompetenz abgesprochen hätte, natürlich nicht, aber ein guter Kommunikator, der voranschreitet? Spätestens als Tami bei seinem ersten öffentlichen Auftritt im Amt anfangs September 2019 zusammen mit Petkovic fast eine Stunde lang nur über die Abwesenheit von Xherdan Shaqiri wegen Motivationsproblemen und Captain Stephan Lichtsteiner wegen Trainingsrückstand referieren musste, da schienen sich die Befürchtungen zu bestätigen.

Tami, weiss, was er will: «Ich gehe geradeaus! Wichtig ist, dass du das Ziel erreichst.».

Tami, weiss, was er will: «Ich gehe geradeaus! Wichtig ist, dass du das Ziel erreichst.».

Auf die Frage, ob Tami die Meinungen zu seiner Wahl verletzt hätten, blickt er dem Besucher verständnisvoll entgegen: «Nein, denn ich war von meinem Weg überzeugt. Ich weiss genau, was ich will. Ich gehe geradeaus. Geradeaus! Es gibt eben verschiedene Wege zum Ziel. Wichtig ist nur, dass du das Ziel erreichst.» Und er gibt offen zu, der Start war unglücklich.

Trotzdem ist Tami seinen Vorstellungen treu geblieben. Er nahm sich vor, in den ersten drei Monaten keine Schnellschüsse zu produzieren, sondern zu beobachten. «In diesen Monaten stand die EM-Qualifikation im Vordergrund. Und ich wollte erst einmal alle kennenlernen – Trainer, Spieler, Staff.»

Die Erkenntnis: «Seit der WM 2018 ist die Stimmung rund um die Nati häufig negativ»

Gerade für die Zusammenarbeit mit Nationaltrainer Vladimir Petkovic ist diese Herangehensweise gewiss nicht falsch. Dass Tami, der Petkovic damals im Bewerbungsprozess um die Nachfolge von Ottmar Hitzfeld unterlegen ist, plötzlich Petkovics Chef wurde, hatte eine besondere Note. Tami wusste um diese besondere Konstellation und war clever genug, nicht gleich die grosse Revolution auszurufen. Es war der richtige Ansatz, um eine gute Basis zu legen für die Zusammenarbeit mit Petkovic.

Gleichwohl sagt Tami: «Fakt ist einfach: In der Zeit zwischen der WM 2018 und dem Ende der EM-Qualifikation 2019 war die Stimmung rund um die Schweizer Nationalmannschaft herum immer wieder negativ. Und das, obwohl ich schnell gemerkt habe, dass sowohl der Trainer wie die Mannschaft gut miteinander arbeiten und die Stimmung im Team stets top war.»

Wie weiter? Als die Schweiz im Oktober 2019 in Dänemark verlor, war die Zukunft von Petkovic als Nationaltrainer ungewiss. «Wir durften uns danach keine Schritte in die falsche Richtung mehr leisten», sagt Tami.

Wie weiter? Als die Schweiz im Oktober 2019 in Dänemark verlor, war die Zukunft von Petkovic als Nationaltrainer ungewiss. «Wir durften uns danach keine Schritte in die falsche Richtung mehr leisten», sagt Tami.

Das waren die Voraussetzungen, unter denen er seine wichtigste Entscheidung in Angriff nahm. Die Frage, ob die Schweiz den Vertrag mit Vladimir Petkovic als Nationaltrainer verlängern soll.

Natürlich, Tami wollte von Petkovic den «Hunger» spüren, dass er seinen Job noch nicht als erledigt betrachtet. Dafür reichte bereits ein einziges Gespräch. Petkovics Fachkompetenz zweifelte ohnehin niemand mit Sachverstand an. Wichtiger waren Tami darum die weichen Faktoren. «Uns war klar: Wir müssen die Beziehung zum Volk verbessern. Die Nati muss sich öffnen, der Trainer voranschreiten. Denn unsere Mannschaft gehört allen.» Wenn Tami über die Vergangenheit konkret in diesem Punkt sprechen soll, dann sagt er im Stile eines Pokerspielers: «Wir hatten vielleicht gute Karten in der Hand – aber wir haben sie schlecht gespielt.»

Tami ist es gelungen, Petkovic von seinem Plan zu überzeugen. Es resultierte die Vertragsverlängerung bis Ende 2022, wobei der Vertrag aufgelöst werden könnte, falls die Schweiz die Qualifikation für die WM in Katar nicht schafft.

Die Versöhnung des Nationaltrainers mit seinen Kritikern

Erste Anzeichen, dass Petkovic wirklich gewillt ist, sich zu öffnen sind vorhanden. Vor Corona besuchte er seine Spieler häufiger als auch schon. Seine öffentlichen Auftritte mehren sich. Und auch das Volk sollte Petkovic und die Nati-Stars wieder mehr spüren. In der EM-Vorbereitung wären beispielsweise Besuche in Schulen oder Altersheimen geplant gewesen.

Die Frage aber bleibt trotzdem, was macht für Pierluigi Tami gute Kommunikation aus? «Mein Grundsatz ist: Entscheid ist das Verhalten und nicht, ob jemand wunderbare Sprachbilder konstruieren kann.» Tami hat sich beispielsweise darüber gefreut, dass die Nati zu Beginn der Corona-Krise von sich aus Geld gespendet hat für das Pflegepersonal und auf Prämien verzichtet hat. Ganz grundsätzlich hat Tami konkrete Vorstellungen, welchen Weg er sehen möchte. «Es gibt verschiedene Kulturen, Religionen, Farben, politische Ansichten – die Nati ist multikulturell und wir repräsentieren alle.» Das ist eine seiner wichtigsten Botschaften über den Tag hinaus.

Eines der Ziele von Tami: Junioren müssen bessere Resultate abliefern

Als sich das Gespräch dem Ende zuneigt, kommen die Juniorenauswahlen der Schweiz zur Sprache. Es ist ein Thema, das Tami, dem ehemaligen U21-Nationaltrainer, besonders am Herzen liegt. Neu trägt er die Verantwortung für alle Auswahlen. Und Tami lässt keine Zweifel offen, dass sich etwas ändern muss. «Für die Glaubwürdigkeit der Schweiz als gutes Fussball-Ausbildungsland brauchen wir bessere Resultate. Sowohl die U21, die U19, als auch die U17 sind zu weit weg von der Spitze. Das muss sich ändern, ein Platz in den den Top 16 ist Pflicht. Das ist auch ein Signal für die grossen Fussball-Nationen, die ihre Spieler in der Schweiz kaufen.» Am Ende gehe es auch darum, schon frühzeitig eine Winner-Mentalität aufzubauen.

So, wie das der kürzlich zurückgetretene Stephan Lichtsteiner jahrelang vorgelebt hat.

Pierluigi Tami, Direktor er Schweizer Fussball Nationalmannschaft, posiert für CH Media.

Pierluigi Tami, Direktor er Schweizer Fussball Nationalmannschaft, posiert für CH Media.

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