Eishockey-Nati
Niemand weiss, wer unsere Hockey-Nati bei der WM 2016 in Moskau führt

Zum ersten Mal in der neueren Geschichte wissen wir im Herbst nicht, wer unsere Spieler für die WM aufbietet, wer sie dort coacht und mit welchem Konzept wir spielen werden.Für die Zukunft wird die Doppelspitze Hollenstein/Fischer favorisiert.

Klaus Zaugg
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Das Duo Hollenstein/Fischer (r.) könnte an der nächsten Hockey-WM die Fäden ziehen.

Das Duo Hollenstein/Fischer (r.) könnte an der nächsten Hockey-WM die Fäden ziehen.

Keystone

Nach der Entlassung von Glen Hanlon ohne durchdachten «Plan B» ist das Chaos ausgebrochen. Rund um die Besetzung des Nationaltrainerpostens wird ein Theater sondergleichen aufgeführt. Atemlose Planlosigkeit.

Die Spieler stehen dem Nationalcoach nicht mehr während der ganzen Saison zur Verfügung. Es ist wegen der grossen Belastung der Spieler in den Klubs nicht mehr möglich, jedes Länderspiel in Bestbesetzung zu bestreiten. Deshalb ist ein klares Konzept wichtiger denn je. Hinter jedem Aufgebot muss eine Idee, ein Konzept, eine Strategie stehen. Jedes Aufgebot muss Sinn machen. So war es bei Simon Schenk, bei Ralph Krueger und bei Sean Simpson. Eigentlich seit der Rückkehr zum Prinzip des vollamtlichen Nationaltrainers im Jahre 1983.

Von einem planvollen Vorgehen, von einem Masterplan unserer WM-Expedition sind wir weiter entfernt als unsere Luftwaffe von einer Landung auf dem Mars. Im Aufgebot zum Deutschland Cup mit vier Neulingen ist kein Konzept mehr zu erkennen – es sei denn, wir nennen das Prinzip «Krethi & Plethi» ein Konzept. Erste Ansätze zu dieser Planlosigkeit waren schon letzte Saison unter Glen Hanlon mit mehr als 60 aufgebotenen Spielern zu erkennen. Das silberne Erbe von 2013 verbleicht mehr und mehr im Chaos.

Eine doppelte Fehlbesetzung

John Fust führt unsere Nationalmannschaft nur beim Deutschland-Cup. Alles andere ist offen. Auch ob Felix Hollenstein weitermacht. John Fust ist definitiv der falsche Mann für den Deutschland-Cup. Er ist nämlich
vollamtlicher U20-Nationaltrainer. Er müsste jetzt die U20-Nationalmannschaft für die WM Ende Dezember vorbereiten. Auch sein Assistent beim Deutschland-Cup ist der falsche Mann. Thierry Paterlini müsste in diesen Tagen an einem anderen Ort sein und das U18-Nationalteam führen. Bei den Zusammenzügen der beiden wichtigsten Junioren-Nationalteams fehlen ausgerechnet beide Cheftrainer. Da mag der umtriebige Nationalmannschafts-Direktor Raeto Raffainer noch so sehr betonen, das sei kein Problem – es ist ein Problem. Ein grosses Problem. Sogar verbandsintern wird unter Wahrung der Anonymität von «unhaltbaren Zuständen» gesprochen.

Wer soll im Frühjahr unsere Nationalmannschaft bei der WM führen? Nachdem Glen Hanlon im Amt alleine überfordert war – der Kanadier hatte zuletzt noch auf eigene Faust versucht, Felix Hollenstein als Assistenten zu gewinnen –, wird von verschiedenen Kreisen die «Doppelspitze» Felix Hollenstein/Patrick Fischer favorisiert. Auch die mächtige Nationalmannschafts-Kommission hat nichts dagegen. SCB-Sportchef Sven Leuenberger, der dort zusammen mit ZSC-Manager Peter Zahner die Meinung macht, sagt: «Eine solche Lösung ist denkbar. Ausgeschlossen ist, wie schon immer, ein Nationaltrainer in Nebenamt.» Der Nationaltrainer wird vom Verbands-Verwaltungsrat angestellt – mit dem Segen der Nationalmannschafts-Kommission.

Nächste Woche finden die entscheidenden Gespräche mit Felix Hollenstein statt. Den ehemaligen Leitwolf der Kloten Flyers davon zu überzeugen, den Job zusammen mit Patrick Fischer zu übernehmen und ihm dafür die entsprechenden Kompetenzen einzuräumen – das ist für Raeto Raffainer inzwischen so ziemlich die letzte Chance, nach dem Chaos-Herbst die Dinge zu ordnen, das Gesicht nach der Ankündigung einer Schweizer Lösung zu wahren und mit guter Sicht statt im Blindflug die WM 2016 in Moskau anzusteuern.