Neue Laufbahn
Bringt die neue «Piste Magique» im Letzigrund die bessere Leistung als der Wunderschuh von Nike?

Derzeit erhält die Laufbahn im Stadion von «Weltklasse Zürich» den modernsten Belag der Welt. Eine wissenschaftliche Studie verspricht erstaunliche Vorteile. Doch ausgerechnet der Verfasser der Untersuchung relativiert den tatsächlichen Einfluss auf die Leistung.

Rainer Sommerhalder
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Der Einbau des neuen Belags im Letzigrund dauert voraussichtlich bis Ende Juli. Der insgesamt 7 Millimeter dicke Kunststoff wird in zwei Schichten gegossen und kostet die Stadt insgesamt eine Million Franken.

Der Einbau des neuen Belags im Letzigrund dauert voraussichtlich bis Ende Juli. Der insgesamt 7 Millimeter dicke Kunststoff wird in zwei Schichten gegossen und kostet die Stadt insgesamt eine Million Franken.

Pirmin Mader

Die Referenz lässt sich sehen. Die Leichtathletik-Rundbahn im Stadion Letzigrund erhält in diesen Wochen einen neuen Wunderbelag, der gemäss Hersteller Conica bis zu 10 Prozent Schnelligkeitsvorteil für die Läufer bringt. Das verwendete Produkt «Conipur Vmax» ist eine Weltneuheit und wurde bisher erst im Stadion in Monaco eingebaut. Nur Tage später lief der 24-jährige Ugander Joshua Cheptegei im Fürstentum einen Fabelweltrekord (12:35,36) über 5000 Meter.

Alles sprach nach Cheptegeis Husarenritt vom Nike-Spikeschuhe «Dragonfly». Dieser soll dank einem neuartigen, energierspeichernden Schaumstoff und einer Carbonplatte laut wissenschaftlichen Studien eine Leistungsverbesserung von bis zu vier Prozent ermöglichen.

Alles nur eine Frage des richtigen Marketings?

Nun schreibt die Schaffhauser Firma Conica, Weltmarktführer beim Einbau von Sportböden, von bis zu zehn Prozent Wettbewerbsvorteil und beruft sich ebenfalls auf eine wissenschaftliche Studie der renommierten Sporthochschule Köln. Ist der Untergrund also entscheidender als der Schuh und lässt uns die Marketing-Maschinerie des Weltkonzerns Nike einfach etwas anderes glauben?

Die «Piste Magique» im Letzigrund hat seit Jahrzehnten einen legendären Ruf. Bereits beim 100-m-Weltrekord von Armin Hary im Jahr 1960 sprach man von der schnellsten Laufbahn Europas. Und nun will Zürich in dieser Hinsicht erneut weltweit führend sein. Rund eine Million Franken kostet die Stadt der Einbau dieser Laufbahn insgesamt. 6300 Quadratmeter werden in zwei Schichten 14 Millimeter dick gegossen, dazu kommen noch Serviceflächen.

Weil der flüssige Kunststoff Polyurethan – das Material Tartan wird seit Jahren nicht mehr verwendet – beim Einbau trockene und warme Verhältnisse benötigt, ist man im Zeitplan etwas in Verzug. Da kommt dem verantwortlichen Architekten Pirmin Mader gerade recht, dass diesen Sommer coronabedingt keine Popstars den Letzigrund für Open Airs in Beschlag nehmen.

Der Schuh ist entscheidender als die Unterlage

Doch welchen Einfluss hat die Laufunterlage nun auf die Leistung und wie steht dieser im Verhältnis zum Laufschuh? Professor Steffen Willwacher hat die wissenschaftliche Studie für Conica gemacht. Und der ehemalige Zehnkämpfer ist eine Kapazität bei der Erforschung von Einflüssen des Schuhwerks auf den Bewegungsablauf des menschlichen Körpers.

Willwacher relativiert als erstes die Interpretation der eigenen Studie. «Die zehn Prozent wurden aus dem Kontext gerissen. Ich würde diese Aussage so nicht unterschreiben. Wenn eine Laufbahn zu einer Leistungsverbesserung von einem Prozent führt, dann wäre dies bereits ein spektakuläres Ergebnis».

Der Wissenschaftler der Uni Offenburg erklärt, dass der Faktor Schuh definitiv den grösseren Einfluss auf die Leistung habe als die Unterlage. Das optimale Resultat ergebe sich aber aus der Kombination Schuh und Laufbahn, wobei man die beiden Effekte nicht einfach addieren könne. Es sei durchaus möglich, dass sich Effekte zur Energierückgewinnung gegenseitig neutralisieren.

Hier ist die neue «Piste Magique »tatsächlich zehn Prozent besser

Willwachers will mit seinem nüchternen Blick auf den Einfluss in der Leistungsoptimierung aber nicht die Einzigartigkeit der neuen Zürcher Laufbahn «Conipur Vmax» kleinreden. Sie habe ähnliche Eigenschaften wie der Schuh, die allerdings geringer seien. Der Belag muss so hart wie möglich, aber dennoch elastisch sein. «Eine möglichst gute horizontale Steifigkeit hilft bei der Beschleunigung, die notwendige Elastizität unterstützt eine energetisch effiziente Fortbewegung bei Maximaltempo», sagt Steffen Willwacher. In den relevanten Punkten schneide der «Vmax» tatsächlich besser ab als konventionelle Bahnen.

Und da wären wir wieder bei den ominösen zehn Prozent. Der Wissenschaftler erklärt, dass sich die Materialeigenschaften in diesen Punkten um diese Prozentzahl unterscheiden. Also durchaus eine «Piste Magique» im Letzigrund. Aber die Leistungssteigerung für einen Weltrekorde übernimmt nach wie vor der Athlet und nicht die Laufbahn. Oder allenfalls der Schuh...